Harry Potter und der Halbblutprinz (Harry...

J.K. Rowling


Warum Sie Harry Potter lesen sollten, obwohl es schon alle anderen tun. Plädoyer für das Werk der großen Schriftstellerin Joanne K. Rowling, die nicht umsonst von Nabokov und Jane Austen schwärmt.

Seien wir ehrlich: Wäre ich nicht auf Harry Potter gestoßen, bevor der große Rummel losging, ich hätte wohl keine Lust verspürt, eines dieser Bücher zu lesen. Wer sich gern mit Musik, Literatur und Filmen befasst, die dem Mainstream fremd sind, kennt den snobistischen Reflex: "Was so viele gut finden, kann doch einfach nichts für mich sein."

Seien wir noch ehrlicher: Ich bin nicht selbst auf Harry Potter gestoßen, sondern gestoßen worden: von der hinreißenden holländischen Sängerin und Komponistin Fay Lovsky (die nun wirklich nicht zum Mainstream gehört). Nach einem Konzert im Oktober 1998 schwärmte sie mir von Büchern eines Autors (!) namens Rowling vor, die so komisch wie einfallsreich seien.

Als ich den ersten Abschnitt von "Harry Potter and the Philosopher's Stone" las, ging es mir ganz ähnlich wie bei der Erstlektüre von Julian Barnes' Meisterwerk "Flaubert's Parrot": Da wurde ein Ton angeschlagen, der mich gleich in seinen Bann zog. "Mr and Mrs Dursley, of number four, Privet Drive, were proud to say that they were perfectly normal, thank you very much." So lautet der erste Satz der Potter-Saga im Original. In der deutschen Übersetzung von Klaus Fritz: "Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar."

Tja, und da fehlt eben schon, dass die Dursleys gern von sich als völlig normalen Menschen reden, mit dem nachgeschobenen, gesprochenen "Thank you very much", das sich deutsch gut als "bitte schön" oder "bitte sehr" oder "vielen Dank auch" wiedergeben ließe. Die Fritz'sche Übersetzung ist fast nie falsch, aber sie ist auch fast nie inspiriert. Hinzu kommt, dass manche der Rowling'schen Scherze schlicht nicht übersetzbar sind. Wie hervorragend diese Frau tatsächlich schreibt, kommt nur im Original zur Geltung.

Nachdem ich auch noch den zweiten Band verschlungen hatte, war mir klar, dass ich mit J.K. Rowling sprechen wollte. Nach längeren Verhandlungen mit ihrem Agenten - "das Interview darf aber höchstens drei Stunden dauern" - saß ich am 23. April 1999 Joanne K. Rowling in jenem Café in Edinburgh gegenüber, wo sie den ersten Harry Potter geschrieben hatte. Über die Frau mit der roten Mähne, dem schmalen Gesicht, den hellwachen Augen und den großen Ohrringen war schon geschrieben worden, sie sehe aus wie ein Spice Girl oder - das Klischee musste einfach kommen - wie eine nette Hexe. Auf jeden Fall wirkte sie nicht wie eine frischgebackene Millionärin, und noch ahnte sie nicht, dass nach dem Erscheinen von Band 3, "Harry Potter and the Prisoner of Azkaban", der Potter-Wahnsinn weltweit grassieren würde. Stattdessen wunderte sie sich vielmehr darüber, dass sie bezahlt wurde für das, was sie am liebsten tut: "Ich genieße es ungeheuer, die Harry-Bücher zu schreiben, wahrscheinlich mehr, als irgendjemand die Lektüre genießt. Ich wette, wenn man in meinem Kopf einen Genussmesser installierte, könnte man sehen, wie viel Spaß es mir macht. Beim Schreiben bin ich 99 Prozent der Zeit sehr glücklich."

