Let's be Frank. Die unglaubliche Geschichte des heimlichen Kaisers von...

Norbert Mappes-Niediek


Schrei nach Liebe

Steyr, Austria und Staatsoper: Hartnäckig versucht Frank Stronach, sich die Zuneigung von Land und Leuten zu erkaufen. Österreich und sein Wohltäter - das Porträt einer schwierigen Beziehung.

Die Liebe war kurz, aber innig. Gerade ein Jahr lang nannte der blutjunge Bursche Bern seine Heimat, dennoch waren an jenem Novembersamstag des Jahres 1953 über fünfzig Menschen auf den Beinen, "um von unserem lieben Franzl Strohsack Abschied zu nehmen". Der Zwanzigjährige Gastarbeiter aus der Steiermark hatte in der Schweizer Hauptstadt nicht nur als Maschinist gewerkt, sondern als linker Läufer auch die Fans des Oberligaklubs FC Helvetia begeistert. Nun packte er wieder seinen Ranzen, um "in Graz einen verantwortungsvollen Posten zu übernehmen". Da ließen es sich viele Anhänger nicht entgehen, berichtet das Vereinsmagazin, "diesem jungen Österreicher, der durch seine saubere, bescheidene Art viele Freunde gewonnen hatte, ein letztes Mal vor seiner Rückkehr in die steirische Heimat die Hand zu drücken".

Die Rückkehr aus Bern war vielleicht ein Schlüsselereignis im langen und turbulenten Leben des Franz Strohsack. Den Topjob in der Landeshauptstadt ergatterte der Arbeitersohn nie, stattdessen heuerte er als gewöhnlicher Werkzeugschlosser bei einer kleinen Firma in Weiz an. Befriedigt hat ihn die Stelle offenbar nicht. Der ehrgeizige Strohsack suchte buchstäblich das Weite; er wanderte nach Kanada aus. Bis heute ist nicht klar, welches Unternehmen ihm jenen Posten in Aussicht gestellt hatte, wegen dem er die Schweiz verließ. Obwohl Strohsack widerspricht, will ein Gerücht nicht verstummen: Es soll Steyr-Daimler-Puch gewesen sein.

Vier Jahrzehnte später kamen der steirische Werkzeugmacher und der österreichische Paradebetrieb doch noch zusammen, nur stand die Hierarchie Kopf. Strohsack, der sich nun Frank Stronach nannte, war an keinem Job mehr interessiert, sondern kaufte gleich das ganze Unternehmen. Die Fahrzeugfabrik Steyr-Daimler-Puch wurde Teil des Autozulieferkonzerns Magna, der weltweit 82.000 Leute beschäftigt - und Frank Stronach mit einem Schlag zur dominanten Figur in Österreich. Seither hat der 73-jährige Milliardär im Land viel Geld investiert, auch in Unternehmungen, die keine fetten Dividenden abwerfen. Stronach baute eine Pferderennbahn mit Casino und Showbühne, sponsert die Staatsoper und den Musikverein, finanziert Lehrstühle an der Uni Graz und unterhält einen Fußballklub, der sich nun allerdings abnabeln wird (siehe Kasten). Warum der ganze Aufwand im hohen Alter? Die offizielle Antwort lässt Stronach ständig durch seine Adlaten verbreiten: "Er will dem Land etwas von seinem Glück zurückgeben."

Norbert Mappes-Niediek ist diese Erklärung zu simpel. In der sehr aufschlussreichen Biografie "Let's be Frank" zeichnet der Journalist ein präziseres Bild des selbsternannten Wohltäters. Mappes-Niediek beschreibt Stronach als einen Mann, der zu seiner Heimat ein offenbar gespaltenes Verhältnis hat. "Schroff und ablehnend" reagiert der Austrokanadier auf Reminiszenzen an seine Jugendzeit. Der Bürgermeister von Stronachs Geburtsort Kleinsemmering, in den tristen Dreißigern eine Ansammlung von Holzbaracken entlang gatschiger Wege, versuchte vergeblich, mit dem großen Sohn der Gemeinde Kontakt aufzunehmen. Und sein eigenes Gesellenstück von anno dazumal, das ihm frühere Kollegen als Geschenk überreichten, nahm der gealterte Werkzeugmacher eher widerwillig an. Anders als die Protagonistin in Friedrich Dürrenmatts Drama "Der Besuch der alten Dame", das immer wieder mit Stronachs Rückkehr assoziiert wird, suche der Magna-Chef zwar keine Rache, meint Mappes-Niediek. Aber weil Stronach als junger Mann in der Heimat den ersehnten Aufstieg nicht schaffte, "holt er sich im Alter nun dort Anerkennung, wo sie ihm einst versagt geblieben ist".

Echte Bewunderung hat Stronach auch in seiner Wahlheimat Kanada nicht gefunden. Der Verkauf von Rückspiegeln, Spoilern und Achsenantrieben brachte ihm zwar ein Vermögen von geschätzten 1,1 Milliarden Euro, aber noch lange nicht so viel Prestige in der Gesellschaft ein, wie er sich warscheinlich gewünscht hätte. Immer wieder versuchte der hemdsärmelige Einwanderer den Geruch der Werkshallen abzustreifen. Doch Stronachs Hochglanzmagazin Vista scheiterte ebenso wie sein Einstieg in die Politik: Als Kandidat der Liberalen verlor er 1988 gegen einen biederen Augenoptiker. Nahezu zwei Jahrzehnte lang versuchte der Pferdeliebhaber auch, im elitären Ontario Jockey Club Einlass zu finden. Als sein Werben schließlich erhört wurde, überwarf er sich bald mit der schnöseligen Szene. Ein für Stronach typischer Widerspruch, meint Biograf Mappes-Niediek: "Stronach giert nach Liebe. Gleichzeitig straft er seine Verehrer aber auch mit Verachtung."

