25 Jahre "Fotogeschichte"

Anton Holzer, Timm Starl


Mit dem Finger am Abzug

Die Zeitschrift "Fotogeschichte" feiert ihr 25-jähriges Bestehen. Ihr Gründer Timm Starl ist Exmanager, Achtundsechziger und Autor eines Lexikons über die ersten Jahrzehnte österreichischer Fotografie.

Was geschah am 4. Oktober um halb sieben Uhr morgens?" ist eine dieser Fragen, die nie gestellt würden, gäbe es nicht Menschen wie den Fotohistoriker Timm Starl. Der fand dieses Datum auf einer Ansichtskarte, auf der ein entsetzlicher Unfall zu sehen ist. Die Leichen von zwei Männern und einer Frau liegen im Straßengraben vor einem Motorrad, das frontal in ein Auto gekracht ist. Aufgrund des Fotopapiers hatte Starl in der Fotokolumne der Wiener Zeitung die Ansichtskarte auf die Zeit um 1910 datiert. Verursacher des Unfalls müsse, so entnahm Starl den Bremsspuren, der Motorradfahrer gewesen sein.

Daraufhin erhielt er prompt den Anruf eines 92-jährigen Lesers, der sich an die Unfallmeldung erinnerte. Der Vorfall habe sich nicht 1910, sondern 1931 ereignet. Und den Unfall konnte unmöglich der Motorradfahrer verursacht haben, da in Kärnten zu der Zeit noch die Linksfahrordnung galt. Der Autofahrer war ein gewisser H.D., der zur Villacher "Schickeria" gehörte. Er habe wohl den Vorrat an Fotopapier des Fotoateliers unterschätzt, erklärt Starl seine Fehldiagnose. "Nur einem Fingerzeig nachzugehen, kann leicht in die Irre führen."

Einen Großteil seiner Zeit verbringt der 66-jährige Wiener damit, zu rekonstruieren, was vor und nach dem Augenblick einer Aufnahme geschah. Wie, zum Beispiel, kam die Fliege auf eine Aufnahme von Mameluckengräbern aus dem Jahre 1870? Fotohistorisch bedeutsamer freilich ist jene Rekonstruktionsleistung, die er für die ersten Jahrzehnte österreichischer Fotografie unternommen hat und die nun unter dem Titel "Lexikon zur Fotografie in Österreich 1839 bis 1945" erschienen ist. Enthalten sind die Namen aller Fotografen, Zeitschriften, Institutionen und Ausstellungen, also das ganze, verschlagwortete Netzwerk der lokalen Fotowelt seit ihren Anfängen. Online abrufbar ist dieses Mammutwerk auf der Homepage der Albertina. Zehn Jahre verbrachte Starl mit dieser Recherche, die mit einem Word-Dokument begann, ehe der Sohn für den archivierungswütigen Vater eine Software entwickelte. Da jener nicht nur alle Fotozeitschriften, sondern auch volkskundliche oder medizinische Werke nach Porträtaufnahmen oder Röntgenbildern durchforstete, kann wohl von einem Standardwerk bildwissenschaftlicher Quellenforschung gesprochen werden.

Den leidenschaftlichen Impuls für die trockene Datenerhebung erhält Starl aus dem haptischen Umgang mit den Bildern. Seine Fotosammlung in einem engen Biedermeierhaus im achten Bezirk hat in einer kleinen Holzschatulle Platz. Beim Stöbern verwandelt sich Starl in einen Ermittler, dessen Blick neugierig jenen Spuren folgt, die das Bild eines Augenblicks hinterlassen hat. Das Pressefoto der Verhaftung einer Suffragette liegt neben dem Foto einer toten Bäuerin, das sein Besitzer in einem verschwitzten Plastiketui aufbewahrte: "Wer trägt schon so ein Foto mit sich herum?", fragt sich Starl, der in der Fotografie weniger ein gerahmtes Kunstwerk an der Wand sieht, sondern ein Bild, das in zahlreichen Anwendungsformen zirkuliert, vor dem kalten Auge des Wissenschaftlers, am Herzen eines Liebenden oder auch als Zeugnis einer patriarchalen Familienaufstellung.

"Was die Fotografie von der Kunst unterscheidet, ist die Tatsache, dass der überwiegende Teil der Informationen zufällig ins Bild kommt", sagt er und bringt damit seine Skepsis gegenüber Kunsthistorikern zum Ausdruck, die in seinen Augen zu wenig die der Fotografie eigenen Parameter berücksichtigen und all jene Fotografen übergehen, die zu wenig Künstler sind.

Daher schrieb Starl eine Enzyklopädie des Knipsers. Im Unterschied zu dem in Clubs organisierten Fotoamateur nimmt der Knipser an keinem Wettbewerb teil, fotografiert nur für den Privatgebrauch. "Alles, worauf er achtet, ist, dass das Objekt in der Mitte des Bildes steht." Umso mehr aber lassen sich aus den Bildern der Knipser Geschichten über ihre Entstehungszeit, ihre Wünsche, Normen und Ängste herauslesen. "Fotografie ist für mich gleichermaßen Kunst wie Wissenschaft. Oder auch ein Identität stiftendes Moment in einem Familienalbum."

Das Bild des gelehrten Alten, der mit der Lupe vergangenen Augenblicken nachforstet, trügt ein wenig. Andere Bilder müssen her, um Starls Werdegang zu veranschaulichen. Etwa jenes des Anzugträgers, der 1968 nach Frankfurt zog, um für einen Unternehmensberater zu arbeiten. Oder das des politisierten Managers, der das viele Reisen satt hatte, bei seiner Frau und den beiden Kindern bleiben wollte und ein neues Leben als Flohmarktverkäufer begann. Sie wurde zum Altwarenprofi, er eröffnete ein Fotoantiquariat. "Es gab damals keine Sekundärliteratur über Fotografie. Es gab so viel zu entdecken."

1980 gründete er schließlich die Zeitschrift Fotogeschichte, das einzige wissenschaftliche Periodikum über dieses Thema in deutscher Sprache. Sie wird heute von Anton Holzer herausgegeben. Holzer schätzt an seinem Vorgänger die Kompromisslosigkeit, mit der er etwa die NS-Vergangenheit prominenter Fotografen aufdeckte. Und die Art, wie der Ehrendoktor der Berliner Universität der Künste historische Genauigkeit mit einer poetischen Betrachtungsweise verknüpft. Einer seiner letzten Texte widmet sich etwa den Engeln in der Fotografie. "Die österreichische Fotografiegeschichte wäre ohne seine zahlreichen Beiträge undenkbar."

Vor sechs Jahren zogen die Starls nach Österreich zurück. Mit der hiesigen Fotoszene hat der für die Frankfurter Allgemeine schreibende Heimkehrer freilich seine liebe Not. "In der Fotoszene regiert Missgunst. Der Kuchen ist klein." Und damit die Subventionen berechenbar verteilt werden, behandle jeder jeden mit Samthandschuhen. "Wenn ich eine Ausstellung verreiße, kann es sein, dass der Onkel des Fotografen im Fotobeirat des Kunststaatssekretärs sagt: ,Dem Starl geben wir kein Forschungsstipendium mehr.'" Ein Stillhalteabkommen habe etwa dazu geführt, dass in der Zeitschrift Camera Austria noch nie eine negative Kritik über einen österreichischen Fotografen erschienen sei. Starls eigene Zeitschrift muss sich kein Blatt vor den Mund nehmen. Sie kommt seit 25 Jahren ohne Subventionen aus.

Matthias Dusini in FALTER 48/2005



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