Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen

Jared Diamond, Sebastian Vogel


Planet Osterinsel

In "Kollaps" zeigt der Umwelthistoriker Jared Diamond, warum Gesellschaften untergegangen sind. Und was wir tun könnten, damit uns nicht dasselbe Schicksal ereilt.

Als 1722 europäische Seefahrer auf der Osterinsel landeten, trauten sie ihren Augen nicht. Die abgelegene Insel im Südpazifik war von gigantischen Statuen übersät. Den wenigen, sichtlich darbenden Inselbewohnern waren die steinernen Götzen offenbar so verhasst, dass sie ihre letzten Kräfte nutzten, um sie zu Fall zu bringen. Aus archäologischen Funden ließ sich später schließen, dass die völlig versteppte Osterinsel noch gut ein Jahrhundert vor ihrer sogenannten Entdeckung reichlich bewaldet war und ihre Flora und Fauna die Bevölkerung ausreichend ernährt hatte. Dann aber war der Wettlauf der Anführer, die sich durch immer gewaltigere Statuen Denkmäler setzten, eskaliert. Und er war nicht einmal mehr aufgehalten worden, als Hungersnot einsetzte. Durch das Fällen der Bäume war ein Beutetier nach dem anderen verschwunden und hatte den Insulanern so die Lebensgrundlage entzogen.

In seinem vorigen Buch "Arm und Reich" hatte Jared Diamond, der momentan durch Österreich und Deutschland tourt und vergangene Woche sein neues Buch "Kollaps" in Wien präsentierte, die fatale Entwicklung der Osterinsel eher gestreift als abgehandelt, doch aus den Reaktionen begriff er die Faszination, die Geschichten vom Untergang auslösen. Und mit provokativer Lust spitzt er die Lektion der Osterinsel für heutige Hörer in einem fiktiven Monolog zu: "Was hat wohl derjenige gesagt, der den letzten Baum fällte? Sind uns Bäume wichtiger als unsere Jobs als Baumfäller? Oder etwa: Was ist mit meinen Eigentumsrechten? Oder vielleicht: Ihr sagt uns zwar ein ökologisches Desaster voraus, aber eure ökologischen Modelle sind nicht geprüft, wir brauchen mehr Forschung, bevor wir handeln. Oder sagte er vielleicht: Macht euch keine Sorgen, Technologie wird all unsere Probleme lösen."

In "Arm und Reich" hatte Diamond aufgezeigt, was die Umwelt für den Wohlstand der einen und das Darben der anderen Völker bedeutete. Zu seinem Erschrecken haben viele Leser daraus den Schluss gezogen, dass ihr Schicksal vorgezeichnet war und Fleiß und Kenntnis wenig bewirkten. Das wollte er in "Kollaps" besser machen. Er seziert den Fall einer Reihe von Zivilisationen von den Maya bis zu den Wikingern in Grönland, analysiert, was Völker, die in vergleichbarer Umwelt überlebten, besser gemacht haben, und bemüht sich dabei auch, Handlungsspielräume aufzuzeigen. Niemand mehr soll ihn für einen Fatalisten halten. Im Vergleich mit "Arm und Reich" kommt "Kollaps" schematischer und missionarischer daher. Doch der Erfolg scheint ihm Recht zu geben. Die US-Ausgabe hat es auf Platz zwei der New York Times-Sachbuchbestsellerliste gebracht. Wirtschaftsführer wie Bill Gates suchen das Gespräch mit Diamond. Und in einer vor wenigen Tagen veröffentlichten Umfrage des britischen Magazins Prospect wurde er unter die zehn führenden Intellektuellen der Welt gewählt.

