Die Kultur der Freiheit

Udo Di Fabio


Mehr Wert

Eine "neue Bürgerlichkeit" ist im Kommen, ihr Star heißt Udo di Fabio. Doch sein vielgepriesenes Werk "Die Kultur der Freiheit" ist ein einziges intellektuelles Desaster.

Für Konrad Adam ist es schlicht "ein großes Buch", das der Verfassungsrechtler geschrieben hat. Mariam Lau erhofft sich in der Welt, dass "in diesem konstruktiven Konservativismus, der ohne die Ressentiments der klassischen Kulturkritik auskommt, vielleicht die Begleitmusik für eine große Koalition liegen könnte". Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die sogenannte "Initiative Soziale Marktwirtschaft" haben Udo di Fabio für seine Fibel "Die Kultur der Freiheit" jetzt auch noch den Ehrentitel "Reformer des Jahres 2005" verliehen.

Da ist man voller freudiger, neugieriger Erwartung. Gibt es sie also doch noch, die intelligenten Konservativen, die zu mehr fähig sind als zu verschwitztem Selbstmitleid? Es heißt ja, der Neokonservativismus und die "neue Bürgerlichkeit" seien schwer im Kommen. Da ist man natürlich gespannt, was einer ihrer hervorragendsten Proponenten zu sagen hat.

Und dann das: nichts als Ressentiments gegen "Menschen, die bei der Wahl ihrer Kleidung, in der Art, wie sie speisen oder wie sie reden, inzwischen wieder dem Niveau vorkultureller Zeit zuzustreben scheinen"; nichts als die Sucht, wieder offen sagen zu dürfen, dass manche Menschen eben Achtung verdienen und andere Missachtung - Letztere sind jene, die "nicht mehr wissen, was sich gehört'". Und zwar nicht nur, weil sie sich über das "Sittengesetz" hinwegsetzen, die "bürgerliche Gesittung", sondern weil sie die Kultur der Freiheit zerstören, denn ihrethalben muss man jetzt gesetzlich verbieten, was vordem der Konsens, die Sitte regelte. Die guten alten Weisheiten - "Ohne Fleiß kein Preis", "Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu" - abgeräumt, von einer "Protestbewegung der Jugend", von der "fast alles weit übertrieben worden ist". Wegen der 68er haben wir uns "an die Verächtlichmachung des christlichen Bekenntnisses, an die Verhöhnung des Papstes, an die Beschimpfung der Familie und die Beschmutzung nationaler Symbole" gewöhnen müssen. Aber damit soll jetzt Schluss sein, ist doch "Respekt vor den alten Institutionen der großen Kirchen in einer respektlosen und geschichtslosen Zeit ein erstes und wichtiges Gebot".

Es mäandert weiter in diesem Ton. Es ist ein Desaster. Bloß, warum sagt das kaum jemand deutlich? Gut, Heribert Prantl formulierte in der Süddeutschen Zeitung bissig, di Fabio hätte sein Pamphlet besser - in Anlehnung an die rechtsnationale Postille - die "Kultur der Jungen Freiheit" nennen sollen und habe sich als Verfassungshüter unmöglich gemacht. Aber sonst? Die Linken tun ihn meist mit leiser Ironie ab, vielleicht, weil es heutzutage ja uncool wirkt, jemanden einen verstockten, dummen Rechten zu nennen. Bedächtige Linksliberale können der Predigt sogar dieses und jenes abgewinnen. Von der Mitte bis ganz Rechts wird der Richter mit dem gepflegten Dreitagesbart gepriesen. Auf der Homepage der Politischen Akademie der ÖVP wird die "Mutinjektion" für "konservative Politik" von jenem Manfred Moser gefeiert, der im vorletzten Datum darlegte, nur ein "Rekurs auf konservative Ideen" könne den "verfahrenen Karren wieder aus dem Dreck ziehen" - mit dem verfahrenen Karren sind grosso modo die liberalen Gesellschaften des Westens gemeint.

