Mutterseele

Gabriele Kögl


Von wegen Altersweisheit!

In Österreich wird gut gestorben - jedenfalls, was die literarische Bewältigung dieses tristen Themas bei Sebastian Schinnerl, Gabriele Kögl und Margit Schreiner anbelangt.

Gerne sagt man, dass Alter und Tod in unserer Gesellschaft "tabu" seien. Ohne einen gefestigten Glauben an ein Leben "danach" und die Ideologie der ewigen Jugend im Nacken ist es allerdings nicht leichter geworden, mit diesen Themen umzugehen. Und vielleicht noch schwerer, darüber zu schreiben. Was bleibt übrig von einem Leben, dem möglicherweise nichts folgt? Darauf geben drei neue Romane österreichischer Autoren Antwort.

Mit "Pluton oder Die letzte Reise ans Meer" legt der Vorarlberger Sebastian Schinnerl, Jahrgang 1960, auch gleichzeitig eines der erstaunlichsten Debüts des Jahres vor. Schinnerl hat für die Darstellung des körperlichen und geistigen Verfalls eine Erzählebene gefunden, die seinen Protagonisten in eine mythische Dimension zu heben vermag, ohne die Jämmerlichkeit seines Sterbens zu beschönigen oder das süße Jenseits bemühen zu müssen. Nicht umsonst ist dieses souveräne Buch nach Pluton, dem griechischen Gott des Reichtums und des Überflusses, benannt - gleichzeitig auch der Beiname des Totengottes Hades.

An seinem Beginn checkt der etwa hundertjährige Investmentbanker Heinrich-Herbert Sauvgarder, ein erfolgsverwöhnter Snob, ausgestattet mit seiner Ray-Ban-Brille, einem Bärenpelzmantel und einer Latte teuerster Weine, als gut zahlender Gast in einem exquisiten Betagtenheim ein. Doch bereits als Schwester Rävenstraal mit ihren wassergetränkten Wolfsaugen im Hauptportal erscheint, wendet sich das Blatt und Sauvgarder wird vom Drahtzieher zum Unmündigen degradiert. "Keine Familie. Selten Ferien. Nie mich gehen lassen", lautete seine Lebensdevise. Nun kämpft er gegen ein striktes Regiment - und gegen seine beginnende Demenz. "Viele Formen der Geisteskrankheit", heißt es an einer Stelle, "erschrecken nicht wegen der Unfähigkeit, sie auch zu erkennen, sondern wegen der Möglichkeit, dass sie bereits aktiv sind". Und so beginnt die Geschichte einer langsamen Auflösung ohne sichtbare Übergänge.

Was von außen wie eine Entwürdigung aussieht (und es auch ist), gerät allerdings unter der Hand zu einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, in der sich Sauvgarder eine eigene, neue Welt schafft, womit er zumindest indirekt das von ihm so trotzig eingeforderte Recht auf Selbstbestimmung wiedergewinnt.

Denn die Schilderungen der betuchten, extravaganten Klientel und des kauzigen Personals, konterkariert von Zitaten aus Sauvgarders geliebter Börsenzeitung, werden integraler Teil der Fantasien seines zunehmend verwirrten Geistes, bevölkert von dem zarten Jungen, der er selbst einmal war, der silberzarten, ewig mädchenhaften Helena und einem gewissen Uhlsamen, der vor seinem Tod dasselbe Zimmer wie Sauvgarder bewohnte. Grotesk und komisch, von stilistischer Brillanz und mit einem unaufdringlichen philosophischen Unterfutter - das ist große Literatur.

Man kann es aber auch anders machen. Ganz anders. So wie Gabriele Kögl und Margit Schreiner. Sie schauen ihren Protagonistinnen aufs Maul und erzählen in einer höchstmöglich naturalistischen Sprache, was diese denken. Vorweggenommen sei, dass beiden Autorinnen die Gratwanderung zwischen dem Kitsch der uneigentlichen Rede und seiner eigenen Dekonstruktion mühelos gelingt.

