Die Sonette - The Sonnets. Deutsch - Englisch


Shakespeare's Greatest Hit

Vor 450 Jahren wurde Shakespeare geboren, vor rund
250 von den Deutschen entdeckt. Seitdem wird
sein Sonett Nr. 18 gecovert wie sonst nur die Bibel

Von Shakespeares "Sonetten" weiß man mit letzter ­Sicherheit wirklich erstaunlich wenig: weder, wann diese verfasst wurden, noch in welcher Reihenfolge und ob jene, die wir kennen, wirklich authentisch sind. Wir wissen weder, wer genau der Mann, den wir Shakespeare nennen, wirklich war, noch wer sich hinter jenem "Mr. (= Master) W. H." verbirgt, dem die 154 Gedichte zugeeignet sind. Und es ist auch nicht geklärt, ob Shakespeare homosexuell war oder ob nur seine Sonette schwul sind.
Fest steht, dass die Erstausgabe von "Shake-Speares Sonnets" 1609 bei Thomas Thorpe in London erschienen ist. Fest steht des Weiteren, dass die Sonette – so wie ja auch ihr Verfasser selbst – gerade im deutschen Sprachraum eine ganz besondere Wirkungsgeschichte entfaltet haben. Erst weit über 100 Jahre nach seinem Tod wurde der englische Dichter und Dramatiker im deutschen Sprachraum überhaupt zur Kenntnis genommen, zuerst mit fremdelnder Skepsis, schließlich – von Lessing über den Goethe des Sturm und Drang bis zu den Romantikern – mit großem Enthusiasmus.
Und so wie das "sonetteering" im England des ausgehenden 16. Jahrhunderts eine weit verbreitete Mode war, hat sich das Übersetzen der Shakespeare'schen Sonette zu einer Sportart ausgewachsen, die sich seit über 200 Jahren einer nahezu ungebrochenen Beliebtheit erfreut: Außer der Bibel wurde kein Werk öfter ins Deutsche übertragen.

Der Greatest Hit unter Shakespeares Sonetten ist wohl die Nummer 18. Es hebt an mit der Hammerzeile: "Shall I compare thee to a summers day?", einer rhetorischen Frage, die in der zweiten Zeile postwendend mit "eher nein" beantwortet wird, weil: "Thou art more lovely and more temperate."
Das 18. Sonett nimmt im ganzen Zyklus insofern eine besondere Stellung ein, als es auf den Block der sogenannten "Sonnets of Procreation" folgt. In den Sonetten 1 bis 17 wird das Generalthema, nämlich das Wüten der "verschlingenden Zeit", dieses "blutigen Tyrannen", in Hinblick auf die Schönheit des angesprochenen jungen Mannes variiert, die durch Fortpflanzung zu erretten der Dichter diesem wiederholt empfiehlt.
So zum Beispiel gleich im ersten Quartett des ersten Sonetts: "From fairest creatures we desire increase, / That thereby beauty's rose might never die, / But as the riper should by time decease, / His tender heir might bear this memory." In Gottlob Regis' ausgesprochen gut haltbarer Übersetzung von 1836: "Vom schönsten Wesen wünschen wir Vermehrung, / Damit der Schönheit Ros' unsterblich sei, / Und, wenn das Reife stirbt durch Zeitverheerung, / Sein Bild in zarten Erben sich erneu'."
Die Nummer 18 aber stellt auch insofern das ultimative Sonett dar, als es in größtmöglicher Hybris und grandioser Arroganz nichts anderes behauptet, als dass der Angesprochene – und das ist bis einschließlich Nr. 126 eben ein Mann – nicht nur die Natur übertrifft, sondern dass dessen Schönheit just durch die Macht der Dichtung Unsterblichkeit erlangen wird; die "ewigen Zeilen" (eben dieses Gedichts) werden schon dafür sorgen: "Solange Menschen atmen, Augen sehn, / So lang lebt dies, und heißt dich fortbestehen" (Regis).
Die Lektüre verschiedener Übersetzungen ist ein gutes Training, um sich für das Zusammenspiel der klanglichen, rhythmischen und bildhaften Elemente von Lyrik zu sensibilisieren und dadurch deren Funktionsweise zu kapieren – Schönheit ist schließlich eine Frage der Einsicht.
Wie zum Beispiel überträgt man die erste Zeile ins Deutsche? Nun, das ist an sich ziemlich leicht – solange man nicht bedenkt, dass die übernächste Zeile einen Reim braucht: Shakespeares Sonette sind, sieht man vom abschließenden Couplet ab, in Kreuzreimen gehalten – wodurch sie sich von jenen Petrarcas und des deutschen Barock unterscheiden, die den umschlingenden Reim präferieren.
Ein Reim auf "Tag(e)"? Dorothea Tieck konnte 1826 offenbar keinen finden und wechselte lieber die Jahreszeit: "Vergleich ich dich dem Tag im holden Lenze?" Das ist zwar ein bisschen pedantisch, aber ganz unrecht hat die Tochter des deutschen Romantikers Ludwig Tieck mit ihrem klandestinen Einwurf nicht: Wie Shakespeare von "a summer's day" auf die "darling buds of May" kommt, entbehrt in der Tat der konventionellen jahreszeitlichen Logik. Wohingegen Tieck dem "holden Lenze" zwei Zeilen später sehr stimmig "des Mayen Blüthen-Kränze" nachwirft.
Zehn Jahre später riskiert Gottlob Regis lieber eine gröbere reimtechnische Unsauberkeit und jagt am Ende von Zeile drei "des Maies Lieblinge (…) von den Zweigen", um dafür die erste Zeile unüberbietbar schlicht und schlank zu übersetzen: "Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?"