Warum die Potter-Bücher ein solch gigantischer Erfolg geworden sind, weiß niemand zu sagen, aber ein Faktor ist bestimmt, dass Rowlings Genuss sich ihren Leserinnen und Lesern mitteilt. Dazu eine kleine Geschichte: Der Germanist Michael Maar, Spezialist für Thomas Mann, Nabokov und Proust, weigerte sich aus den oben erwähnten Gründen, Potter-Bücher zu lesen. Als seine Tochter den ersten Band in seinem Arbeitszimmer liegen ließ, nahm ihn Maar mit spitzen Fingern, um ihn ins Kinderzimmer zu tragen. Unterwegs fiel ihm ein, dass er als Sohn des Kinderbuchautors Paul Maar und gelegentlicher Rezensent von Kinderklassikern vielleicht doch einmal einen Blick hineinwerfen sollte. Er beschloss, bis zum ersten langweiligen Satz zu lesen. Das war am 18. Februar 2001, einem Sonntagnachmittag.

"Mittwoch nachts um 3 war ich mit dem 4. Band fertig", schrieb er danach. "Ich gestehe, seit meiner Jugendzeit nicht mehr so gelesen zu haben (Proust wie immer ausgenommen). Die Autorin ist unbezweifelbar groß, in ihrem Genre, und vor ihrem Können und ihrem Einfallsreichtum knie ich nieder. Keiner der vier Bände fällt ab, sie hält die Spannung, und ihre Plots sind so ausgepicht, dass sie mich noch jedes Mal reingelegt hat. Im letzten Band zeigt sie, dass sie auch Massenszenen kann, und sie schafft es immer, Tiefe und Breite zu versöhnen, wie das im Schach heißt, kurzum: Ich bin hingerissen."

Getreu dem Wahlspruch des Germanisten Emil Staiger, "Begreifen, was uns ergreift", setzte sich Maar gründlicher mit dem Rowling'schen Werk auseinander und veröffentlichte im folgenden Jahr das Buch "Warum Nabokov Harry Potter gemocht hätte". Es ist das Klügste, was bisher zu Harry Potter geschrieben wurde, aber Maar, ein glänzender Stilist, beweist auch Sinn für Komik, und Komik gehört für Rowling zu den höchsten Tugenden.

Man hat Maar des Titels wegen bisweilen Verschmocktheit vorgeworfen, dabei liegt er inhaltlich völlig richtig: Bei unserem Gespräch im April 1999 zählte Rowling ihre Lieblingsautoren auf: "Wen ich wirklich liebe, ist Nabokov. Lolita' ist wahrscheinlich mein liebster Roman des 20. Jahrhunderts: Er hat alles, er ist komisch, tragisch - es gibt zwei Bücher, deren letzte Seite mich zum Weinen bringt, ohne dass ich die vorhergehenden Seiten zu lesen brauche. Eines davon ist ,Lolita', es klappt immer."

Das zweite Buch, dessen Schluss sie immer zum Weinen bringe, ist übrigens Dickens' "A Tale of Two Cities". Für die unerreichte Meisterin des Romans jedoch hält sie Jane Austen: ",Emma' ist der kunstvollste Roman, den ich je gelesen habe, absolut erstaunlich, so raffiniert. Virginia Woolf hat etwas über Jane Austen gesagt, das mich begeistert: ,Von allen großen Schriftstellerinnen und Schriftstellern ist sie am schwierigsten beim Großsein zu erwischen.' Das bringt es auf den Punkt."

Am meisten freilich bewundert Rowling bei Austen deren Geschick als Konstrukteurin: "Ihre Romane entwickeln sich völlig nahtlos, erst wenn Sie zurückblättern, um nachzusehen, sehen Sie, wie raffiniert das konstruiert ist. Beim Lesen merken Sie nicht, wie Ihr Blick mal hier-, mal dorthin gelenkt wird."

Das gilt auch für Rowling selbst. Ihre Bücher vertragen eine mehrmalige Lektüre nicht nur, sondern gewinnen durch diese noch: Mit Lust legt sie falsche Fährten, lässt uns vermuten, dass X der große Bösewicht sei, und schon sind wir in die Falle getappt. Rowlings "Kinderbücher" sind sorgfältiger gebaut und besser geschrieben als 97 Prozent der Erwachsenenliteratur.

