Mozart Handbuch

Silke Leopold


Wolferl im Netz des Bösen

Klischees werden im kommenden Jubeljahr en masse verbraten werden. Hier einige Empfehlungen für neu erschienene Bücher, die bei der Suche nach dem "wahren" Mozart hilfreich sind.

Einer muss immer der Böse sein. Das gilt auch für (fast) alle Geschichten, die von Wolfgang Mozart handeln. Die grundfalsche, aber weit verbreitete Legende vom verarmt und vergessen verstorbenen Göttersohn zum Beispiel gibt Mozarts Wiener Zeitgenossen die Schuld, das Genie in ihren Reihen zu Lebzeiten verkannt zu haben. Der Autor Peter Shaffer wiederum griff für sein Theaterstück "Amadeus" (und den gleichnamigen Film von Milos Forman) auf eine weitere Legende zurück und besetzte die Rolle des Bösewichts - wirkungsvoll, aber historisch unhaltbar - mit Mozarts vermeintlichem Todfeind Antonio Salieri.

Selbst seriöse Mozartbiografen wie Erich Schenk oder Wolfgang Hildesheimer kommen nicht ohne ein Feindbild aus, wenn sie die Ambivalenzen in Persönlichkeit und Leben des außergewöhnlichen Komponisten zu erklären versuchen. Zum beliebtesten Gegenstand der Verachtung, ja des unverhohlenen Spotts avancierte Constanze Mozart, die wahlweise als dummes Weibchen oder als intrigantes Weib dargestellt wird. Um dabei die zahlreich erhaltenen, heftigen Liebesbeteuerungen der beiden ignorieren zu können, wurde bisweilen beträchtlicher Interpretationsaufwand betrieben.

Es ist also nicht gerade einfach, sich in Vorbereitung für das kommende Mozartjahr ein möglichst unverzerrtes Bild vom beliebtesten Komponisten der Musikgeschichte zu machen. Man könnte etwa auf die soeben neu herausgegebene, älteste Mozart-Biografie von Franz Xaver Niemetschek zurückgreifen, die ihren großen Vorzug schon im Titel nennt: "Ich kannte Mozart. Die einzige Biografie von einem Augenzeugen". Sie kam 1798 noch ganz ohne Bösewicht aus, sollte in der grandiosen Verherrlichung ihres Gegenstands aber doch eher als - fraglos fachkundiger und auch allgemein aufschlussreicher - Bericht eines befangenen Zeitzeugen gelesen werden.

An Kompetenz, Eloquenz und schierem Umfang ragt unter den Dutzenden von deutschsprachigen Neuerscheinungen zum Mozartjahr das bereits 1995 im amerikanischen Original veröffentlichte Standardwerk von Maynard Solomon, "Mozart. Ein Leben", hervor. Doch auch der renommierte Musikwissenschaftler von der New Yorker Juilliard School stürzt sich darin auf einen - ohnehin schon oft verdächtigten - Bösen. Solomons Grundthese: Mozart war weder das ewig unreife Wunderkind, das uns der Film "Amadeus" so plastisch vorgaukelt, noch der dem Alltagsleben entrückte Musensohn, wie ihn sich die germanische Nationalmythologie ab dem späten 19. Jahrhundert zurechtfantasierte. Für Solomon war Wolfgang Mozart vor allem der Sohn seines gestrengen Vaters Leopold.

Gestützt auf enorme Kenntnis und viele Quellen zeichnet der schon in seiner Beethoven-Biografie gerne psychologisierende Autor ein bestechendes Bild vom ewigen Ringen Mozarts um Emanzipation, hin- und hergerissen zwischen Vaterliebe und Selbstbestimmung, Gehorsam und Freiheitsdrang. Das ist alles sehr schlüssig, erklärt vieles und liest sich noch dazu ausgesprochen gut - wird aber zumindest einem Umstand nicht wirklich gerecht: dass es gerade der gebildete und vielseitig interessierte Leopold Mozart war, der das Genie seines Sohnes erkannte, geschickt förderte und nicht nur mit dem notwendigen Handwerkszeug, sondern auch mit einer profunden Allgemeinbildung ausstattete.