Seine wissenschaftliche Karriere begann Diamond vor vier Jahrzehnten als Physiologe, bald meldete er sich auch als Zoologe und Ökologe zu Wort. Später kamen Evolutionspsychologie und Umweltgeschichte dazu. Heute ist er Professor für Geografie und Umweltgesundheitswissenschaften an der University of California in Los Angeles. Was er über die Gallenblase und über die Vögel der melanesischen Inselwelt publizierte, hätte bereits für zwei wissenschaftliche Karrieren ausgereicht, als er sich auch noch als Sachbuchautor beweisen wollte. Bereits "Der dritte Schimpanse" und "Warum Sex Spaß macht" wurden Bestseller. Für "Arm und Reich" wurde er 1998 mit dem Pulitzerpreis für das beste Sachbuch ausgezeichnet. Angesichts seiner breiten Ausrichtung wurde Diamond schon verdächtigt, das Pseudonym einer ganzen Gruppe verschiedener Experten zu sein. Dabei sind die Interessen des echten Jared Diamond nicht einmal auf die Wissenschaft beschränkt. Er spielt Klavier und lernt zum Vergnügen Sprachen, derzeit als zwölfte Italienisch.

Der Polyhistor lässt es in "Kollaps" aber nicht bei historischen Fallstudien bewenden, sondern thematisiert auch, wie Völker gegenwärtig mit ihren natürlichen Ressourcen umgehen. Vielfach seien es die gleichen Länder, in denen sowohl ökologische als auch politische Probleme überhand nehmen: Er nennt Indonesien, Pakistan, die Philippinen und geht auf Ruanda und Haiti näher ein. Nie seien Umweltfaktoren allein für Desaster verantwortlich. Stets komme ein Versagen der Eliten durch explizite Entscheidungen oder durch Kultur und Werte dazu. Mitunter spielen auch feindliche Beziehungen mit den Nachbarn eine Rolle.

China betrachtet Diamond wegen der enormen Dimensionen des Wirtschafts- und Konsumwachstums mit besonderer Sorge, aber auch dem Optimismus eines Pragmatikers. Wie die Durchsetzung von unverbleitem Benzin binnen nur einem Jahr gezeigt habe, lasse sich im bevölkerungsreichsten Land der Erde vieles zugunsten der Umwelt schneller umsetzen als in den westlichen Demokratien. "Viel von unserer heutigen Lebensweise in den USA wird man in achtzig Jahren für geisteskrank halten", sagt der 68-jährige Kalifornier.

Die Rechnung wird aber schon heute anderenorts gezahlt. In unserer globalisierten Welt kriegen die Auswirkungen mitunter jene zu spüren, die von der Umweltzerstörung weit entfernt scheinen. So stammt die giftigste Muttermilch von Inuitfrauen. Im Meerestier, das sie essen, reichern sich Schadstoffe besonders gut an. Dagegen sind die Reichen und Mächtigen in ihren abgeschotteten Wohnvierteln mit optimaler Wasserversorgung und höherer Luftqualität als in der Umgebung vor den Folgen, die sie durch ihre Lebensweise und ihre politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen hervorrufen, weitgehend verschont. Dass Diamond mit seiner Familie selbst eine hochumzäunte Villa in der Nobelwohngegend Bel Air in Los Angeles bewohnt, begründet er damit, dass er von dort in nur zwanzig Minuten Fußweg zu seinem Arbeitsplatz an der kalifornischen Universität UCLA kommen kann.

Dass seine Buchpräsentation in Wien vergangene Woche von der US-Botschaft mitfinanziert wurde, liegt allerdings nicht an seiner Willfährigkeit gegenüber der amerikanischen Regierung, im Gegenteil: Diamond bezieht deutlich Position gegen George W. Bush, der für Umweltfragen verantwortliche Posten vornehmlich mit Industrielobbyisten besetzt, beim Klimaschatz mauert und den Entwicklungsländern bewährte Geburtenkontrollprogramme zusammengestrichen hat. Ein US-Präsident, der das Seelenheil über das Überleben der Menschheit stellt, hat mit den Häuptlingen der Osterinsel mehr gemein, als uns lieb sein kann.

Stefan Löffler in FALTER 45/2005



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