Zuhause

Kristof Magnusson


Björk, go home!

Kristof Magnusson hat einen erhellenden Island-Roman mit vielen schönen Sätzen, reichlich Alkohol und guter Begleitmusik geschrieben.

Der Mitteleuropäer stellt sich Island als gelobtes Land vor: Bei 2,9 Einwohnern pro Quadratkilometer hat man viel Platz in eindrucksvollen Naturlandschaften, wenn man seine Ruhe haben möchte, andererseits offeriert die Hauptstadt Reykjavík aber auch ein pulsierendes Nachtleben. Und ein interessantes Völkchen dürften diese Isländer obendrein sein, wo sie doch angeblich Feen lieben und bei einer Population von 300.000 eine beachtliche Zahl an Schriftstellern und Musikern hervorgebracht haben.

Stimmt so nicht ganz, meint Kristof Magnussons Held Larus in dessen gelungenem Debütroman "Zuhause". Der 29-jährige Autor und seine durchaus als Alter Ego lesbare Hauptfigur müssen es wissen: Beide sind isländischer Herkunft, leben jedoch seit langem in Deutschland und kennen ihr Land somit sowohl aus der Innen- als auch aus der Außenperspektive. Das ermöglicht eine klarere Sicht.

Nehmen wir nur die leidige Sache mit den Elfen, ohne die die Island-Rezeption spätestens seit der Weltkarriere der berühmtesten Stimmakrobatin des Landes nicht mehr auskommt. Magnusson lässt sich 238 Seiten Zeit, bis er darauf zu sprechen kommt, dafür gelingt ihm dann eine definitive Aussage zum Thema. Isländer, legt der Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig seinem Larus in den Mund, würden ständig mit der Angst leben, "von Ausländern auf das Elfenthema angesprochen zu werden. In diesem Sinne waren Elfen für Isländer das, was für die Deutschen die Nazis waren."

Kristof Magnusson hat mit "Zuhause" den etwas anderen Island-Roman geschrieben, ein Buch, das in der ersten Hälfte vor allem durch seinen erfrischenden Witz und erhellende Einsichten in das Leben in der neuen nordischen Metropole Reykjavík besticht. Wirklich scharf seien die Einheimischen nicht darauf, dass immer mehr Partytouristen mit distinktionsgewinnlerischen Absichten auf der Laugavegur, der einzigen Hauptstraße des Landes, einfallen würden, heißt es einmal.

Larus, der in Hamburg Vögel filmt ("Meditativer Realismus"), reist wie jedes Jahr zu Weihnachten nach Island, allerdings kehrt er als Auslandsisländer zurück, der nur die ersten neun Jahre seines Lebens in Reykjavík verbracht hat. Der sensible junge Mann wurde gerade von seinem Freund verlassen. Umso mehr würde Larus die Zuneigung seiner Sandkastenfreundin Mathilda benötigen. Die aber macht selbst gerade eine veritable Sinnkrise durch. Erst will sie deswegen ein Suppenlokal eröffnen ("die Leute wollen das"), dann zieht sie aus Angst vor der Einsamkeit aus ihrer Singlewohnung in eine bunte WG.

Nichts scheint dieses Jahr so zu sein, wie es sonst immer war. Allerorts zerfallen Beziehungen, in rasantem Tempo geht alles derart schief, dass Larus irgendwann sogar eine Verschwörung wittert. Hier, im zweiten Teil des Romans, versucht sich Magnusson an einem Krimi, der den Protagonisten mit seiner familiären Vorgeschichte und einer isländischen Saga konfrontiert.

Dieser Strang um die Saga von Egil Skallagrímsson, die in Island angeblich jedes Kind kennt, und Magnus' Verhältnis zur mächtigsten Familie des Landes ist nicht ganz so gelungen, wirkt ein wenig an den Haaren herbeigezogen. Und das, obwohl Familie in Island das Thema Nummer eins ist, wie Autor Magnusson im Interview anhand eines Vergleichs erklärt: "So wie sich Unbekannte hier auf einer Party über das Wetter unterhalten, unterhält man sich in Island über Familienkram. Meistens versucht man dabei nicht, herauszufinden, ob man verwandt ist, sondern wie man verwandt ist." Auch Larus wird's am Ende herausfinden.

Trost bieten dem geplagten Helden nur die Nächte. Sie werden gemeinsam mit anderen jungen Isländern in einer "kollektiven Auflehnung gegen den Winter, die Dunkelheit, Langeweile, Pizzabringdienste, Chat-Rooms und Pay-TV" im Stammlokal kaffi gógó verbracht. Dort fließt viel Alkohol, und es läuft anrührende Musik; der ausgebildete Organist Magnusson hat es geschafft, von Bright Eyes über Belle & Sebastian bis Joy Division praktisch alle seine Poplieblinge ins Geschehen einzubauen.

Die Gretchenfrage des Buches lautet: Wo ist "Zuhause"? Gerade in einem Land am Polarkreis ein großes Thema. Gegen Weihnachten hin spitzt es sich noch einmal dramatisch zu, besonders für eine Generation von um die Dreißigjährigen, die noch keinen eigenen Christbaum hat und auch sonst noch ihre Zugehörigkeit sucht. Magnusson, der von sich behauptet, nur Möbel zu besitzen, "die ich selber innerhalb von zwei Stunden in einen Kleintransporter tragen könnte", steht einem traditionellen Heimatbegriff erwartungsgemäß negativ gegenüber: "Heimat ist ja meist das, von dem man irgendwie wegkommen möchte."

Dem Titelwort seines Romans kann er mehr abgewinnen: "Im Unterschied zu Heimat kann man ja einen Ort einfach zu seinem Zuhause erklären. Man zieht irgendwo hin, sucht sich Freunde, kauft sich ein paar ernstzunehmende Möbel und postuliert ein Zuhause." Dass die entscheidungsschwachen Endzwanziger einfach nicht wüssten, wo sie hinsollen, will Magnusson so nicht gelten lassen: "Ich finde es feige, alle Schwierigkeiten, die man bei sich und ein paar Freunden beobachtet, gleich zu den Schwierigkeiten einer ganzen Generation machen zu wollen."

Zwei abschließende Fragen an den Landeskundigen noch. Was hält er von Björk? "Die kann man gar nicht genug überschätzen." Und ist Island nun eine Reise wert? "Hinreisen", rät Magnusson, "viel Geld mitnehmen und Bier trinken."

Sebastian Fasthuber in FALTER 48/2005



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