Weit weniger umfang-, aber dennoch aufschlussreich und für eine erste Beschäftigung mit Mozart wirklich empfehlenswert sind zwei Neuerscheinungen mit fast gleichlautendem Titel. Der römische Historiker Piero Melograni hält sich in "Wolfgang Amadeus Mozart. Eine Biographie" an die fachtypische Sachlichkeit und bietet eine nüchtern und sauber ausformulierte Faktensammlung zu Mozarts Leben mit gelegentlichen Blicken aufs musikalische Werk. Der Dortmunder Musikwissenschaftler Martin Geck wiederum widmet in "Mozart. Eine Biographie" nicht nur dem Leben des Komponisten, sondern auch dessen Musik je zwölf profunde Kapitel. Im - durchaus von Bewunderung geprägten - Plauderton schweift er durch Mozarts Welt, verlässt zugunsten interessanter Querverbindungen gern die Chronologie und zeichnet so das sympathische Bild eines munter komponierenden Harlekins mit Abgründen. Fürs dazu erschienene, von Senta Berger gelesene Hörbuch (3 CDs, DGG/Universal) eignet sich Gecks Erzählform bestens.

Wer sich auf der Suche nach einem objektiven Mozartbild lieber an die reine Wissenschaft hält, der wird beim Fachverlag Bärenreiter fündig. Ulrich Konrad etwa erweiterte für "Wolfgang Amadé Mozart. Leben, Musik, Werkbestand" seinen Mozart-Beitrag zur deutschen Standardenzyklopädie "Musik in Geschichte und Gegenwart" und fasste - in der titelgebenden Dreiteilung und ergänzt um zahlreiche Tabellen - den aktuellen Forschungsstand übersichtlich zusammen.

Stärker auf Mozarts Musik konzentriert und noch umfassender als Konrad geht das von Silke Leopold herausgegebene "Mozart Handbuch" ans Thema heran. Nach einer kompakten, mit vielen biografischen Informationen versehenen Einleitung widmen sich Autoren wie Ulrich Schreiber, Hartmut Schick, Peter Gülke und Nicole Schwindt den einzelnen Werkgruppen, von den Opern bis zu den Tänzen, Märschen und Liedern. Abschließend finden sich Aufsätze zu Mozarts eigenem "Verzeichnüß aller meiner Werke" und dem offiziellen Köchel-Verzeichnis.

Das Beste aber, was man zum Mozartjahr lesen kann, kann man wahrscheinlich gar nicht ganz lesen. Auf über 4500 Seiten brachte die Internationale Stiftung Mozarteum Salzburg ihre ab den Sechzigern erstveröffentlichte Gesamtausgabe der Briefe und Aufzeichnungen Mozarts als Taschenbuch-Sonderausgabe zum Schnäppchenpreis neu heraus - samt einem Register, das keine Wünsche offen lässt, und ergänzt um einen achten Band mit aktuellen Nachträgen.

Dass überhaupt so vieles aus Mozarts Korrespondenzen erhalten blieb, ist ein singulärer Glücksfall der Musikgeschichte, der nicht nur ganz allgemein einen tiefen Einblick in ein kosmopolitisch geführtes Leben des späten 18. Jahrhunderts ermöglicht. Wer sich auch nur ein bisschen in Mozarts virtuose Sprache einliest, bekommt bald ein Gefühl für die unterschiedlichen Tonlagen, die der Komponist im Austausch mit dem Vater, in den derben Briefen ans Bäsle oder in den auch nicht immer ganz jugendfreien Liebesschwüren an Constanze wählt. Mag man beim Lesen auch manchmal den Eindruck haben, wie ein Voyeur in Mozarts Intimbereich einzudringen: Unterm Strich gewinnt man doch nirgends sonst ein so vielschichtiges und detailliertes Bild von dessen Persönlichkeit. Und dabei wird schnell klar, dass auch Mozart selbst zumindest nicht immer der Gute war.Wolferl im Netz des Bösen

2006 Klischees werden im kommenden Jubeljahr en masse verbraten werden. Hier einige Empfehlungen für neu erschienene Bücher, die bei der Suche nach dem "wahren" Mozart hilfreich sind.

