Winning his way /wie man seine art gewinnt

Gertrude Stein


Der kalte Herrenreiter

Erstmals sind alle Gedichte des irischen Modernisten und Obskuranten William Butler Yeats in deutscher Übersetzung erschienen.

William Butler Yeats (1865-1939), der irische Ahnherr der literarischen Moderne, Dichter, Politiker und Dramaturg, hätte die Rosen wirklich besser nur besungen. "Rote Rose, stolze Rose, Trauerrose aller meiner Tage / Komm her, ich singe " heißt es im frühen Gedichtzyklus"Die Rose" aus dem Jahr 1893. Was folgt, ist eine wild brodelnde Beschwörung keltisch-irischer Mythen, von "Cuchulain, der mit den Fluten rang" und vom "Druiden, der mit Träumen Fergus zwang". Der Herr der Ringe ist ebenso nah wie Auf- und Untergang des ganzen Abendlandes. Dem nicht genug, erklärt Yeats in seiner Autobiografie auch noch, dass er zur Stimulierung seiner Einbildungskraft eine Rose verbrannte und wartete, bis der Geist der Rose unter Einwirkung des Mondlichts über der Asche erschien. W.H. Auden, dichtender Zeitgenosse, sparte denn auch nicht mit Spott, als er über den Literaturnobelpreisträger des Jahres 1923 schrieb: "1900 glaubte Yeats an Elfen, das war schlimm genug - aber 1930 war man mit dem traurigen und beklagenswerten Schauspiel eines erwachsenen Mannes konfrontiert, der sich mit dem Brimborium der Magie und dem Unsinn Indiens beschäftigte."

Von all dem ist in dem 14 Bücher umfassenden dichterischen Gesamtwerk, das von "Crossways" (1889) über die legendären "Wilden Schwäne von Coole" (1919) und "Michael Robartes and the Dancer" (1921) bis zu den "Last Poems" (1939) reicht und nun erstmals vollständig ins Deutsche übertragen wurde, genug zu lesen. Da sind einmal Liebesgedichte, die ein Gutteil des Yeats'schen Ruvres ausmachen. "Steck dir die goldene Nadel ins Haar / Und bind dir jede Locke hoch" beginnt es konventionell, und die Geliebte wird schmachtend aufgefordert: "Tritt sanft, du trittst ja auf meine Träne." Dann legt sich der Liebende schon "auf ein Otterfell", und ein ganzes Tal füllt sich mit Paaren mythologischer Liebender.

Es sind vor allem Liebesgedichte und Balladen, mit welchen sich Yeats vom Symbolismus wegschreibt: Das Glück der Welt wird durch den Schlüsselbeinknochen eines Hasen erschaut, da wird eine Berghäsin oder ein Eichhörnchen in Kyle-na-no ebenso sachlich bedichtet wie eine Lacke ausgeschütteter Milch oder eine simple Tasse. Nach der frühen Einsicht in die Entzauberung der modernen Welt ("Arkadiens Wälder sind tot") beginnt Yeats mit deren systematischer Remythologisierung. Deren Höhepunkt stellt das dem Besuch einer Montessorischule gewidmete Gedicht "The Second Coming" aus dem Jahr 1926 dar. Der dichterische Entwurf einer ganzen Kosmologie führt auf verschlungene Weise zurück zum Konkreten: "O du Kastanienbaum, mit großen Wurzeln, Blühe, / Bist du das Blatt, die Blüte oder Stamm? / O Körper, zur Musik gewiegt, o Blick und Glanz, / Wo trennt man nur den Tänzer und den Tanz?"

Die Yeats'sche Frage- "How do we know the dancer from the dance?" - die Frage nach dem Verhältnis von Dichter und Gedicht, von Dichtung und Leben - vermochte er für sich selbst, der von 1922 bis 1928 irischer Senator war, nicht immer befriedigend zu beantworten. Im Ersten Weltkrieg weist er die Bitte um ein Kriegsgedicht noch von sich: "Ich glaub es ist besser, wenn in solchen Zeiten / der Mund des Dichters stumm bleibt; denn fürwahr, / Unser Talent taugt nicht dazu, den Staatsmann zubelehren; / Uns ist's genug, den Mädchen Freude zu bereiten". Als es aber wenig später um Irlands Unabhängigkeitskampf geht, greift Yeats tief in die Leier und lässt den Osteraufstand des Jahres 1916, der mit der Hinrichtung von 15 Aufrührern durch die britischen Regierungstruppen endet, in einem mehr als zweifelhaften lyrischen Verdikt kulminieren: "A terrible beauty is born." Auf Deutsch lautet die Formel für abstruse Poetisierung von Zeitgeschichte: "Furchtbare Schönheit entstand."