Es muss offenbar eine starke Sehnsucht nach einem neuen Konservativismus existieren, wenn man von Udo di Fabios Traktat behauptet, er wäre auf der Höhe der Zeit, wenn man etwa solch geballtem Ressentiment wider alle Evidenzen attestiert, es sei frei von Ressentiments. Diese erstaunliche Aufnahme, die das Buch erfuhr, ist interessanter als das Buch selbst - das macht es wieder signifikant.

Aber wofür? Welcher Art ist diese Sehnsucht?

Zunächst gibt es in allen politischen Milieus, die ja in sich zunehmend zerfasern, den Wunsch nach Einheit. Auf der Rechten ist dies die Sehnsucht, man könnte die neoliberale Rechte und die konservative Rechte auch in unseren Breiten in eine Art neokonservative Einheit zusammenführen. Diejenigen, die bejubeln, dass der moderne "Turbokapitalismus" keinen Stein auf dem anderen lässt, und jene, die Werte, Anstand und Traditionen wieder ins Recht setzen wollen, die wünschen, dass Ehepaare wieder drei Kinder bekommen und diese behütet und streng zu sittsamen Bürgern erziehen. Aber es gibt natürlich auch die lagerübergreifende Sehnsucht nach Allianzen: Da sind die Traditionslinken, die auf Mitstreiter aus der Wagenburg der Konservativen hoffen, weil diese wie sie selbst auch die zersetzenden Wirkungen bindungsloser Marktgesellschaften beklagen; da gibt es sogar Linksradikale, die sich christlichen Fundamentalisten annähern, weil die auch gegen den "Islamofaschismus" sind.

Die Konservativen sind zentral in all diesen Bündnisstrategien. Aber auch das erklärt längst nicht vollends, woher die schiere Gier nach konservativer Publizistik kommt, sodass man deren Protagonisten alles durchgehen lässt - jeden Verstoß gegen intellektuelle Standards, den Generalverdacht gegen alles, was das Leben bunt macht, warum man verbiesterte Ressentiments gegen die Wirklichkeit zu heiterer Gelassenheit uminterpretiert.

Es ist erstaunlich: Die grotesken Selbstwidersprüche einer politischen Haltung, die zugleich die Befreiung der Initiative des Einzelnen aus dem Korsett von Staat und Bürokratie fordert und die Folgen beklagt, die dies am freien Markt zeitigt - den Schund, den Werteverfall, den Autoritätsverlust gewachsener Traditionen und Institutionen -, sie werden offenbar gerne verziehen.

Aber warum ist das eigentlich so?

Wahrscheinlich gibt es dafür eine Reihe von Gründen. Erstens: Wer sich heute als konservativ positioniert, hat aufmerksamkeitsökonomische Vorteile. Diese nützt die konservative Publizistik, indem sie die Gesten der Revolte kopiert, den rebellischen Habitus. Eine gewisse Kultivierung des "Unzeitgemäßen" ist zwar nicht völlig neu in der rechten Geistesgeschichte - man denke an Friedrich Nietzsche, den frühen Thomas Mann oder Oswald Spengler -, deren Nachfahren passen diese aber doch den Terms of Trade an, die die Gegenkultur verbindlich gemacht hat: Der zeitgenössische Konservativismus wirft sich in die Pose dessen, der herrschenden Ideen den Kampf ansagt. In ihrer Verachtung des Mainstream adoptiert die neue konservative Publizistik den alten Avantgardehabitus. Sie kommt daher, als wolle sie alte Zöpfe abschneiden, meint damit aber die Dreadlocks des Hedonismus. Die Freiheit, nach seiner eigenen Façon glücklich zu werden, gerät aus dieser Perspektive "zur Willkür des Einzelnen (...) zu tun und zu lassen, was er will" (di Fabio). Zentral bei dieser Operation ist die Umdeutung des Begriffs der Freiheit: Statt Freiheit von autoritären Institutionen und knechtenden Traditionen zur Freiheit, Traditionen und Werte zu akzeptieren - was als rebellischer Akt gegen Zeitgeist und gesellschaftliche Imperative daherkommt.

