Wenn's schneit beim Krokodil. Erzählungen

Monique Schwitter


Dem Ansinnen des Schriftstellers Herbert Rosendorfer, den unvergleichlichen Schriftsteller und Zeichner Eugen Egner, einen der zahlreichen großen Söhne Wuppertals, zum Papst zu wählen, wurde vorerst bekanntlich nicht entsprochen. Da kann der Umstand, dass Egners erstmals 1992 in dem gleichnamigen Sammelband erschienene Geschichte "Als der Weihnachtsmann eine Frau war" nun in einer illustrierten Einzelausgabe herausgekommen ist, nur als unpassende Geste und Ausdruck des schlechten Gewissens gewertet werden.

Wer die irrwitzigen Geschichten Egners - etwa die sehr lustigen, aber auch sehr gefälschten "Tagebücher des W.A. Mozart" - kennt, weiß, dass diese knapp am Wahnsinn gebaut sind, dass gleich um die Ecke aber auch das Rettende sein Notquartier aufgeschlagen haben mag. Inhaltsangaben von Egner-Stories sind wenig sinnvoll - und zwar im doppelten, äh, Wortsinn. Was will man schon mit dem Hinweis darauf anfangen, dass die vom Buben Wolfgang-Maria per reiner Willensanstrengung ins Leben gerufene, aber leider auch leicht mit ihrer Doppelgängerin zu verwechselnde Anni Koks "im Grunde" der Weihnachtsmann ist, der mit dem Rentierschlitten auch schon mal an der Decke herumzukurven pflegt, was Wolfgang-Maria (der im Übrigen auserkoren ist, die menschliche Zivilisation zu retten), aber erst entdeckt, nachdem ihm eine sprechende Rinderhälfte den entsprechenden Tipp gegeben hat. Kurz und gut: Hier herrschen Hysterie und Regression im Zeichen des heiligen Bimbam.

Dass man den Autor selbst nicht als Illustrator gewinnen konnte oder wollte, ist unverständlich und schade. Ein Segen hingegen, dass der ganz anders temperierte Michael Sowa für das Gros der Bilder verantwortlich ist und dem Egner'schen Wahnsinn mit einem wundermilden Mix an Melancholie und Heiterkeit begegnet. Die Illustrationen von Rudi Hurzlmeier hingegen fügen der paranoiden Prosa nichts Eigenes hinzu und sind entsprechend entbehrlich.Der fast vergessene Erziehungsroman erfuhr 2005 bemerkenswerten Zuwachs. Zu verdanken ist dies Joey Goebel und seinem Roman "Vincent". Ein alternder Medienmogul will noch einmal Gutes tun, bevor er sich von seinem irdischen Dasein verabschiedet. Als Buße für all den akustischen und visuellen Müll, den er im Lauf seines Lebens über die Menschheit brachte, stiftet er eine Art Akademie namens "New Renaissance", die begabte junge Menschen zu großen Künstlern erziehen soll.

Große Kunst aber verdankt sich bekanntlich schwerem Leid, und so ist es des Ich-Erzählers Harlans vornehmste Aufgabe, seinen Meisterschüler Vincent auf immer neue und altersgerechte Weise zu quälen: Das Elternhaus brennt ab, die Mädels verlassen ihn, bevor er überhaupt zur Sache kommen kann, und als er zur Sache kommt, holt er sich gleich die Syphilis, kurz nachdem er die Tuberkulose überstanden hat. Doch das Leiden belohnt Vincent (und die Menschheit) reich: Ihm verdanken wir etwa das Drehbuch zur TV-Soap "Grocery Store", unzählige Songs, die die Hitparaden stürmen, und eine bemerkenswerte Neuadaption des "Zauberers von Oz".

Leidet er nicht, verfällt Vincent in ziellose Lethargie. Weil die Geschichte am Ende dann doch irgendwie gut ausgeht, kann man diesen Roman auch empfindsamen Seelen auf den Gabentisch legen. Ideal platziert ist er aber bei allen Eltern, die mit ihrem hochbegabten Nachwuchs nerven, während das eigene Kind Mühe hat, mit Wasserfarben einen Erdapfel zu malen.Einen idealen Einstieg in die "stille" Zeit des Jahres bietet der Essay "Langsamer!" von Ilma Rakusa. Eine Ad-hoc-Beruhigung tritt bereits mit dem Entschluss zum Rückzug in die Lektüre ein, wofür man mit fein ziselierten Formulierungen und einer geschmackvollen Textauswahl von Marc Aurel bis Peter Waterhouse belohnt wird. In neun kurzen und - die Autorin wird es nicht gerne lesen - kurzweiligen Kapiteln schlägt Rakusa den Bogen von "Lektüre (Liebe)" über "Auszeit (Alter)" bis "Reise (Ruhe)". Aufmerksamen Lesern und Leserinnen wird dabei nicht entgehen, dass die Kapitelfolge das Akrostichon des Titels ergibt: Langsamer!