Einer muss immer der Böse sein. Das gilt auch für (fast) alle Geschichten, die von Wolfgang Mozart handeln. Die grundfalsche, aber weit verbreitete Legende vom verarmt und vergessen verstorbenen Göttersohn zum Beispiel gibt Mozarts Wiener Zeitgenossen die Schuld, das Genie in ihren Reihen zu Lebzeiten verkannt zu haben. Der Autor Peter Shaffer wiederum griff für sein Theaterstück "Amadeus" (und den gleichnamigen Film von Milos Forman) auf eine weitere Legende zurück und besetzte die Rolle des Bösewichts - wirkungsvoll, aber historisch unhaltbar - mit Mozarts vermeintlichem Todfeind Antonio Salieri.

Selbst seriöse Mozartbiografen wie Erich Schenk oder Wolfgang Hildesheimer kommen nicht ohne ein Feindbild aus, wenn sie die Ambivalenzen in Persönlichkeit und Leben des außergewöhnlichen Komponisten zu erklären versuchen. Zum beliebtesten Gegenstand der Verachtung, ja des unverhohlenen Spotts avancierte Constanze Mozart, die wahlweise als dummes Weibchen oder als intrigantes Weib dargestellt wird. Um dabei die zahlreich erhaltenen, heftigen Liebesbeteuerungen der beiden ignorieren zu können, wurde bisweilen beträchtlicher Interpretationsaufwand betrieben.

Es ist also nicht gerade einfach, sich in Vorbereitung für das kommende Mozartjahr ein möglichst unverzerrtes Bild vom beliebtesten Komponisten der Musikgeschichte zu machen. Man könnte etwa auf die soeben neu herausgegebene, älteste Mozart-Biografie von Franz Xaver Niemetschek zurückgreifen, die ihren großen Vorzug schon im Titel nennt: "Ich kannte Mozart. Die einzige Biografie von einem Augenzeugen". Sie kam 1798 noch ganz ohne Bösewicht aus, sollte in der grandiosen Verherrlichung ihres Gegenstands aber doch eher als - fraglos fachkundiger und auch allgemein aufschlussreicher - Bericht eines befangenen Zeitzeugen gelesen werden.

An Kompetenz, Eloquenz und schierem Umfang ragt unter den Dutzenden von deutschsprachigen Neuerscheinungen zum Mozartjahr das bereits 1995 im amerikanischen Original veröffentlichte Standardwerk von Maynard Solomon, "Mozart. Ein Leben", hervor. Doch auch der renommierte Musikwissenschaftler von der New Yorker Juilliard School stürzt sich darin auf einen - ohnehin schon oft verdächtigten - Bösen. Solomons Grundthese: Mozart war weder das ewig unreife Wunderkind, das uns der Film "Amadeus" so plastisch vorgaukelt, noch der dem Alltagsleben entrückte Musensohn, wie ihn sich die germanische Nationalmythologie ab dem späten 19. Jahrhundert zurechtfantasierte. Für Solomon war Wolfgang Mozart vor allem der Sohn seines gestrengen Vaters Leopold.

Gestützt auf enorme Kenntnis und viele Quellen zeichnet der schon in seiner Beethoven-Biografie gerne psychologisierende Autor ein bestechendes Bild vom ewigen Ringen Mozarts um Emanzipation, hin- und hergerissen zwischen Vaterliebe und Selbstbestimmung, Gehorsam und Freiheitsdrang. Das ist alles sehr schlüssig, erklärt vieles und liest sich noch dazu ausgesprochen gut - wird aber zumindest einem Umstand nicht wirklich gerecht: dass es gerade der gebildete und vielseitig interessierte Leopold Mozart war, der das Genie seines Sohnes erkannte, geschickt förderte und nicht nur mit dem notwendigen Handwerkszeug, sondern auch mit einer profunden Allgemeinbildung ausstattete.