Das alte Österreich erschien dem reifen Stronach als guter Boden. In den Neunzigern begann der Staat konsequent seine altehrwürdigen Industriebetriebe zu verkaufen, privaten Investoren winkten lukrative Geschäfte. Weil es von spendablen Milliardären im Land obendrein nicht gerade wimmelt, konnte Stronach auch mit einigem Aufsehen rechnen. Doch die Herzen der Menschen - das spürte der Heimkehrer wohl - gewinnt man nicht mit neuen Arbeitsplätzen. Die erobert man mit Fußball.

In der emotionellen Welt der Wuchtel versagte freilich Stronachs Instinkt. Während Magna von Kontinuität in den Führungsetagen profitiert, praktizierte der Oberboss bei seinem Klub Austria Wien wüstes Hire & Fire, als Bundesligapräsident fiel er hauptsächlich mit krausen Ideen auf. Nie kam der Mann aus der nüchternen Autobranche mit all den Maulhelden zurecht, die sich in der Kickerszene umtreiben. "Ständig prasselten Ratschläge und Wünsche auf ihn nieder", erzählt ein Insider, "deshalb seine Sprunghaftigkeit."

Dennoch: Trotz aller schrägen Ansagen ("ich will 2006 Fußballweltmeister mit Österreich werden") ermöglichte die Mehrzahl der Klubchefs Stronach, seine Allmachtsfantasien recht weitgehend umzusetzen. In der Endausbaustufe hätte das System vermutlich folgendermaßen ausgesehen: Stronach, Präsident der Bundesliga, überträgt die Spiele von Klubs, die er finanziert, in einem Wettkanal, den er selbst betreibt. Unvereinbar? Kritikern konterte Stronach stets mit der ewig gleichen Phrase: "Ich lebe nach der goldenen Regel. Wer das Gold hat, macht die Regel."

Oder er bekommt die Regeln zurechtgebogen. Als Magna im niederösterreichischen Oberwaltersdorf ein riesiges Areal für ihren Firmensitz und einen Wohnpark gekauft hatte, widmete der zuständige Gemeinderat das landwirtschaftliche Areal flugs in Bauland um - obwohl geltende Gesetze dagegensprachen. Sämtliche Bedenken planierten die zuständigen Behörden auch, als Stronach einen gigantischen Erlebnispark samt einer monströsen Weltkugel mit 120 Metern Durchmesser hochziehen wollte; das Projekt scheiterte an den Naturschutzrichtlinien der EU. Im Stillen bot die unter politischem Einfluss stehende Creditanstalt Stronach die Steyr-Daimler-Puch AG zu einem äußerst günstigen Preis an. Erst als der Deal aufflog, musste der Käufer nachbessern. Ebenfalls heimlich durfte Magna über den Erwerb der Voest, damals zu 35 Prozent im Besitz der Staatsholding ÖIAG, verhandeln. Wegen öffentlichen Gegenwinds wurde das Geschäft schließlich aber abgeblasen.

Immer wieder gerät Stronach dabei in den Verdacht der Freunderlwirtschaft. Die Creditanstalt etwa, die ihm 1998 Steyr überließ, gehört zur Bank Austria, deren damaliger Boss Gerhard Randa im Aufsichtsrat von Magna saß; heute arbeitet Randa hauptberuflich im Stronach-Reich. Magna-Vorstand Siegfried Wolf wiederum ist nebenbei Aufsichtsrat der ÖIAG, die vor zwei Jahren die Voest verscherbelte. Dort hinein berufen hat ihn Finanzminister Karl-Heinz Grasser, einst selbst bei Magna tätig. Stronach fördert Verflechtungen dieser Art, auch indem er ehemalige Politiker einkauft. Ex-SPÖ-Kanzler Franz Vranitzky sitzt bei Magna im Aufsichtsrat, der frühere rote Bundesgeschäftsführer Andreas Rudas gibt den Unternehmenssprecher. An Bord sind überdies der ehemalige blaue Klubchef Peter Westenthaler, FPÖ-Minister a.D. Mathias Reichhold sowie Ex-ÖVP-Landesrat Herbert Paierl. Und seinen Ex-Schüler Grasser würde Stronach wohl jederzeit zurücknehmen.

Nicht Frank Stronach ist das Problem, sondern die Art, wie Österreich mit ihm umgeht", meint Heide Schmidt, Gründerin des Instituts für eine offene Gesellschaft. Die ehemalige liberale Politikerin vermisst den öffentlichen Aufschrei über all die Verschlingungen und Unvereinbarkeiten im Umfeld Stronachs: "Die Empörungsschwelle ist hierzulande sehr hoch", sagt Schmidt. Die Parteibuchwirtschaft stumpfte die Österreicher jahrzehntelang ab, die Sozialpartner erstickten offene Debatten hinter Polstertüren, das historische Erbe tut ein Übriges. "Die österreichische Mentalität verbeugt sich gern", meint Schmidt: "Die Mischung aus Kaiser und Katholizismus ist in dieser Hinsicht unschlagbar."

"Dieser Mann löst mit seiner Provokation in Österreich weniger Widerspruch und demokratische Empörung als viel mehr eine Art Unterwerfung aus", resümiert auch der (deutsche) Stronach-Biograf Mappes-Niediek. Die ehemalige Staatswirtschaft Österreich müsse die Sphären von Politik und Wirtschaft erst sauber trennen, um einem potenten Tycoon gewachsen zu sein, meint Mappes-Niediek: "In Deutschland wäre Stronach nicht möglich."

Gerald John in FALTER 48/2005



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