Den "Gleichzeitigkeitsartisten", den "Zumutungen von Akzeleration und Simulation" werden Einübungen in Muße, Langeweile, Müdigkeit und diskreter Widerborstigkeit entgegengehalten. Es geht darum, das eigene Tempo (wieder) zu finden, und wer dabei Anlaufschwierigkeiten hat, dem wird ein hilfreiches und reichhaltiges Kompendium kontemplativer, luzider und poetischer Texte zur Seite gestellt. Die klugen Kommentare der Autorin erhöhen die Wirkung noch, da sieht man über ihren zeitweiligen Wertekonservativismus und manche Ungenauigkeit in der Argumentation gerne hinweg. Das richtige Geschenk also für schaffenswütige Intellektuelle, die für alles eine Erklärung brauchen, auch für das süße Nichtstun.Polen zwischen Katholizismus, Kapitalismus und den Traumata der Geschichte: Stefan Chwin, Literaturwissenschaftler in Danzig, wurde in Polen für seinen Roman "Der goldene Pelikan" gefeiert. Er handelt von einem Professor, der sich am mutmaßlichen Tod einer Studentin schuldig fühlt, weil er sie bei einer Prüfung durchfallen ließ - aus Müdigkeit, aus Ärger, aus Unachtsamkeit. Sein Schuldgefühl wirft ihn dermaßen aus der Bahn, dass er erst den Job, dann Frau und Wohnung verliert und schließlich als Obdachloser auf dem Bahnhof endet.

Die Geschichte des von Gott geprüften Hiob hallt in diesem Roman ebenso nach wie der Orpheusmythos, denn am Ende steigt der Held hinab in die Unterwelt und findet die gesuchte Frau, die ihn erlöst. Chwin verbindet soziale Abstiegsängste mit religiösem Pathos, wie das derzeit wohl nur in Polen möglich ist.Zu Zeiten, in denen Fabelwesen in Fantasyfilmen als Schläger auftreten, kommt "Troll: Eine Liebesgeschichte" gerade recht. Der Troll in dem Roman von Johanna Sinisalo ist noch jung. Der kleine Artgenosse von Bigfoot und Yeti wird in einer Winternacht von dem Werbefotografen Mikael gerettet und nach Hause getragen. Nach Tannen und Wacholderbeeren riecht das langhaarige, "vogelknochige" Wesen, dessen flaches Gesicht an einen Menschenaffen erinnert. Die überaus plastischen Beschreibungen des Trolls tragen zur Spannung in den Szenen mit der unberechenbaren Kreatur entschieden bei.

Sinisalos Buch ist recht eigenwillig strukturiert: In kurzen Kapiteln lässt die Science-fiction- und Fantasy-erfahrene Autorin alle Romanfiguren in Ich-Form zu Wort kommen. Dazwischen flicht sie gekonnt Textstellen über Trolle ein - vom finnischen Nationalepos "Kalevala" bis hin zu Bruce Chatwins "Traumpfaden". In der originellsten Romanszene steckt Mikael den Troll in enge Jeans: Die Bestie tobt "wie ein fauchender Kugelblitz" und liefert seinem Retter so die Idee zu einem dringend benötigten Werbesujet.

Sinsalos Troll-Roman stellt die Frage nach menschlicher Animalität, wobei die Schilderungen von Mikaels homosexuellen Affären und seiner Nachbarin, einer gekauften Thai-Ehefrau, nicht ohne Klischees auskommen. Umso packender erzählt Sinisalo die immer enger werdende Mensch-Troll-Beziehung. Die Nervosität des Lesers steigt. Schließlich weiß man von King Kong & Co, wie solche Geschichten enden.Das Thema des Ein- und Ausgesperrtseins bestimmt den Roman: Im Schlussbild stellt Kazuo Ishiguro ("Was vom Tage übrig blieb") die mittlerweile erwachsene Erzählerin an einen riesigen gepflügten Acker; ein doppelt gespannter Stacheldraht macht sein Betreten unmöglich. Zu Beginn des Romans erlebt man Kathy innerhalb der Grenzen des Internats von Hailsham. Die hier in "England, am Ende des 20. Jahrhunderts" aufgezogenen Kinder sind - so erfahren sie nach und nach - Klone, deren Existenz einzig dem Zweck dient, als Organspender anderen Menschen ein längeres Leben zu ermöglichen.

