Ort. ORT means place, site, location and more

Matthias Boeckl, Zita Oberwalder, Friedrich Achleitner, Adam...


Dem Ort entgeht man nicht

Das Haus der Architektur Graz hat mit "ort." eine neue, bemerkenswert aktuelle Publikation herausgegeben.

Ganz klar: kein Haus ohne Grund, keine Architektur ohne Ort. Der Ort ist nicht nur eines der großen Themen der Baukunst, sondern auch der Traum jedes Häuslbauers. Das Einfamilienhaus auf eigenem Grund und Boden ist die populärste Wohnform hierzulande - aber auch Ursache dafür, dass unsere Städte schrumpfen, das Umland aber wächst: Graz-Umgebung beispielsweise um 28% auf rund 136.000 Einwohner in den letzten fünfundzwanzig Jahren, während Graz im gleichen Zeitraum bei etwa 240.000 Einwohnern stagniert. Dass Gestalt und Gestaltung unserer Vorstädte im Zuge dieser rasanten Entwicklung hintangestellt werden, verwundert wenig angesichts einer zaghaften Stadt- und Regionalplanung, die froh ist, wenn sie kaufkräftige Einwohner und Investoren holen kann.

In der Eigenschaftslosigkeit der Vorstädte scheint einem der Ort jedenfalls buchstäblich zu entgehen; lokale Charakteristika lösen sich auf. Grund für das Haus der Architektur zur Herausgabe der Publikation "ort.", die die gleichnamige Programmschiene der letzen zwei Jahre in Buchform zusammenfasst. Die Herausgeber meinen mit "Ort" mehr als die Umgebung eines Gebäudes. Da die Gestalt unserer Städte zunehmend von überregionalen Einflüssen bestimmt wird, stehen gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Voraussetzungen für architektonisches Handeln im Zentrum.

In der Auseinandersetzung mit internationalen Tendenzen zeigt sich, dass sich anderswo ähnliche Fragen stellen wie hierzulande. Es mag etwa wenig überraschen, dass auch in Australien das Einfamilienhaus das landläufig beliebteste Wohnmodell ist. Da aber bereits 80% aller Australier in städtischen Gebieten leben, muss der Mythos vom Wohnen in unberührter Landschaft revidiert werden. Und wenn rasch wachsende Stadtgebiete infrastrukturell nicht mehr versorgt werden können, hat auch in Australien die Ausdehnung der Städte eine Grenze erreicht. Auffüllung und Verdichtung bestehender Siedlungsstrukturen sind aber nicht nur dort aktuell diskutierte Strategien von Stadtentwicklung; auch in unseren Breiten sind Architekten und Stadtplaner aufgefordert, vorhandene urbane Potenziale weiterzuentwickeln.

Dass dies nicht nur optische Aspekte betrifft, liegt auf der Hand, zumal vor allem die sozialen Potenziale unserer Vorstädte gegenwärtig brachzuliegen scheinen. Die dort anzutreffende Anonymität der Einfamilienhausteppiche fordert zur Suche nach neuen Wegen zur Wiederherstellung öffentlicher Orte geradezu heraus..

Das Haus der Architektur übersiedelt im Herbst 2007 in seine neuen Räume im Palais Thienfeld. Ehemalige Stammgäste des gleichnamigen, jüngst geschlossenen Cafés werden um Verständnis gebeten.

Fabian Wallmüller in FALTER 45/2005



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