Aus meinem Leben

Franz Michael Felder, Nicole Streitler-Kastberger


Weinen wie bei Jean Paul

Wenn zu Weihnachten wirklich Ruhe sein soll: liebevoll gestaltete Hör-Editionen österreichischer Sagen und "Helden", die sich für den feiertäglichen Kopfhörerkonsum eignen.

Der unaufhaltsame Gipfelsturm des Hörbuchs im Jahr 2005 wird wohl dafür sorgen, dass auch unter dem Weihnachtsbaum kräftig Hörbuch gehört wird. Deshalb haben sich die Hörbuch-Verlage auch einiges einfallen lassen und fahren zur Weihnachtszeit besonders gerne mit kostspieligen, mehrteiligen Hörbuch-Editionen auf.

Das Rennen unter den Blockbustern der Hörbücher dürfte diesmal Hoanzl machen, der mit Michael Köhlmeier zweifellos einen Meistersprecher für sich gewinnen konnte, um die neun CDs umfassende Hörbuch-Edition "Sagen aus Österreich" herauszubringen. Selbstverständlich ist die Edition nach Bundesländern geordnet, wobei alle laufzeitmäßig paritätisch und nicht etwa proportional zu ihrer Fläche oder Einwohnerzahl vertreten sind. Bei der Covergestaltung hat sich der Verlag nicht lumpen lassen und die Bildrechte von Bildern der Maler Gunter Damisch, Josef Danner, Franco Kappl und Nikolaus Moser angekauft.

Michael Köhlmeier ist ein feiner Erzähler, der mit den "Klassischen Sagen" schon einiges an Praxis im Nacherzählen altertümlicher Geschichten gesammelt hat. Er erzählt frei oder improvisiert über der Textvorlage, wodurch seine Nacherzählungen eine wunderbare Lebendigkeit gewinnen. Er spricht die Dialoge in den Sagen wie ein Schauspieler und doch so, wie kein Schauspieler sie sprechen würde. Manchmal kommt der Alemanne in ihm durch, manchmal verspricht, verbessert oder wiederholt er sich, doch dies stört den Erzählfluss keineswegs, sondern lässt ihn nur natürlicher, ja erzählgemäßer erscheinen.

Schön zu wissen, dass es einmal ein Gasthaus auf der Freyung gegeben hat, das "Gasthaus zum roten Mandl" geheißen hat, und zwar nach einer Begebenheit mit dem Dr. Faustus, der ja bekanntlich mit dem Teufel im Bunde stand und das an der Freyung auch kräftig unter Beweis stellte.

Eine Sage spielt auch in der Autobiografie "Aus meinem Leben" des Vorarlberger Erzählers Franz Michael Felder eine wichtige Rolle. Es ist die Sage vom "Klushund", der Seele eines bösen Landesverräters, die im Wald in der Nähe der Ortschaft Klaus bis zum heutigen Tage ihr Unwesen treibt, wie es im Sagenjargon so schön heißt. Die Autobiografie des Wälders aus Schoppernau, die an Jeremias Gotthelf und Gottfried Keller erinnert, wurde jetzt vom Verlag Libelle gemeinsam mit dem Franz-Michael-Felder-Verein mit dem am Wiener Burgtheater tätigen deutschen Schauspieler Markus Hering in einer dreibändigen CD-Edition herausgebracht.

Als Sprecher ist Hering kühler als Köhlmeier, doch auch er versteht es natürlich, sich schauspielerisch dem Text zu nähern und das gelesene Buch so zu einem gespielten zu machen. Peter Handke hat einmal gesagt, dass er "nie glücklicher" war "als bei der Lektüre dieses Buches". Das ist zweifellos ein großes Kompliment für Felders Autobiografie, und sie sei hiermit auch jedem ans Herz gelegt, der wieder einmal weinen will wie eine leibhaftige Jean-Paul-Figur.

Rechtzeitig zum Mozart-Jahr bringt Jumbo Neue Medien jetzt schon eine Hörbuch-Edition: "Nachtmusik und Zauberflöte. Mozart-Hits für Kinder", präsentiert von Marko Simsa. Die Edition umfasst zwei CDs, auf der Simsa Mozarts Leben nacherzählt und in die wichtigsten Werke einführt. Begleitet wird er von einem Streichquartett, zwei Pianistinnen und einem Bariton. Neben Tanzschritten findet sich auch eine recht liebevoll gemachte Bastelvorlage im Booklet. Simsas scheinbar kindgerechtes Sprechen nervt leider ein bisschen. Kinder reden heute wie Erwachsene und wollen auch, dass man so mit ihnen redet. Das tut dem Gesamtkonzept der Edition zum Glück keinen wesentlichen Abbruch. Vielleicht hat der eine oder andere Sprössling Freude an musikalischen Kostproben und einer Einführung in Leben und Werk des W.A. Mozart. Kann ich mir durchaus vorstellen.

in FALTER 50/2005



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