Der Gedanke an Auflehnung, an Revolte gegen ihre Bestimmung ist den "Spendern" fremd; stattdessen gestatten sie sich später allenfalls den Wunsch nach gesellschaftlicher Integration, nach einem spießigen kleinen Angestelltenglück. Und eine Hoffnung lässt Ishiguro zumindest gerüchteweise aufkeimen: Wenn zwei Spender sich wirklich lieben, sollen sie einige Jahre Aufschub erhalten, bevor sie ihrem vorherbestimmten Verwertungsprozess zugeführt werden. Die Liebe soll anhand der Bilder erwiesen werden, die sie in Hailsham schufen, zeigt doch das Kunstwerk, "wie ihr im Inneren seid; es offenbart eure Seele."

Leben wir nicht alle geklonte Leben? Arbeiten wir nicht alle einer Gesellschaft zu, die unsere Aufopferung verlangt? Ist Liebe ein singulärer Interruptus im lebenslangen Nützlichkeitsperpetuum? Ist Kunst die einzige Manifestation unserer Unverwechselbarkeit? Mit Ishiguros "Alles, was wir geben mussten" hält man das traurigste Buch der Saison in Händen. Weihnachten kann kommen.Zippy Silberberg ist eine seltsame Person. Nicht nur, weil sie keinen Fisch mag und stattdessen lieber anderen, eigenartigen Genüssen frönt: Zippy ist süchtig nach Gefrorenem, vor allem gefrorenem Gemüse (in dringenden Fällen tun's auch ordinäre Eiswürfel). Am meisten Angst aber hat sie vor Feuer: Überall, wo sie sich aufhält, studiert sie zuallererst eingehend und liebevoll den Fluchtplan. So sehr sehnt sich die deutsche Nachgeborene polnischer Juden danach, das Überleben selbst zu erleben, dass sie sogar schon einmal falschen Alarm ausgelöst hat.

Doch, wie Minka Pradelski schon im Titel ihres Romans "Und da kam Frau Kugelmann" klar macht, geht es nicht nur um Zippy, sondern mindestens im gleichen Maße um die rundliche Bella Kugelmann, die bald nach Zippys Ankunft in Tel Aviv deren Hotelzimmer entert und erzählt. Und erzählt. Und erzählt. Vom jüdischen Leben in ihrem Heimatort - vor dem letzten Krieg. Herrliche Anekdoten über den schönen Adam, über die stolze Polin, über Mäntel, in deren Taschen plötzlich Geld steckt; Geschichten, die davon handeln, wie "fromme Mädchen bei uns verdorben werden" oder wie "dem Christengott einmal ein Schnippchen geschlagen wurde". Zippy, erst widerständig, dann aber süchtig nach dem Wortstrom der Bella Kugelmann, vergisst darüber ganz ihre Lust auf Kälte und Katastrophe. Kein Wunder, sondern die schlichte Widerstandskraft der Worte gegen Feuer wie Eis.Raoul Tranchirer schweigt. Angeblich befindet er sich derzeit im 42. Stockwerk eines Gebäudes in Chicago und beobachtet von dort oben die Menschen. Doch seine große Enzyklopädie für unerschrockene Leser - eine Besichtigung der Wirklichkeit unter besonderer Berücksichtigung der Selbstverständlichkeit ihrer Erscheinungsweise - ist abgeschlossen.

Tranchirer, die liebevoll skurrile Kunstfigur des Schriftstellers Ror Wolf, meldet sich mit den "Bemerkungen über die Stille" letztmalig zu Wort. Noch einmal geht es von A wie Ausflugsdampfer bis V wie Vorwärtsschieben, geht es alphabetisch und poetisch quer durch die Welt des abseitigen Wissens. Ob Fischforschung und Nudelsuppe: Tranchirer lässt nichts aus. Der Band ist mit Collagen des Autors ausgestattet, die wie seine Texte Reales und Absurdes schön ernsthaft verbinden.Dort, wo Krokodile nach dem Plan der Schöpfung (oder den Resultaten der Evolution) leben, schneit es eher selten. Der Titel lässt Skurriles, ja Bizarres vermuten, schließlich haben wir es mit Schweizer Literatur zu tun. Tatsächlich erzählt Monique Schwitter aber fast durchwegs realistische Geschichten, bizarr erscheinen vielleicht manche Konstellationen und Situationen: "Menschen und Tiere, das sind die Sujets, die mich interessieren", verkündet die Autostopperin, die die Katzen- und Hundeleichen fotografiert, mit denen die Straße gepflastert ist.

