Späte Familie

Zeruya Shalev


Große Erwartungen

Die israelische Autorin Zeruya Shalev schließt ihre Liebestrilogie mit dem eindringlichen Scheidungsroman "Späte Familie" ab.

Die Geschichte ist ganz alltäglich: Eine Frau beschließt, sich nach einigen Jahren Ehe von ihrem Mann scheiden zu lassen. Man hat sich auseinander gelebt. Die Trennung fällt niemand leicht, am wenigsten dem gemeinsamen Kind, das von nun an in seiner Zuneigung zwischen den Elternteilen hin und her gerissen wird.

Zeruya Shalev, die Autorin der Romane "Liebesleben" und "Mann und Frau", behandelt im letzten Teil ihrer Trilogie über die Liebe in heutiger Zeit konsequenterweise das Ende einer Beziehung. Das literarische Aufsammeln der Scherben erweist sich für die momentan populärste Schriftstellerin Israels als besonders dankbare Aufgabe. "Späte Familie" ist der mit Abstand längste Part in dem Roman-Dreier, dessen ersten beiden Teile in der Übersetzung durch Mirjam Pressler auch im deutschsprachigen Raum sehr erfolgreich waren.

Im Zentrum des Geschehens steht Ella, aus deren Perspektive die Geschichte auch erzählt wird. Ella ist Mitte dreißig, als sie beschließt, sich von ihrem Mann Amnon zu trennen. Kennen gelernt hat sie ihn gegen Ende ihres Studiums bei Ausgrabungen als heißblütigen jungen Archäologen, jetzt fühlt sie sich eher wie eine lästige Assistentin - die Liebe ist erkaltet.

Ella sieht die Trennung am Beginn des Romans als Chance. Zumindest möchte sie das so sehen. Bald aber stellt sie sich in ihrem gehetzten Bewusstseinsstrom die Frage: "Wo ist die Erleichterung?" Einerseits hemmt die Tatsache, dass sich ihr Sohn Gili sehr schwer mit der Aufteilung in Mama- und Papa-Wochenenden tut, die Freude am Neustart; andererseits weigern sich die Männerfiguren in dem Roman, Ella ein Leben ohne Partner zuzugestehen. Amnon möchte sie auf eine Art und Weise zurückgewinnen, die man eigentlich nur Vergewaltigung nennen kann, sein Freund Gabi ist nicht viel besser. Auf andere Art ebenso perfid verhält sich ihr großspuriger Professorenvater, der gleich auch seinen Enkelsohn abstraft, indem er den Kontakt zu diesem abbricht.

Die Protagonistin wird in diesem Roman immer wieder in einer Weise auf sich selbst zurückgeworfen, die sie die neue Unabhängigkeit nicht als Befreiung, sondern als Verwirrung und Leere empfinden lässt und die sie in Depressionen stürzt. Sogar die Beziehung zum Sohn erkaltet: "Der Junge. In manchen Momenten vergesse ich seinen Namen." Besonders die erste Hälfte von "Späte Familie" ist in ihrer fast hoffnungslosen Trostlosigkeit eine ziemlich harte Lektüre.

Als sich Ella auf Geheiß einer ihrer wenigen verbliebenen Freundinnen zu einem Psychiater begibt, nimmt ihr Schicksal jedoch eine Wendung. Sie verliebt sich in den Doktor, der parallel zu ihr ebenfalls gerade eine Trennung durchmacht. Schnell ziehen die beiden zusammen. So kommt Ella zu einer "späten Familie" mit zwei neuen Kindern. "Du musst deine Erwartungen mit der Wirklichkeit abstimmen oder gehen", hat ihr eine Bekannte geraten, als erste Probleme ihr neues Glück belasten. Ob das gut geht?

Zeruya Shalev hat einen Scheidungsroman geschrieben, der zunächst durch die unmittelbare Eindringlichkeit besticht, mit der die Trennung aus der Innenperspektive dem Leser so nachdrücklich erzählt wird, als sei er selbst in sie verwickelt. Angesichts der fesselnden Lektüre, sieht man dann auch über sprachliche Schwächen - etwa die gezwungen poetischen Vergleiche zwischen dem Trümmerfeld der Liebe und der Archäologie - hinweg.

Virtuos geht Shalev sämtliche Gefühlszustände durch, die im Zusammenhang mit einer Trennung auftreten können, spart sich moralisierende Kommentare und ein mutet dem Leser dann nach fast 600 Seiten auch noch ein Ende zu, das happy zu nennen ein grobes Missverständnis wäre.

Sebastian Fasthuber in FALTER 46/2005



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