Berlusconi. Politisches Modell der Zukunft oder italienischer Sonderweg

Paul Ginsborg, Friederike Hausmann


Solo Amore

Wer die demonstrative Ungebildetheit des Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi nicht mehr aushält, kann sich in das feinmaschige literarische Verweisnetz der Romanautoren Vincenzo Consolo und Ippolito Nievo fallen lassen.

Fünf Jahre Gefängnis lautete das Urteil für den Anwalt des Ministerpräsidenten. Cesare Previti ist Senator der Berlusconi-Partei Forza Italia und war in dessen erster Regierung Verteidigungsminister. Das Mailänder Berufungsgericht bestätigte damit erst unlängst das Urteil aus erster Instanz, dass Previti 1991 einige Richter bestochen hatte, um deren Meinung über einen gerichtsanhängigen Unternehmensverkauf im Sinne Berlusconis zu beeinflussen.

In der Berlusconi-Analyse des englischen Historikers Paul Ginsborg taucht Previti bereits sehr früh im Leben Berlusconis auf, der als Sohn eines kleinen Bankbeamten sein Jusstudium selbst finanzierte, indem er auf Kreuzfahrtschiffen als Sänger und Entertainer auftrat und seine ersten Millionen im Baugeschäft verdiente. 1974 kaufte Berlusconi eine alte Villa in Arcore, einer Ortschaft nördlich von Mailand. In dem läppischen Kaufpreis enthalten war die Bibliothek und die wertvolle Kunstsammlung der erst 22-jährigen Besitzerin, die das Anwesen nach einer Familientragödie geerbt hatte. Der Anwalt der jungen Marchesina ist seitdem Berlusconis Anwalt. Es ist kein anderer als Cesare Previti.

Das ist eine der vielen biografischen Anekdoten, die Ginsborg zusammengetragen hat, um eines zu demonstrieren: Man mag Berlusconi ob seiner demonstrativen Ungebildetheit und seiner geschmacklosen Witze noch so lächerlich finden; aber nichts wäre falscher, als diesen genialen Verkäufer, Clanchef und Medienpopulisten zu unterschätzen. Ginsborg vergleicht ihn mit Unternehmern wie dem Franzosen Bernard Tapie oder dem Australier Rupert Murdoch, zwei weiteren Profiteuren der neoliberalen Deregulierung der Achtzigerjahre. Vom Sozialisten Bettino Craxi bis zur letzten Mittelinks-Regierung konnte der AC-Milan-Eigentümer die Umwandlung des Fernsehens in einen endlosen Werbespot mit Programmunterbrechungen durchziehen. Die größte Werbeagentur Publitalia gehört ihm natürlich selbst; und an deren Schreibtisch wurde auch Forza Italia entworfen, die erste "partito-azienda" (zu Deutsch: Firmenpartei) einer westlichen Demokratie.

Der sizilianische, seit seiner Studienzeit in Mailand lebende Schriftsteller Vincenzo Consolo, Jahrgang 1933, gehört neben dem Regisseur Nanni Moretti zu den bekanntesten Berlusconi-Kritikern des Landes. Für ihn verkörpert Berlusconi die neue faschistische Macht - ungebildet und ohne historische Kenntnisse. Sein Roman "Retablo", 1987 erschienen und nunmehr ins Deutsche übersetzt, ist in diesem Sinne die reinste Anti-Berlusconi-Literatur. Was Consolo alles in diesen intellektuell funkelnden Text hineingepackt hat: bis in die Antike reichende Verweise auf die italienische Literatur, eine poetische Reflexion des Reisens und des Schreibens, den Wohlklang schmückender Beiwörter, die alles beherrschende Liebe, die den eigentlichen Motor allen Schreibens und Reisens darstellt. Die Kritik an aktuellen Zuständen schimmert lediglich in homöopathischer Dosis durch. Das hat zum einen damit zu tun, dass Consolo seinen Roman über das burleske Gespann des jungen Mailänder Adeligen Don Fabrizio und seines liebeskranken sizilianischen Führers Isidoro im späten 18. Jahrhundert angesiedelt hat. Zum anderen ist die geschilderte Reise durch Sizilien eine Liebeserklärung an die barocke Gesellschaft des Spektakels. Der von den Einheimischen ob seiner blonden Haare begaffte Verfasser eines Journals, das er einer vergeblich umworbenen Freundin in Mailand sendet, ist von den sich ihm darbietenden Täuschungen fasziniert, er lässt sich die Beschreibungen von Landschaften, Altertümern und Innenräumen auf der Zunge zergehen, kommt nur sporadisch auf Mailand zu sprechen, die Stadt im Norden, wo der Mammon regiert, und "die Diebe an der Regierung" sind. Dass das grobschlächtige Volk durch "honigsüßeste Worte in ein Reich des Lichts und der Helle versetzt" werde, wie es einmal heißt, kann man auch als Anspielung auf den exzessiven Konsumismus der italienischen Achtzigerjahre lesen.