"Mutterseele" heißt der zweite Roman der Grazerin Gabriele Kögl. Wir befinden uns in der steirischen Provinz, eine Bäuerin zieht Bilanz aus ihrem Leben, indem sie meistenteils über andere redet. Schließlich hat sie sich selbst stets vor allem darüber definiert, was die andern hatten und von ihr dachten. Die anderen sind immer ein Ärgernis: vor allem die Kinder, die nicht so werden wollten, wie sie es für sie (und sich) geplant hatte: kein Tierarzt zum Ehemann für die Tochter, die lieber nach Wien ging, um brotlose Schauspielerin zu werden; der uneheliche Sohn verloren durch Selbstmord, weswegen sich die Ich-Erzählerin, die "viel mitgemacht, aber nichts erlebt" hat, auch nicht mehr in die Kirche traut; sogar die angeheiratete Nichte Waltraud scheitert letztendlich im oder vielmehr am fernen Amerika.

Aber hat es nicht so kommen müssen? Die jungen Leute sind zu unbescheiden, findet die namenlose Provinzlerin, und glücklich kann man nur in der Heimat werden. "Wenn man genau hinschaut auf das Leben, dann gibt es fast niemanden, der nicht gescheitert ist" - darin liegt die makabere Befriedigung dieser ganz und gar nicht weiten Mutterseele, die findet, dass man in ihrem Alter langsam darüber reden könne, was man wirklich denkt. Herausgekommen ist auf diese Weise ein Protokoll von Allgemeinplätzen und Ressentiments, so wahr und erhellend wie eine Ohrfeige, die einem die Flausen austreibt über die Weisheit des Alters.

Wer hätte gedacht, dass unsere Eltern uns einmal so im Stich lassen würden" - mit diesem Satz der 83-jährigen Tante Henriette beginnt Margit Schreiners "Buch der Enttäuschungen". Mit 78 wird dessen Protagonistin selbst an einer Gehirnblutung sterben, aber das Sterben wird ihr, verglichen mit dem Leben, leicht fallen: "Zum letzten Mal ausatmen und niemals mehr einatmen bedarf keines großen Aufwandes."

Es handelt sich um die Fiktion einer "Lebensbilanz nach meinem Tod", die katastrophal ausfällt. Denn wir "beginnen zu sterben, wenn wir geboren werden", aber es dauert lange, bis wir begreifen, "dass alles immer schlechter wird". Schreiner spinnt ihren Erzählfaden von der Geburt ausgehend: dem naiven Blick des Kindes auf die beiden Menschen, die mit ihm leben, und die Eroberung des gigantischen Kosmos einer Kleinbürgerwohnung der oberösterreichischen Nachkriegszeit. Natürlich denkt ein Krabbelkind nicht in Worten wie "mutwillig" oder "Naturschauspiel" - trotzdem entwickelt gerade diese Passage durch das Ineinander von Faszination und beginnender Entfremdung einen besonderen Sog. Man denkt, dass man so etwa hätte empfinden können, als noch nicht alles verdorben war. Denn das ist es bei Schreiner.

Spätestens mit der elterlichen Rüge für die Unordnung, dann in der Jugend, als die schicke Halbschwester einen Hauch Exotik in die Familie bringt und wieder verschwindet, und erst recht mit zwanzig, dreißig, als das Spiel von Täuschung und Enttäuschung zwischen Männern und Frauen beginnt. Und dann zwischen vierzig und fünfzig, wenn die Menschen am unsympathischsten, weil auf dem Höhepunkt der Karriere sind Oder ab sechzig, wenn Verbitterung sich breit macht. Oder ab siebzig, wenn sich die Welt verengt Das einzige Einheitserlebnis, das Schreiner ihrer Protagonistin in diesem tiefschwarzen Menschenbild gönnt, ist das Summen einer Wiese - und der Akt des Schreibens. Ein Gedankenexperiment, dessen Überzeugungskraft in seiner Unerbittlichkeit liegt. "Wer hätte gedacht, dass unsere Eltern uns so im Stich lassen würden, am Ende. Zuerst lehren sie uns gehen und essen und sprechen und dann lassen sie uns auf einmal unversehens im Stich, sodass am Ende niemand mehr zuständig ist für uns, wenn wir nicht mehr selbst essen und sprechen und gehen können."

Kirstin Breitenfellner in FALTER 50/2005



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