John Lennon. Die Jahre in New York

Bob Gruen


Wer war John?

Zu John Lennons 25. Todestag skizzieren drei neue Bücher den Überbeatle zwischen Mensch und Mythos.

Als John Lennon am 8. Dezember 1980 vor seiner Haustür in New York City von einem christlichen Fanatiker erschossen wurde, lag das Ende der Beatles eine gute Dekade zurück. Der Gründer, Denker, Charismatiker, Kreativkopf und Visionär dieser größten Popband aller Zeiten war zwei Monate zuvor vierzig geworden, und mit dem unbeschwerten Album "Double Fantasy" hatte er eben erst sein jahrelanges kreatives Schweigen gebrochen.

Lennon war zu diesem Zeitpunkt längst eine Legende; ein Vierteljahrhundert später kann praktisch nur er gemeint sein, wenn vom größten Rockmusiker des 20. Jahrhunderts die Rede ist. Elvis endete als traurige Witzfigur mit dem Kopf in der Kloschüssel, Sir Mick Jagger ist ein unterhaltsames Kasperl und Bob Dylan seit Jahrzehnten eigentlich nur mehr für Besserwisser und Sektenangehörige interessant. Der Überbeatle Lennon aber bleibt in Erinnerung als jener Künstler, der Pop zu einer ernsthaften Kunstform machte, ohne deshalb die Massen auszuschließen, und dem es nie nur - wie etwa seinem Kollegen McCartney - um hübsche Melodien, sondern immer ums ganze Leben ging. Trotz seines schmalen Solowerks hat er nach dem Ende der Band mehr Songs für die Ewigkeit aufgenommen als die restlichen drei Beatles zusammen.

Was aber, wenn dieser John Lennon seiner späteren ersten Ehefrau Cynthia einst aus Eifersucht eine Ohrfeige gab? Was, wenn er privat in jungen Jahren stets zwischen liebevoll und unnahbar, zwischen humorvoll und jähzornig pendelte? Wenn er vor seiner herrischen Tante Mimi buckelte und gerne den Weg des geringsten Widerstands ging? Was, wenn er Cynthia gegenüber ein ebenso feiges wie fieses Schwein war, als Yoko Ono in sein Leben trat? Und was, wenn Johns 1963 geborener erster Sohn Julian seine Mutter als Kind verzweifelt fragte: "Dad sagt immer, die Menschen sollen sich lieben. Wieso liebt er dann mich nicht?" Dann tut das, so hart es für Cynthia und Julian auch sein mag, im Prinzip genau gar nichts zur Sache.

Mit ihrem Buch "John" will Cynthia, die sich in vierter Ehe immer noch "Lennon" nennt, die Wahrheit über ihre Beziehung erzählen und kommt großteils doch nicht über Allgemeinplätze und retrospektive Verklärungen der verlassenen, gedemütigten Exfrau hinaus, die sich als Teenager an der Kunstschule in den jungen Rebellen verliebte, den Aufstieg der Beatles dann als Ehefrau und Mutter vom Abstellgleis aus erlebte und letztlich keine seiner menschlichen und künstlerischen Veränderungen mitmachen oder nachvollziehen konnte.

"In Iain Softles Film Backbeat' aus dem Jahr 1994 werde ich als beschränkter kleiner Backfisch mit Kopftuch dargestellt", ärgert sich Cynthia (Traumberuf: Kunsterzieherin) und betont umgehend, in ihrem ganzen Leben kein Kopftuch getragen zu haben. Gleichzeitig erinnert sie sich noch an die exakte Speisenfolge bei irgendwelchen vierzig Jahre zurückliegenden Einladungen, die Beatles-Schlüsselwerke "Rubber Soul" und "Revolver" aber erwähnt sie mit keinem Wort. Ihre im Buch klar zum Ausdruck gebrachte Mischung aus persönlichem Hass und konservativer Einfältigkeit verunmöglichen zudem eine auch nur annähernd seriöse Beurteilung von Yoko Ono.

Wenn ich als Teenager gewusst hätte, wohin das führen würde, als ich mich in John Lennon verliebte, dann hätte ich kehrtgemacht und wäre davongelaufen", schreibt Cynthia Lennon bezeichnenderweise am Ende ihres Buches. Yoko Ono tönt im Vorwort zur Textsammlung "Erinnerungen an John Lennon" wenig überraschend gänzlich anders. Sie sei nach wie vor nicht bereit, über ihre gemeinsame Zeit mit John zu schreiben, heißt es da. "Werde ich das jemals sein? Es fühlt sich nicht so an. Ich glaube nicht, dass ich diesen Teil meines Herzens öffnen kann, solange es noch zittert."

Yoko Ono ist nach wie vor die meistgehasste Frau der Popgeschichte. Dem gegenüber stehen einige ganz simple Fakten: Ein Großteil von Lennons besten Arbeiten entstand unter ihrem Einfluss. Seine spektakulärsten Aktionen waren stets ihre spektakulärsten Aktionen. Sie waren, und das verdeutlichen nicht nur viele Weggefährten der beiden, sondern vor allem auch unzählige gemeinsame Fotos, mehr als einfach nur ein Paar, sie waren JohnundYoko. Nicht zuletzt sorgt Ono als Verwalterin seines künstlerischen Erbes seit 25 Jahren dafür, dass kein Schindluder getrieben wird mit dem Namen John Lennon.

Nicht alle der Autoren, die in den - leider sehr unkundig übersetzten und streckenweise doch etwas beliebig wirkenden - "Erinnerungen" zu Wort kommen, haben Lennon auch persönlich gekannt; die Beiträge von Fans wie dem Countrymusiker und Bürgerrechtler Steve Earle oder der spitzzüngigen Punkikone Jello Biafra sind aber keinesfalls die schlechtesten der knapp achtzig Texte. Daneben erfährt man aus unterschiedlichsten Perspektiven diverse Detailaspekte aus Lennons Leben, während Dennis Hopper mit dem kürzesten Beitrag des Buches auch nicht ganz falsch liegt: "Alle meine Erinnerungen sind in der Musik."

Bob Gruen wiederum pflegt den Mythos auf seine Art und Weise: Der persönliche Fotograf und langjährige Freund von John und Yoko lässt in seinem Beitrag ausgewählte Bilder sprechen. Eine mit persönlichen Erinnerungen versehene Extended Version davon findet sich in seinem parallel zu Onos neuem Buch erschienen Bildband "John Lennon. Die Jahre in New York.".

Gerhard Stöger in FALTER 49/2005



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