Nun neigen Übersetzer gerne dazu, aus Eitelkeit, Angeberei oder aus Angst, des Epigonentums geziehen zu ­werden, alles neu machen zu müssen, selbst wenn das Optimum – wie etwa die Eingangszeile bei Regis – eigentlich schon erreicht ist. Karl Kraus, der dennoch alles besser, wenn auch kein Englisch konnte, unterstellte ­sämtlichen Shakespeare-Übersetzungen, den "gedanklichen Inhalt oder dichterischen Wert" verfehlt oder eine "­Herabsetzung Shakespeare'schen Fühlens und Denkens auf das Niveau der Mittelmäßigkeit" herbeigeführt zu haben.
Er selbst beginnt seine "Nachdichtung" der Nr. 18 mit "Soll ich denn einen Sommertag dich nennen" und ruiniert in der Folge die rhetorische Struktur des Originals: Die Frage, die bei Shakespeare in der ersten Zeile gestellt und in der zweiten beantwortet wird, bläht Kraus durch einen Relativsatz auf, an den nun ein vollends überflüssig gewordenes Fragezeichen gepappt wird: "dich, der an Herrlichkeit ihn überglänzt?"
Die nächste Zeile ist vielleicht die schwächste Übersetzung dieses Verses ever, verwässert sie das handgreiflich-physische "Rough winds do shake the darlings buds of May" doch zu einem lasch poetisierenden "Dem Mai will Sturm die Blütenpracht nicht gönnen". Und im abschließenden Couplet scheint Kraus Shakespeare überhaupt verbessern zu wollen, indem er "So long as men can breathe, or eyes can see" ohne Not mit "Solange Ohren hören, Augen sehn" übersetzt – vermutlich, um seinem Intimfeind Stefan George nicht hinterherdichten zu müssen, der es mit "solang als menschen atmen • augen sehn" eigentlich musterschülermäßig hingekriegt hatte. Für den Anglisten Raimund Borgmeier zählen Kraus' Übertragungen denn auch zu den "oberflächlichsten deutschen Fassungen im 20. Jahrhundert".

Gerade noch in diesem hat auch Christa Schuenke ihre Sonett-Übersetzung in Angriff genommen. "Vergleich ich dich mit einem Sommertag?" unterscheidet sich nicht stark von Regis' Version, eröffnet aber die Möglichkeit, den männlichen (also auf einer betonten Silbe endenden) Reim zu übernehmen und das Metrum taktgenau einzuhalten: "Die Maienknospe, die verzärtelt lag."
Hat man aber erst einmal damit begonnen, aus Gründen der Endreimfindung die Syntax zu verbiegen, gerät man schnell ins Rutschen. Shakespeares Sonette, die aus Sicht unserer romantisch geprägten Auffassung von Lyrik eher argumentativ denn affektiv sind, entwickeln ihre Thesen und Antithesen entlang der strophischen Struktur und meiden den Zeilensprung, das sogenannte Enjambement: Satz- und Versende fallen fast immer zusammen. Schuenke ist also gezwungen, die "rough winds" in Zeile vier umzulenken – was freilich auch kein Beinbruch ist: "Die Maienknospe, die verzärtelt lag / Schlägt rauher Wind; kurz war des Sommer Zeit."
Als Extremsportler des Enjambements betätigt sich der österreichische Lyriker Franz Josef Czernin in seiner 1999 erschienenen Übersetzung. Über das Wesen der Übersetzung (aus anderen Sprachen und Epochen) hat Czernin im Nachwort viel Kluges und Bedenkenswertes geschrieben, in der Praxis sieht seine Coverversion von Nr. 18 so aus, als hätte man Coop ­Himmel­b(l)au damit beauftragt, einen Loos-Bau zu überarbeiten.

Die Dynamisierung manifestiert sich bei Czernin in einer Nomen-raus-Verben-rein-Strategie und wird durch eine gelegentlich aus den Gleisen des Metrums springenden Silbenvermehrung noch verstärkt. Unerreicht auch die explosive Zunahme der Satzzeichen: von 14 auf 36 in bloß 14 Zeilen.
Und schließlich eben das außer Rand und Band geratene, nicht nur die Zeilen, sondern auch die Strophengrenzen überschreitende Enjambement: "mit dem, was blüht und reift, soll ich dich selbst vergleichen? / du erst machst blumen schön, bringst maßvoll sie zu sprechen: / was treibt, das wird vertrieben, stürmisch muss verstreichen, / was drängt; bald platzt, was ins kraut schiesst so wild, muss brechen, // doch dein aug nicht. – die sonne? Ist nicht stets besonnen, / sie brennt auf sich zu sehr (…)"
Keine Frage, hier ist eine sehr eigenwillige und möglicherweise ziemlich zeitgenössische Übersetzung entstanden. Hätte sie der Dichter allerdings an Bord eines von Sir Francis Drake oder Sir Walter Raleigh befehligten Schiffes rezitiert, wäre er mit großer Wahrscheinlichkeit gekielholt worden.

Klaus Nüchtern in FALTER 17/2014



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