Bartimäus. Das Amulett von Samarkand

Jonathan Stroud, Katharina Orgaß, Gerald Jung


Tiefe Freundschaft, gemeinsame Mission - davon kann bei dem zwölfjährigen Nathanael und dem Dschinn Bartimäus keine Rede sein. Nathanael ist ein junger Zauberer, aber Zauberer können keine Magie. Dafür wissen sie, wie man einen Dschinn beschwört. Solcherart versklavt, muss der Dschinn jeden Wunsch seines Meisters erfüllen. Der eitle Bartimäus, mehrere Tausend Jahre alt und in dieser Zeit Diener vieler Meister, kann den respektlosen Nathanael nicht leiden: "Bei einer Beschwörung kommt schließlich nicht irgendwer."

"Ich wollte keine guten Zauberer, ich wollte das Schema Gut gegen Böse überhaupt vermeiden", erklärt Autor Jonathan Stroud.

Die Ausgangslage von "Bartimäus" ist ein Fest für Verschwörungstheoretiker: Die Zauberer - vom Präsidenten bis zum Minister - haben ein repressives System entwickelt, mit dem sie die "Gewöhnlichen", die Menschen, unterdrücken. Wer aufmuckt, verschwindet, Sippenhaftung inbegriffen. Als Helfershelfer beschwören die Zauberer Heerscharen von Dschinns und anderen Geistern.

Während "Eragon" eine Heldensage ist, konfrontiert Stroud, Jahrgang 1970, seine Leser (ab zwölf) mit Politik und Unterdrückung, gegen die Heldentaten nichts ausrichten können. Erst in der Fortsetzung "Das Auge des Golem" formiert sich eine menschliche Widerstandsbewegung. Die Fäden zieht das Mädchen Kitty. Endlich eine Heldin? Stroud: "Kitty kämpft für eine gute Sache, aber die Anschläge, die ihre Gruppe verübt, töten viele Unschuldige. Kitty ist eine Terroristin."

Mit diesem nicht ganz einfachen Plot erreicht Jonathan Stroud im deutschen Sprachraum beinahe "Eragon"-Dimensionen: 120.000 für "Bartimäus. Das Amulett von Samarkand", 90.000 für Band zwei, "Das Auge des Golem". Denn Strouds Romane verfügen über eine Qualität, die über das Fantasygenre hinausreicht: "Bartimäus" ist rasant, ironisch und witzig. In zahlreichen Fußnoten gibt der angeberische Dschinn seine schnoddrige Weltsicht zum Besten. Und wenn er nicht gerade aufschneidet, dann bringt er die Wirklichkeit öfter auf den Punkt, als es in der Fantasy eigentlich erlaubt ist.Harry Potters Nachfahren

Christopher Paolini und Jonathan Stroud bedienen mit fetten Fantasytrilogien den Markt, den "Harry Potter" erschlossen hat - und verkaufen ihre Romane in Millionenauflagen.

Begonnen hat es für beide mit dem "Herrn der Ringe". Der eine hat seinen Tolkien genau gelesen und war begeistert. Während er noch mehr Fantasybücher verschlingt, schreibt er selbst eines: der Amerikaner Christopher Paolini. Der andere war genauso hingerissen, aber je mehr Fantasy er las, desto langweiliger wurde ihm dabei. Viele Jahre später schreibt er den vielleicht ersten Fantasyroman, in dem der Schmäh rennt: der Engländer Jonathan Stroud.

Und weil ein gewisser Harry Potter dafür gesorgt hat, dass Wälzer von 500 Seiten und mehr heute ein Teen-Gadget sind wie iPod und PSP (Play Station Portable), haben sowohl Paolini als auch Stroud fette Dreiteiler geschrieben und auch einen Verlag gefunden, der sie druckt - sogar denselben. Der verkauft ihre Bücher in Auflagen, die zwar keine Rekorde brechen - angesichts von 200 Millionen verkauften Potter-Büchern gibt es in der Jugendliteratur kaum noch etwas zu überbieten -, aber allemal ausreichen, dass Paolinis "Eragon" und Strouds "Bartimäus" in allen Buchhandlungen als Stapelware präsent sind.

Christopher Paolini, aufgewachsen in Montana, ging nie zur Schule. Seine Eltern unterrichteten ihn zu Hause nach Montessori-Prinzipien. Mit 15 Jahren schreibt er "Eragon", eine epische Geschichte, in der einem auserwählten Jungen im Land Alagaesia ein Drache zur Seite gestellt wird. Gemeinsam sollen sie den grausamen König stürzen und Menschen, Zwerge und Elfen befreien. Fortsetzung folgt. Paolinis Eltern lassen das Buch in Eigenregie drucken. Von da an ist die Familie mit einem Van in Amerika unterwegs. Christopher liest, mit Perücke und mittelalterlich kostümiert, in Schulen und Buchhandlungen aus "Eragon" oder verkauft den Schmöker direkt aus dem Bus heraus - eine lupenreine Independent-Karriere. Nach einem Jahr ruft der weltweit tätige Verlag Random House an und öffnet die Türen zur ganz großen Mainstream-Karriere.

Frankfurter Buchmesse, Oktober 2005. Christopher Paolini, jetzt 21, hält eine lockere Rede vor Random-House-Vertriebsleuten aus über zwanzig Staaten. "Eragon" ist das erfolgreichste Jugendbuch in der Geschichte des Verlags. Auflage bisher: mehrere Millionen, 180.000 auf Deutsch. Der weitere Weg ist vorgezeichnet. In einem Jahr startet der Film, ein Blockbuster-Projekt mit John Malkovich und Jeremy Irons, PC-Games und Spielfiguren inbegriffen.

Weniger Erfolg hat Paolini bei den Kritikern. "Ein Schema-F-Buch mit leicht erkennbaren Inspirationsquellen", urteilt die deutsche Bibliotheka Phantastika, "mit dem ,Herrn der Ringe' an erster Stelle". Aber da ist noch mehr: "Eragon", Altersempfehlung ab zehn, kommt bei jüngeren Kindern gut an. Verantwortlich dafür ist wohl die heimliche Hauptfigur, die Drachin Saphira, die Eragon (den nur ein Buchstabe von "Dragon" trennt) treu zur Seite steht. So treu, dass Saphira grantig wird, wenn Eragon einem Mädchen nachschaut.

Tiefe Freundschaft, gemeinsame Mission - davon kann bei dem zwölfjährigen Nathanael und dem Dschinn Bartimäus keine Rede sein. Nathanael ist ein junger Zauberer, aber Zauberer können keine Magie. Dafür wissen sie, wie man einen Dschinn beschwört. Solcherart versklavt, muss der Dschinn jeden Wunsch seines Meisters erfüllen. Der eitle Bartimäus, mehrere Tausend Jahre alt und in dieser Zeit Diener vieler Meister, kann den respektlosen Nathanael nicht leiden: "Bei einer Beschwörung kommt schließlich nicht irgendwer."

"Ich wollte keine guten Zauberer, ich wollte das Schema Gut gegen Böse überhaupt vermeiden", erklärt Autor Jonathan Stroud.

Die Ausgangslage von "Bartimäus" ist ein Fest für Verschwörungstheoretiker: Die Zauberer - vom Präsidenten bis zum Minister - haben ein repressives System entwickelt, mit dem sie die "Gewöhnlichen", die Menschen, unterdrücken. Wer aufmuckt, verschwindet, Sippenhaftung inbegriffen. Als Helfershelfer beschwören die Zauberer Heerscharen von Dschinns und anderen Geistern.

Thomas Aistleitner in FALTER 46/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×