Vor allem aber ist "Retablo" ein Roman über die Liebe; die Liebe zu Rosalia, die mal als junge Prostituierte in Palermo, mal als Schutzheilige der Stadt, dann wieder in einem Caravaggio-Bild auftaucht - als Vexierbild unterschiedlicher Sehnsüchte. Der Ich-Erzähler neidet der Malerei die Fähigkeit, alles gleichzeitig in den schönsten Farben und Formen wiedergeben zu können. Das klingt nach falscher Bescheidenheit, ist es ihm doch sehr wohl gelungen, mit den Mitteln der Literatur eine wunderschöne Hommage an die Einbildungskraft und deren Geschichte zu erschaffen.

Ähnlich viele historische Wörterbücher wie Consolos Übersetzerin dürfte Barbara Kleiner konsultiert haben, um ein Standardwerk italienischer Literatur neu ins Deutsche zu übersetzen. Denn der 1867 postum erschienene Roman "Bekenntnisse eines Italieners" des jung verstorbenen Ippolito Nievo (1831-1861) springt wie "Retablo" von einer Sprachebene zur nächsten, von der barocken Erbauungsliteratur zu den am frühneuzeitlichen Epos "Orlando Furioso" geschulten Abenteuer- und Liebespassagen, von der derben Sprache der Bauern zu den pathetischen Freiheitsrufen der bürgerlichen Nationalbewegung. Und auch hier wird das historische Genre als Folie für die Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Missständen verwendet - nur viel unmittelbarer.

Vor dem Hintergrund der Besetzung Venedigs durch die Österreicher beschreibt Nievo, ein Mitstreiter des Nationalhelden Giuseppe Garibaldi, die korrupte Verwaltung der Lagunenstadt, die Willkür der Inquisition und den Sieg der napoleonischen Truppen. Geschildert werden auch die Hoffnungen, die von den Mailänder Intellektuellen, zu denen Nievos Held zählt, in die Ideen der Französischen Revolution gesetzt werden, aber auch deren rasche Enttäuschung durch die napoleonische Realpolitik.

Das von Nievo in wenigen Monaten Schreibzeit entworfene historische Panorama entfaltet sich aus einer Kindheitsgeschichte: Wie Harry Potter lebt der verachtete Waisenknabe Carlino bei seinen herzlosen Verwandten, ehe er seinen richtigen Vater entdeckt und über Nacht zum reichen Edelmann wird. Der Motor aber auch dieses Romans ist eine romantische Liebe: Auf Hunderten Seiten verzweifelt Carlino - und mit ihm der ermattetende Leser - am wechselhaften Gefühlshaushalt seiner Cousine Pisana, die von einem launischen Kind zu einer emanzipierten, politisch engagierten Frau heranwächst. Ein Satz aus Consolos Roman mag die strukturelle Korrespondenz zwischen der Liebe und dem Erzählen, die auch diesen Roman trägt, verdeutlichen: "Es scheint, als ob jede Art von neuem Schriftstück einfach nur die Kehrseite oder der Widerhall anderer Schriftstücke ist. Wie die Liebe oft Echo früherer Liebschaften sein mag, von anderen angefachte und inzwischen zu Asche gewordene."

Matthias Dusini in FALTER 50/2005



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