Menschen und Tiere: Da ist der Untermieter mit dem Hund; seine Freundin kommt ihm abhanden, die Erzählerin, die ihr sehr ähnlich schaut, verbringt mit ihm einen Abend in rätselhafter Nähe. Da ist Betty, die so wunderbar von zwei Liebenden in Damaskus erzählt und so schöne, beredte Füße hat, dass eigentlich diese der Zuhörerin die Geschichte erzählen. Da ist der Mann, der unbedingt einmal nach Wien ziehen will, "eine Herausforderung. Eine Großstadt eben", und vor lauter Reden ganz darauf vergisst, sein Rendezvous-Gegenüber, das wiederum einen anderen Mann im Kopf hat, anzusehen.

Schwitters Erzählungen haben einen eigenwillig ruppigen Ton, sie sind präzis und auf eine lässige Weise lückenhaft, komisch und mitunter sehr ernst - wie etwa diejenige über die Kunst, einen Säufer zu baden. Alles dreht sich um unvollendete oder nie stattfindende Begegnungen, Momente der Offenheit und des Versprechens. "Wenn's schneit beim Krokodil" - so verabredet man sich bei Monique Schwitter im Zoo.Auch wenn sie keinen Preis mit nach Hause genommen hat, war die zwanzigjährige Deutsche Susanne Heinrich ein Lichtblick beim diesjährigen Wettlesen um den Bachmannpreis. "Das ist Tango, gepaart mit ,Lost in Translation'", meinte Juror Heinrich Detering, der die Studentin des Literaturinstituts Leipzig nach Klagenfurt eingeladen hatte, über deren Text mit dem Eingangssatz "Wir rauchen beim Ficken".

Inzwischen hat die junge Autorin auch schon ihr erstes Buch veröffentlicht. "In den Farben der Nacht", eine Sammlung von eng miteinander verknüpften Erzählungen; ist aber eher Stina Nordenstam, gepaart mit "Mulholland Drive".

Die Geschichten handeln von Liebe, die nicht glücken will. Heinrichs junge Frauen, die in Wahrheit eine Frau in 14 Variationen mit austauschbar wirkendem männlichem Personal ist, verlieren sich in düsteren Obsessionen, Überdruss, Welt-, vor allem aber auch Selbstekel. Hoch anzurechnen ist der Autorin, dass sie in ihren finsteren Exerzitien nie nihilistisch wird, was nicht zuletzt an der angenehm unprätentiös poetischen Sprache liegt, derer sie sich bedient.Wissenschaftler wie ich sind sensible Wesen", hält der Ich-Erzähler von "Mythenmacher" an einer Stelle fest. Gerade feinfühlige Menschen können nur ein geringes Maß an Demütigung ertragen. Und so hat der erfolglose Historiker beschlossen, seinen Konkurrenten Allmeyer ins Jenseits zu befördern. Er wolle bloß noch einmal die Genese seines Hasses schildern, der nun in Mordabsichten gipfelt.

"Mythenmacher" siedelt in der Nähe von Thomas Bernhards "Untergeher". Auch der Monolog von Hanno Millesi wird durch seinen Rhythmus, durch eine kreisende Insistenz mit antiquiertem Ton bestimmt, die allerdings ohne "Übertreibungskunst" auskommt. Während Bernhards Pianisten am Genie Glenn Goulds scheitern, verzweifelt Millesis Antiheld an der Aufmerksamkeit der Fachwelt für einen vermeintlichen Blender, dessen Beschäftigung mit Zwischenkriegszeit und Austrofaschismus ungleich populärer ist als die des eifersüchtigen Erzählers. In dessen ständiger Selbstbefragung liegt eine Komik, die ein bisschen an Robert Walsers sympathische Verlierer erinnert. Wo Millesi auf geschichtliche Fragen eingeht, gewinnt sein kluger Roman noch an Dichte. Schön auch die Andeutung des 1966 geborenen Wiener Autors, worum sich männliche Ehrsucht in Wahrheit dreht: um die Beachtung der Frauen."Im Haarknoten wohnt eine Dame" hieß Herta Müllers letzter Lyrikband, nun kommen, sozusagen geschlechterparitätisch, "Die blassen Herren mit den Mokkatassen" zum Zug. Die Collagen stammen von der Autorin selbst: ein Gesamtkunstwerk!

Kirstin Breitenfellner in FALTER 50/2005



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