Meine Dibbuks. Verbesserte Träume

Luc Bondy


Spiegel ohne Bild

Der Theaterregisseur Luc Bondy hat sein zweites Buch geschrieben: Prosaskizzen aus dem Leben eines sensiblen Egomanen.

Es grenzt an ein Wunder, dass das Antlitz von Luc Bondy nicht von Schnittwunden entstellt ist. "Ich blicke ungern in den Spiegel, ich rasiere mich mit abgewandtem Gesicht", schreibt der Regisseur in seinem neuen Buch. "Ich ahne, dass dieses Gesicht jedem, der es betrachtet, meine inneren Regungen preisgibt: Schadenfreude, Eifersucht, Geilheit, Enttäuschungen, Neid und Eitelkeit ..."

Wie sein literarischer Erstling ("Wo war ich?", 1998) ist auch Bondys zweites Buch eine lockere Sammlung von Prosatexten, die sich alle mehr oder weniger autobiografisch lesen lassen, wobei die Texte umso besser sind, je stärker der Autor sein Leben literarisiert. Das lange Kapitel etwa, in dem Bondy sich ungebrochen an seine Internatszeit in den Pyrenäen erinnert, ist der schwächste Teil des Buches; ein weniger prominenter Autor hätte diese ziemlich belanglosen Reminiszenzen wohl nur im Eigenverlag veröffentlichen können.

Am anderen Ende der Fahnenstange steht die wunderbar lakonische Erzählung "Ihre Sicht", mit der das Buch endet: Ein Mann besucht nach Jahren eine Exgeliebte, die ihn zwar in die Wohnung, sich selbst aber nicht blicken lässt; die ziemlich krampfige Konversation findet bei geschlossener Schlafzimmertür statt. Wie Bondy das ganze Spektrum zwischen Peinlichkeit, Bitterkeit und letztlich doch auch Zärtlichkeit dieser Begegnung einfängt, ist meisterhaft.

Der Titel "Meine Dibbuks" bezieht sich auf eine altjüdische Sage, in der die Seelen von Toten als sogenannte Dibbuks in Lebende einfahren und von diesen Besitz ergreifen; eine schöne polnische Dramatisierung des Stoffes war heuer bei den Wiener Festwochen zu Gast. Die Dibbuks, die Bondy meint, sind meist noch lebende Autoren, Künstler oder Freunde, die er imitiert und sozusagen in sich aufgenommen hat. Als er etwa während des Studiums in Paris einen faszinierenden argentinischen Regisseur kennen lernte, gewöhnte sich Bondy bei seinen ersten eigenen Inszenierungen an, seine Anweisungen mit spanischem Akzent zu geben - und das, obwohl er kaum Spanisch sprach.

Das Buch ist eine Hommage an wichtige Frauen, Freunde und Taxifahrer aus Bondys Leben, auch an Verstorbene wie seinen Vater François Bondy, den Bühnenbildner Gilles Aillaud oder den Autor Thomas Brasch. "Man sieht die Toten gegenwärtiger als Lebende", schreibt Bondy. "Man sieht ihren Hinterkopf, man sieht sie im Gespräch mit den anderen."

Von sich selbst zeichnet der sensible Monomane Bondy das selbstironische Bild eines charakterschwachen Schussels und eines Regisseurs, der nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit ist. In dem französischen Choreografen etwa, der in Spanien Intendant eines Tanzhauses geworden ist und für Gastspiele gefeiert wird, mit denen er selbst nicht viel anfangen kann, steckt auch ein Selbstporträt des Festwochenintendanten Bondy; die brasilianische HipHop-Produktion, von der in dem Text die Rede ist, war heuer bei den Festwochen zu sehen.

"Ein alter Regisseur werde ich wahrscheinlich nicht werden", heißt es an anderer Stelle. Stattdessen malt sich der 57-jährige Bondy einen Lebensabend am Schreibtisch aus. "Kinder blicken durchs Fenster hinein. Sie lachen und winken dem über seinen Mac gebeugten alten Mann mit den vielen Flecken auf seinem Anzug."

Wolfgang Kralicek in FALTER 46/2005



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