Techno-Visionen. Neue Sounds, neue Bildräume


Wer Visionen hat, braucht keinen Arzt

Es ist niemals auszuschließen, dass sich in der elektronischen Musik wieder Revolutionäres ereignet", meint Christian Höller. Höller ist Redakteur und Mitherausgeber des Kunstmagazins springerin, nebenbei auch Popexperte. Gemeinsam mit dem Medienturmbetreiber Sandro Droschl und dem Poptheoretiker Harald Wiltsche hat er den Sammelband Techno-Visionen. Neue Sounds, neue Bildräume herausgegeben. Ausgangsbasis des Werkes ist die Arbeit des Grazer Medienturms, der es sich seit 2000 zur Aufgabe gemacht hat, avancierte Zugänge zu medialen Techniken im Bereich der zeitgenössischen Kunst zu fördern. Der Schwerpunkt der Tätigkeit lag dort bisher am Schnittpunkt zwischen digitalen Sound- und Bildwelten, umgesetzt durch Sound Art, Laptop-Acts und Grafik/Video-Performances. Das Werk setzt sich einerseits auf sehr theoretische Weise mit den Interaktionsmöglichkeiten von Sound/Musik und der visuellen Ebene auseinander, andererseits gibt es auch historische Abhandlungen zur Technokultur/Elektronik und deren Auswirkung auf und Wirken in der Popkultur. So widmet sich Martin Büsser - Herausgeber der Buchreihe Testcard - Beiträge zur Popgeschichte - beispielsweise in seinem Beitrag einem zentralen Thema elektronischer Popkultur, nämlich dem Zitat. Pop vergewissere sich damit seiner eigenen Geschichtlichkeit. Mitte der Achtziger, so Büsser, hätte Pop eine ungeheuren Nachholbedarf in Sachen Aufarbeitung gegenüber der bildenden Kunst gehabt. Die Postmoderne und somit ein ständiges Neuarrangieren von Retroelementen ereilt die Spielarten elektronischer Musik. Auch wenn Abhandlungen wie diese nur in vager Beziehung zum tatsächlichen künstlerischen Geschehen im Medienturm stehen, bieten sie trotzdem eine lesenswerte Verortung elektronischer Kultur außerhalb der Räume der Kunst. Dass hier kein Anspruch auf Vollständigkeit besteht, betont auch Höller. Vielmehr soll über eine genauere Betrachtung diverser Einzelthemen der technoiden Lebenskultur ein ungefähres Bild dessen entstehen, was vom Zukunftsversprechen des Techno geblieben ist. Und obwohl die maßgeblichen Errungenschaften von Techno längst vom Mainstream absorbiert worden sind, glaubt Höller nicht an das Ende der Innovation: "Auch der Rockmusik ist etliche Male das Ende prognostiziert worden. Aus Soundeffekten, auf die man zufällig stößt, könnte sich möglicherweise wieder eine bestimmte Stilrichtung ergeben."

Herwig G. Höller in FALTER 45/2005



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