Damit, dies zum Zweiten, erweisen sich solche Gedankenreihen anschlussfähig an eine gewisse Ermüdung im linksliberalen Milieu. Wenn jeder Bruch mit Konventionen nur mehr der Geburtsakt einer neuen Mode ist, jede rebellische Geste nur mehr ein Zitat von Altbekanntem, dann ist nicht nur ein Überdruss am Nonkonformismus gegenüber Hergebrachtem folgerichtig - dann ist die Lobpreisung von Sitte, Manieren und Werten die schärfste Rebellion, der letzte Tabubruch, der ultimative Thrill.

Hinzu kommt, drittens, der Umstand, dass auch viele Linke der Verdacht plagt, sie hätten keine Werte, während sie insgeheim der Meinung sind, das gesellschaftliche Leben müsste sich wieder stärker an Werten orientieren. Schließlich kann man sich leicht auf ein paar Dinge verständigen: Dass jeder nur an sich denkt, die Jungen sich für Erlebnisse und gegen Kinder entscheiden, ganz allgemein der gesellschaftliche Zusammenhalt zerreißt, die neue Unterklasse nur rumhängt und alle RTL gucken. Das Bündnis, das die 68er und die Alternativbewegungen mit dem Hedonimus eingegangenen sind, ist nur eine der Ursachen für das widersprüchliche Verhältnis der Linken zu Werten, die Tatsache, dass die linke Theoriegeschichte auch eine Geschichte des theoretisierten Affektes gegen moralisches Handeln und ethische Beweggründe ist, schlägt ebenso zu Buche.

Weil die Aversion gegen ethische Motive von den Neoliberalen übernommen und radikalisiert wurde, glauben viele Linke aber nun, dem müsse mit Werten begegnet werden - wobei allerdings der schiere Begriff "Werte" mit "konservativen Werten" identifiziert wird.

Die Folge ist eine überzogene Nachsicht mit einem "werteorientierten" Konservativismus - der wird nicht mehr als Gegner wahrgenommen, sondern auch dann noch als potenzieller Gesprächspartner, mag der auch aus den Aporien des Werteparadigmas und des Freiheitsthemas einen so seltsamen Brei zusammenrühren wie Udo di Fabio, der Freiheit "als individuelle Freiheit zur nützlichen sozialen Bindung" verstehen will - was letztendlich heißt, dass die gute, die richtige Freiheit darin besteht, aus freien Stücken so zu leben, wie das Udo di Fabio gefällt.

Viertens gibt sich die neue Bürgerlichkeit als "mitfühlender Konservativismus", der sich um die Lage der Unterklassen sorge. Angesichts der Erosion von Leitmilieus und des Zerfalls der Gesellschaft in Milieus, Szenen und Stämme, die nebeneinander herleben, wird eine "neue Bürgerlichkeit" beschworen, die Gesellschaft integrieren, binden möge. Bürgerlichkeit wird so als Gegengift zur Desintegration und Klassenspaltung empfohlen. Dabei ist doch gerade der Habitus des Bürgerlichen seit jeher ein Manöver zur Desintegration, zu Distinktion und Klassenspaltung. Heute ist das nicht anders: Man zeigt wieder Stil, markiert moralische und (alltags-) ästhetische Superiorität.

Es gibt eine über die Kreise des Konservativismus hinausreichende Hoffnung, die neuen Bürgerlichen hätten zu den Fragen unserer Zeit Vernünftiges beizutragen. Die allseits konstatierten Sinnkrisen, die Renaissance des Religiösen, aber auch die faktische Pflege recht bürgerlicher Lebensformen in einstmals rebellischen Milieus - etwa bei den "Grünen" - verleiten zu der Ansicht, eine lässige, urbane, moderne Bürgerlichkeit hätte ihrerseits zu Lockerungsübungen im Lager der traditionell hartleibigen Konservativen geführt.

Die Hoffnung ist, wie Udo di Fabio, zeigt, leider unberechtigt. Ob dankens- oder bedauerlicherweise, das sei dahingestellt.

Robert Misik in FALTER 50/2005



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