Frau Melanie, Frau Martha und Frau Gertrud. Drei Erzählungen

Brigitte Kronauer, Jürgen Dormagen


Wen mitunter das Gefühl beschleicht, dass erstaunlich viel der auf den Markt geworfenen Prosaproduktion "nicht ganz dicht ist", und daher die meisten Romane - je nach Umfang - um zumindest fünfzig bis 150 Seiten zu lang geraten sind, dessen Verdacht wird bei Brigitte Kronauer insofern aufs Schönste bestätigt, als die Autorin zeigt, dass es ja ganz anders auch geht. Anlässlich der diesjährigen Verleihung des Büchnerpreises an die Autorin, die am 29. Dezember ihren 65. Geburtstag feiert, ist in der Bibliothek Suhrkamp ein schmaler Band mit drei bereits veröffentlichten Erzählungen erschienen. Die mit Abstand älteste davon, "Nis" (aus dem Jahr 1976), zeigt die Geburt des Erzählens aus dem sozialen Erwartungsdruck und weist Kronauer als eine ebenso witzige wie unprätentiös kluge Schriftstellerin aus, die verfehlen muss, wessen literarisches Instrumentarium nur auf "Avantgarde" oder "Konvention" geeicht ist. Tertium datur!

Rund zwei Jahrzehnte jünger sind die anderen beiden Stücke: "Zazzera" bietet detailgenaue Beobachtungen eines unspektakulären Ferienortes als Folge über Jahre kumulierter Urlaubserfahrung; das Prunkstück dieses - im Übrigen auch optisch und haptisch höchst befriedigenden Bandes - aber stellt die Titelerzählung dar: "Frau Melanie, Frau Martha und Frau Gertrud" verflicht die Biografien dreier Witwen in einem ebenso dichten wie differenzierten Prosagewebe. Aus altmodisch allwissender Perspektive verknüpft die Erzählerin Lebensfäden, die im Realismus des Alltags aneinander vorbeilaufen.

Das ist aufs Erste vielleicht nicht immer ganz leicht überschaubar, und es entspricht nicht den gängigen Geboten erzählerischer Lakonik. Indes wird hier auf vierzig Seiten virtuos bewiesen, dass Stringenz und Abundanz, Empathie und Emphase einander nicht ausschließen. Einen so unsentimentalen und doch keineswegs unfreundlichen Text über das Altern wird man in dieser Saison vergebens suchen. Eine haltlose Empfehlung an alle Leserinnen und Leser, in denen ein denkendes Herz und ein fühlendes Hirn wohnen.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 50/2005



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