Weit weniger umfang-, aber dennoch aufschlussreich und für eine erste Beschäftigung mit Mozart wirklich empfehlenswert sind zwei Neuerscheinungen mit fast gleichlautendem Titel. Der römische Historiker Piero Melograni hält sich in "Wolfgang Amadeus Mozart. Eine Biographie" an die fachtypische Sachlichkeit und bietet eine nüchtern und sauber ausformulierte Faktensammlung zu Mozarts Leben mit gelegentlichen Blicken aufs musikalische Werk. Der Dortmunder Musikwissenschaftler Martin Geck wiederum widmet in "Mozart. Eine Biographie" nicht nur dem Leben des Komponisten, sondern auch dessen Musik je zwölf profunde Kapitel. Im - durchaus von Bewunderung geprägten - Plauderton schweift er durch Mozarts Welt, verlässt zugunsten interessanter Querverbindungen gern die Chronologie und zeichnet so das sympathische Bild eines munter komponierenden Harlekins mit Abgründen. Fürs dazu erschienene, von Senta Berger gelesene Hörbuch (3 CDs, DGG/Universal) eignet sich Gecks Erzählform bestens.

Wer sich auf der Suche nach einem objektiven Mozartbild lieber an die reine Wissenschaft hält, der wird beim Fachverlag Bärenreiter fündig. Ulrich Konrad etwa erweiterte für "Wolfgang Amadé Mozart. Leben, Musik, Werkbestand" seinen Mozart-Beitrag zur deutschen Standardenzyklopädie "Musik in Geschichte und Gegenwart" und fasste - in der titelgebenden Dreiteilung und ergänzt um zahlreiche Tabellen - den aktuellen Forschungsstand übersichtlich zusammen.

Stärker auf Mozarts Musik konzentriert und noch umfassender als Konrad geht das von Silke Leopold herausgegebene "Mozart Handbuch" ans Thema heran. Nach einer kompakten, mit vielen biografischen Informationen versehenen Einleitung widmen sich Autoren wie Ulrich Schreiber, Hartmut Schick, Peter Gülke und Nicole Schwindt den einzelnen Werkgruppen, von den Opern bis zu den Tänzen, Märschen und Liedern. Abschließend finden sich Aufsätze zu Mozarts eigenem "Verzeichnüß aller meiner Werke" und dem offiziellen Köchel-Verzeichnis.

Das Beste aber, was man zum Mozartjahr lesen kann, kann man wahrscheinlich gar nicht ganz lesen. Auf über 4500 Seiten brachte die Internationale Stiftung Mozarteum Salzburg ihre ab den Sechzigern erstveröffentlichte Gesamtausgabe der Briefe und Aufzeichnungen Mozarts als Taschenbuch-Sonderausgabe zum Schnäppchenpreis neu heraus - samt einem Register, das keine Wünsche offen lässt, und ergänzt um einen achten Band mit aktuellen Nachträgen.

Dass überhaupt so vieles aus Mozarts Korrespondenzen erhalten blieb, ist ein singulärer Glücksfall der Musikgeschichte, der nicht nur ganz allgemein einen tiefen Einblick in ein kosmopolitisch geführtes Leben des späten 18. Jahrhunderts ermöglicht. Wer sich auch nur ein bisschen in Mozarts virtuose Sprache einliest, bekommt bald ein Gefühl für die unterschiedlichen Tonlagen, die der Komponist im Austausch mit dem Vater, in den derben Briefen ans Bäsle oder in den auch nicht immer ganz jugendfreien Liebesschwüren an Constanze wählt. Mag man beim Lesen auch manchmal den Eindruck haben, wie ein Voyeur in Mozarts Intimbereich einzudringen: Unterm Strich gewinnt man doch nirgends sonst ein so vielschichtiges und detailliertes Bild von dessen Persönlichkeit. Und dabei wird schnell klar, dass auch Mozart selbst zumindest nicht immer der Gute war.

Carsten Fastner in FALTER 50/2005



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