Yeats persönlicher Lebensentwurf nimmt eine nicht minder furchtbare Form an. Als die RevolutionärinMaud Gonne auch seinen dritten Heiratsantrag ablehnt, geht er eine zur Verbindung zweier Visionäre hochstilisierte Ehe mit Georgie Hyde Lees ein: Yeats hält sich selbst für König Salomon, seine Gemahlin für die Königin von Saba. Das spiritistische Wüten auf den Trümmern keltischer Mythologie führt denn auch bald zu grundlegenden politischen "Einsichten": "Haben nicht alle Rassen ihre Einheit aus einer Mythologie, die sie mit Fels und Gebirge vermählt?", fragte der Mystagoge und erklärt seine Sympathie für Mussolini. Den Höhepunkt an verquerer Maskerade des späten Yeats stellt die auf eine ominöse Operation zur Erneuerung seiner sexuellen Kräfte erfolgende Wiedergeburt als Neo-Dionysos dar - die auch in seiner Lyrik deutliche Spuren hinterlässt. Priesen Gedichte aus den 1920er-Jahren wie jenes über Leda und den Schwan (das ob seiner Formvollendetheit zum Kanon der englischen Lyrik zählt), die Freuden der Vergewaltigung, gibt Yeats an seinem Lebensende nur noch Peinliches von sich: Frauen sind ihm jetzt bloß "vierbeinige Tiere": "Für welche Art von Mann machst du die Beine breit?"

Zumindest politisch wird der irische Herrenreiter dann doch noch einmal gescheiter: auf Aufforderung des chilenischen Dichters und Kommunisten Pablo Neruda legt er ein Bekenntnis zur Spanischen Republik ab.

Begraben ist W.B. Yeats wie in einem seiner letzten Gedichte im irischen Sligo: "Am Fuß von Ben Bulben hat / Drumcliffs Kirchhof Yeats sein Grab, / Ein Ahn war Pfarrer hier am Ort / Vor langer Zeit." Das Ende der Ballade ist gleichermaßen balladesk wie lakonisch: "Reiter schau kalt / Auf Leben und Tod. / Mach hier nicht Halt." Wer bei Yeats' Gedichten Halt macht, sollte sich zur vergleichenden Lektüre mit einer englischen Ausgabe ausstatten: "Cast a cold eye on life, on death; horseman, pass by!"Das Wasserbett sagt: "Gurgel, glucks"

Von einigen der Sonette des William Shakespeare gibt es mehr als hundert verschiedene Übersetzungen ins Deutsche. Nun hat der renommierte Anglist und Übersetzer Klaus Reichert den ganzen Zyklus der 154 Liebesgedichte an die ominöse dunkle Dame und einen jungen Mann in leicht rhythmisierte deutsche Form gebracht: "From fairest creatures we desire increase, / That thereby beauty's rose might never die" lautet dann: "Von schönsten Wesen wünschen wir ein Mehr, damit die Rose / Schönheit niemals sterbe."

Wie der allerklassischste Gegenstand des Gedichts, die Rose, in lyrische Form zu bringen ist, hat auch die radikalste Begründerin modernen Schreibens, Gertrude Stein, mehrfach beschäftigt. Im wenig bekannten Langgedicht "wie man seine art gewinnt" geht das so: "obzwar. er wußte. rosen. sind. rot. und. rosen. sind. weiß. und rosen. sind rosen."

So zurückhaltend der Übersetzer Ulf Stolterfoht bei Gertrude Stein bleibt, so manieriert wirken die kleinen, unter dem Titel "Trötentöne" (früher: Flötentöne) gesammelten verspielten Altersreimereienvon Samuel Beckett in der Übertragung Barbara Köhlers: en face / le pire / jusqu'à ce / qu'il fasse rire": "aufs ärgste / gefaßt / bis das macht / daß man lacht." Der Meister des Absurden, dessen Prosa ja vor lyrischen Passagen strotzt, in seinem Nachruf zu Lebzeiten: "neunzig war der zwerg / als er mit letztem seufzen bat / wenigstens den sarg / normalformat."

Erich Klein in FALTER 50/2005



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