Grossmama packt aus

Irene Dische


Die Nase meiner Enkelin

Irene Disches "Großmama packt aus" erzählt, wie sich eine in die USA emigrierte Sippe unter dem Druck der Geschichte verändert und behauptet.

Großmama sitzt zur Rechten Gottes und packt die 96 Jahre ihres Erdenlebens aus. Dieses begann im Jahre 1891 in einer schlesischen Kleinstadt und endete 1987 in New Jersey. Im Ersten Weltkrieg arbeitete sie als Krankenschwester in einem Lazarett und lernte dort den fabelhaften Chirurgen Rother lieben, der für sie sein Judentum aufgab und sich katholisch taufen ließ. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, half ihm das wenig. Er konnte sich rechtzeitig nach New York retten, später folgten ihm Großmama, Tochter Renate und das Dienstmädchen Liesel.

Renate fühlte sich schnell zu Hause in New York, aber das ist, zumindest aus Großmamas Sicht, schon beinahe das Beste, was man von ihr sagen kann. Noch während ihres Studiums verbindet sie sich mit einem gewissen Professor Dische, ihren gemeinsamen Sohn nennen sie zu Ehren seines Großvaters Carl, die Tochter Irene: und das ist jene Irene Dische, die seit den "Frommen Lügen" von 1989 eine beachtliche literarische Karriere hingelegt hat.

Der Weg dorthin verlief keineswegs geradlinig. Mit 17 war klar, dass sie es zu keinem Schulabschluss bringen würde, allenfalls zu einem Cembalostudium in Salzburg, wo sie tatsächlich angekommen ist, um dann aber doch kurzfristig auf eine Tramptour durch Arabien und Nordafrika umzudisponieren. Wer eine Tochter hat, wird aufmerksam lesen, was ihr dort widerfuhr. Aber die Tatsache, dass sie am Ende doch noch zu einem Studium in Harvard zugelassen wurde, legt nahe, seine Kinder und Enkelkinder niemals aufzugeben. Immerhin mauserte sich die missratene Irene zur Chronistin ihrer weitverzweigten Sippe.

Das Jahr 2005 wurde von der Literaturkritik zum Jahr des Familienromans erklärt - was der Erfolg von Arno Geigers "Es geht uns gut" genauso bestätigt wie Irene Disches Familienchronik. Der naive Erzählmechanismus der himmlischen Großmutter verwandelt sich unmerklich in die Autobiografie der Enkelin. Strengen erzähltechnischen Maßstäben mag diese Wendung nicht genügen, denn plötzlich weiß Großmama Dinge, die sie eigentlich gar nicht wissen kann. Andererseits entspricht diese Regelwidrigkeit einer Familie, die über Generationen zu wissen glaubte, was sich gehört und was ihr zusteht - die aber habituell unfähig ist, ihren eigenen Erwartungen zu entsprechen. Das Chaos dieser Familie liefert Dische den Stoff zu ihrer Saga - und wer schon immer wissen wollte, wo sie ihren empfindsamen Gemütern manchmal allzu trockenen Witz her hat, ist nach der Lektüre von Großmamas Suada schlauer.

Man hat diesen Witz auch immer wieder mit den jüdischen Linien ihrer Familie in Verbindung gebracht, was sicher nicht falsch ist. In diesem, Disches bisher wohl wichtigsten Buch aber drängt sich eine ganz andere, viel intensivere Erfahrung in den Vordergrund. Es handelt ja im Kern davon, wie sich eine alteuropäische bürgerliche Familie unter dem Druck der Emigration innerhalb weniger Jahrzehnte radikal verwandelt. Die Frauen entwickeln viel schneller als in Europa Selbstständigkeit und Stärke, Irenes Mutter macht trotz ihrer beiden Kinder eine akademische Karriere als Pathologin. Die Kinder genießen Freiheiten, wie sie in Europa zur gleichen Zeit kaum denkbar waren. Weil sie schon immer ein bisschen chaotisch waren, fiel es den Disches/Rothers auch nicht schwer, diesen radikalen Wandel mitzumachen. Nur eines bleibt unberührt: die Religion. Großmama etwa klammert sich bis ans Ende ihrer Tage an den Rosenkranz ihrer eigenen Mutter und verliert auch ihren latenten Antisemitismus nicht. Dass ihr Carl ein Jude ist, sollte am besten niemand wissen. Und dass die Nase ihrer Enkelin irgendeinen Verdacht wecken könnte, ist ihre größte Angst.

Irene Dische hat eine Familiengeschichte geschrieben, die von ihr und ihrer Herkunft ebenso handelt wie von den privaten und politischen Monstrositäten des 20. Jahrhunderts. Eine Familiengeschichte übrigens auch im übertragenen Sinn, denn sie erzählt auch vom Verhältnis zwischen den USA und Europa, das in seiner Entstehungsgeschichte und Ambivalenz mit jeder neurotischen Geschwisterbeziehung mithalten kann. Mag 2005 das Jahr der Familienromane gewesen sein: Disches Großmama hat sich noch nie etwas aus Moden gemacht.

Tobias Heyl in FALTER 50/2005



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