Brigitta

Adalbert Stifter


Klar, dass im Stifter-Jahr 2005 auch der Hörbuchsektor nicht schläft. Den "Nachsommer" oder gar "Witiko" auf CD, das könnte allerdings höchstens ein Michael Köhlmeier schaffen. Die profane Hörbuchindustrie beschränkt sich stattdessen auf die Erzählungen des berühmten Linzers aus Böhmen.

"Brigitta", zweifellos eine der stärksten Novellen von Adalbert Stifter, gelesen von Karl Menrad, kann man jetzt bei GoyaLit erwerben. Kaum ein Stifter-Text vermag derart in seinen Bann zu ziehen wie dieser. Die Geschichte von der hässlichen Brigitta und ihrer großen Liebe, die sich über Jahrzehnte auch ohne ehelichen Beischlaf erhält, ist eines der berührendsten Dokumente der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts. Stifter spannt darin den novellistischen Erzählbogen in geradezu Kleist'scher Manier. Menrad, den man aus dem Burgtheater oder auch aus "Schlosshotel Orth" kennt, ist ein solider Sprecher, dem man allerdings mitunter einen rauen Hals wünschen würde, damit die Sache nicht ganz so glatt abliefe. Auch parlando Edition Christian Brückner - der Rolls Royce - wird demnächst "Brigitta" in einer neuen Einspielung anbieten.

Um nichts weniger spannend ist die Novelle "Bergkristall" aus den "Bunten Steinen". Auch sie wurde jüngst von Menrad bei GoyaLit eingespielt, ist aber auch bei Audio Pool/Pro Arte zu haben, wo sie von Alexander Netschajew gesprochen und mit Klaviermusik von Franz Schubert und John Cage untermalt wird. Die an "Hänsel und Gretel" erinnernde Geschichte des Geschwisterpaars Konrad und Sanna, die am Weihnachtsabend auf ihrem Heimweg bei heftigem Schneetreiben die Orientierung verlieren und nur dank des großmütterlichen starken Kaffeeauszugs überleben, gehört zu den weihnachtlichen All-time-Highs, nicht zuletzt durch die Verfilmung von Joseph Vilsmeier - auch für Kinder bestens geeignet!

Nicole Streitler-Kastberger in FALTER 46/2005



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