Fachsprachen XIX - XXVII

Ulf Stolterfoht


"das große deutsche verschrobenheitsgedicht - hier naht es / mit der walzkraft einer dommel." Der Berliner Lyriker Ulf Stolterfoht ist eine harte Nuss. Zu anstrengend, zu abstrakt, urteilen viele Leser - nicht ganz zu Unrecht, denn die Lektüre belohnt vor allem diejenigen, die bereit sind, ein verstiegenes Kompositionsprinzip zu enträtseln, und das kann schon ein paar Tage Kopfzerbrechen in Anspruch nehmen. Die Fachgemeinde hingegen ist hin und weg von Stolterfohts präzisen Wortsysteme, die den Gesetzen und Funktionsweisen der Kommunikation sprachhistorisch, philosophisch und vor allem so komplex auf den Grund gehen, wie es dem Thema entspricht. "Fachsprachen" nennt der Außenseiter unter den wichtigen Gegenwartsdichtern sein bis zu den Folgen XIX - XXVII vorangetriebenes Großprojekt, das an der Oberfläche vorexerziert, wie ein Text entsteht, und zwischen den Zeilen die fragile Interaktion zwischen Autor und Adressat beschreibt - quer durch die Zivilisationsgeschichte. Stolterfoht dockt Wörterbücher randständiger Verständigungsformen wie des Rotwelsch oder der Idiome der Computerfreaks an das Hochdeutsch des Duden an. Das Ergebnis ist ein Vokabular- und Grammatikbestand, der zum einen die Verständigungsrealität der Gegenwart repräsentiert, zum anderen vorführt, wie schnell man in einer von Spezialisierung geprägten Hightech-Zeit auf dem Schlauch steht. "während früher ein gedicht nur einige wenige informationen enthielt / vermittelt heute das laden von großen dateien ein neues lyrik- / gefühl. icon-gewitter / morphischer bums. TEXT schiebt / beharrlich klone nach." Die Lektüre wird atemberaubend, sobald man sich an den eigenwilligen Stil gewöhnt hat.

Damit kein Überforderungsfrust entsteht, sei Einsteigern allerdings geraten, sich behutsam zu nähern. Empfohlen sei hierzu das schmale "Traktat vom Widergang", in dem sich Stolterfoht verblüfft zeigt, dass sich aus einem immer gleichen Fundus an Buchstaben und Regeln die verschiedensten Texte fügen lassen. Wieder wird gleichzeitig praktiziert, was auf theoretischer Basis erklärt werden soll: die Gefahr, dass Kommunikation ins Leere läuft, weil sich Phrasen wie Parasiten einschleichen und die Inhalte auffressen.

Martin Droschke in FALTER 45/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×