Man glaubt es nicht. Leben und Werk

Heino Jaeger, Joska Pintschovius


Berge wie Sand am Meer

Heino Jaeger (1938-1997) ist der legitime Nachfolger Karl Valentins und nach wie vor einer der großen Übersehenen. Ein schön gemachter Sammelband mit Texten und Bildern versucht, dagegen etwas zu unternehmen.

Der Maler und Kabarettist Heino Jaeger wurde am Neujahrstag 1938 in Harburg, einem Vorort von Hamburg, geboren. Seine Biografie steht in krassem Gegensatz zu seinem Werk, ist also alles andere als lustig. Feuer spielt in ihr eine wesentliche Rolle: Aus dem bombardierten, brennenden Hamburg flüchtet die Familie nach Dresden, von dort, nach den Bombenangriffen im Februar 1945, wieder zurück nach Harburg. "Die Amoralität dieses Krieges und dieses Angriffs", schreibt Joska Pintschovius, Jaegers lebenslanger Freund, in seiner "erzählten Biografie", "war für Jaeger in einem einzigen Bild festgehalten: Still und gefasst kam den Flüchtenden ein Junge entgegen, an seiner Hand führte er ein kleines Mädchen, beide trugen ihre Nachthemdchen und gingen unaufgehalten, wie traumwandelnd, in die brennende Stadt hinein." Sie ähneln darin Jaeger selbst: unaufgehalten, wie traumwandelnd wird auch er in den Untergang gehen.

Nach der Volksschule und einer abgebrochenen Malerlehre besucht er die Landeskunstschule Hamburg, er nimmt, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, verschiedene Arbeiten an - unter anderem als Wetterbeobachter auf einem Feuerschiff, Postbote und Backgehilfe. Ab 1960 arbeitet er hauptsächlich als Grafiker in verschiedenen Museen. Mit Malerfreunden unternimmt er zahlreiche Reisen in entlegene Gegenden Deutschlands und in die Nachbarländer, vornehmlich um zu sehen, zu filmen und zu malen, was im Westen wie im Osten aus Modernisierungsgründen zum Verschwinden verurteilt ist: dem Abbruch geweihte Gebäude, vor der Ausmusterung stehende Straßen- und Eisenbahnen. Überzeugt davon, dass der öffentliche Konsens von der rapiden Läuterung des deutschen Volks vom Naziwahn Lüge sei, versieht Jaeger seine Bilder immer wieder mit Naziinsignien. Er macht sich damit wenig beliebt, man wirft ihm Kriegsverherrlichung vor.

Ende der Sechzigerjahre wird man über den Freundeskreis hinaus auf Jaegers Talent aufmerksam, Stegreifgeschichten zu erzählen. Knut Kiesewetter produziert eine Schallplatte, die ein Erfolg wird. In den Siebzigern erlangt die "Praxis Dr. Jaeger" im Saarländischen Rundfunk große Popularität. Aber schon lang leidet Jaeger an Depressionen, immer wieder muss er in psychiatrische Behandlung. Sein Alkoholismus gerät außer Kontrolle. 1983 vernichtet ein Brand seine Wohnung. Er unternimmt keine Versuche, das anfangs harmlose Feuer zu löschen, sondern sieht zu, wie die Flammen sich ausbreiten, und geht dann nackt zur Feuerwache, um den Vorfall zu melden. Von da an wird er, der inzwischen - "zu langweilig" alles - längst verstummt ist, von verschiedenen Sozialeinrichtungen betreut. 1988 bezieht er sein letztes Quartier, ein sozialpsychiatrisches Heim in Schleswig-Holstein, wo er am 7. Juli 1997 an einem Schlaganfall stirbt.

Es fällt, angesichts dessen, was gegenwärtig als Kabarett durchgeht, schwer, Heino Jaeger einen Kabarettisten zu nennen. Er ist einer der wenigen legitimen Erben Karl Valentins, die Absurdität des menschlichen Daseins ist sein Thema, und wie Valentin ist er ein Liebhaber des Nonsens. Das führt, etwa in "Schlachtereiwesen", zu Sätzen wie: "Dort sehen Sie den Hochsitz für den Blutrat, der auch das Bergrecht hatte, deshalb das Bild mit dem Knochenberg hier im Wappen, rechts in der Hand des Wappners die gebrochene Lilie, links das zweimal gebrochene Bein des Rindes zum Zeichen der Gnade"; oder, in "Ratgeber/Föhnluft", zu der Feststellung: "Berge gibt's in der Schweiz wie Sand am Meer."

Anregungen holt sich Jaeger an den Stammtischen der Kneipen und aus dem Radio. Tagelang, berichten Menschen, die ihn kannten, tat er nichts als im Bett liegen und Radio hören. Er ist ein höchst aufmerksamer Zuhörer und versteht es überdies, sich diverse Idiome und Sprechhaltungen so selbstverständlich anzuverwandeln, als sei das nicht schwieriger, als das Hemd zu wechseln.

Es ist daher empfehlenswert, Heino Jaeger zu hören, bevor man ihn liest. Hat man ihn im Ohr, erschließen sich seine Texte leichter, die - so perfekt Jaeger es auch versteht, Tonfälle nachzustellen - niemals bloße Parodien sind. Ob Professor Grzimek seine Tiersendung moderiert, ein Historiker über die "Weimarer Zeit" spricht oder ein Schauspieler von seinem "Besuch bei Ullstein" erzählt, immer und niemals linear geht es um die menschliche Existenz, ihren Wahnwitz und ihr Elend. Insbesondere in den längeren Texten nähern sich Jaegers Szenen dem absurden Theater. Der Dialog "Das Lampengeschäft" etwa, in dem sich ein greises, schwer betrunkenes Ehepaar über die Aussichtslosigkeit des Daseins hinwegschwätzt, klingt, als habe ihn ein norddeutscher Beckett verfasst.

Es ist schwer zu verstehen, warum Heino Jaeger bis heute nur wenigen bekannt ist. "Wir haben ihn wohl nicht verdient", mutmaßt Loriot, aber möglicherweise liegt es auch daran, dass man ihn nicht bekannter werden lassen will. Die besseren oder jedenfalls erträglicheren der unzähligen Witzaufsager, die heute die Kabarettbühnen bevölkern, haben von ihm, nun ja, gelernt. Alle anderen aber müssten kapitulieren vor jeder einzelnen seiner Wortschöpfungen und -ballungen, seinen "Chansonetten, Sopranetten und vielen nicht prophylaktischen Schauspielern" oder dem "Alpenvorzugspullover von Dr. Prager mit Schwitzfutter und eingenähtem Kupferpfennig" und nichts anderes mehr tun als ehrfürchtig einen Kranz für ihn niederlegen, am besten im "Speyer zu Worms".

Antonio Fian in FALTER 50/2005



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