An den Büchern der Kinderbuchautorin Enid Blyton habe sie immer gestört, dass diese angeblich 16-Jährigen sich benähmen, als gäbe es keine Pubertät: "Blyton scheint ein Problem mit Sex gehabt zu haben. Ich hingegen möchte, dass Harry, Hermione und Ron ihre Hormone entdecken, Freundinnen und Freunde haben und die entsprechenden Gefühle kennen lernen. Mal sehen, ob es klappt."

Im Band 5 der Potter-Saga ("Harry Potter und der Orden des Phönix") ließ Rowling ihren Helden im Lauf von 1024 Seiten sich in pubertärem Weltschmerz suhlen und immer tiefer ins Elend reiten, bis er am Schluss des Romans sogar seinen Mentor Dumbledore anschrie und dessen empfindliche Apparaturen zertrümmerte. Komische Episoden und Momente des Glücks gönnte die Autorin Harry und ihrer Leserschaft nicht. Dass einige Leserinnen und Leser da ausgestiegen sind, ist verständlich. Doch diejenigen, die bei der Stange geblieben sind, werden im sechsten Band nun reich belohnt: Rowling hat zur Komik zurückgefunden, und Harry ergreift Initiative.

Um Dumbledore hingegen steht es schlecht: Der Arm, mit dem er den Zauberstab führt, ist schwarz geworden, als wäre er verdorrt. Deshalb weiht der Rektor von Hogwarts Harry nicht nur in seine Pläne ein, sondern nimmt ihn mit auf die Suche nach den Horcruxen. Das sind Gegenstände, in denen Voldemort Teile seiner Seele konserviert hat: Solange nicht alle Horcruxe zerstört sind, ist Voldemort unsterblich.

Dass Harry von Dumbledore so privilegiert wird, bringt ihn seinen besten Freunden gegenüber in die Zwickmühle. Und mit der Theorie, sein Intimfeind Draco Malfoy sei ein Anhänger Voldemorts geworden und versuche todbringende Objekte nach Hogwarts zu schmuggeln, geht er ihnen schlicht auf den Geist. Und dabei meint er es doch so gut.

Im Grunde geht es in "Harry Potter und der Halbblutprinz" um das gleiche Thema wie in Nick Hornbys Roman mit dem programmatischen Titel "How to Be Good". Doch während Hornby einmal mehr nach einem vielversprechenden Anfang die Luft ausgeht, gelingt es Rowling, die Spannung zu halten.

In der Beschreibung der erotischen Verwicklungen von Harry und seinen Freunden lässt sie ihre Fantasy-Vorbilder C.S. Lewis (demnächst kommt die Verfilmung seines ersten "Narnia"-Buchs ins Kino) und J.R.R. Tolkien weit hinter sich: Keinem der beiden Herren gelang je eine Frauenfigur aus Fleisch und Blut. Die komischsten und psychologisch stimmigsten Passagen des jüngsten Potter-Bandes aber sind jene, wo die Hormone ins Spiel kommen: Hermione reagiert verdächtig heftig darauf, dass Ron mit Lavender Brown rumknutscht; Harry stellt mit Erstauen fest, dass er für Ginny Weasley keineswegs nur brüderliche Gefühle hat. Und weil Rowling eine Frau ist, versteht sie auch Hermiones Taktik, mit einem besonders blöden Jungen auf eine Party zu gehen - bloß weil sie weiß, dass Ron diesen Jungen nicht ausstehen kann.

Sind bei Lewis und Tolkien die Guten gut und die Bösen böse, geht es bei Rowling viel komplexer zu. Besonders interessant ist da die Figur von Harrys meistgehasstem Lehrer, Severus Snape. Steht er nun im Dienste Voldemorts, oder ist Dumbledores Vertrauen in ihn berechtigt? Rowling hat allerlei Mythen studiert, so auch die Bibel. Und ist es nicht so, dass Jesus ohne den Verrat durch Judas nicht gekreuzigt und so die Menschheit nicht erlöst worden wäre?

Nun heißt es warten auf den abschließenden, siebten Band (den Michael Maar als Korrespondent der Zaubererzeitung Daily Prophet bereits für die Literarische Welt besprochen hat). Wenn uns die Zeit zu lang wird, können wir ja noch mal bei Band eins anfangen.

Thomas Bodmer in FALTER 46/2005



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