Mulatten in gelben Sesseln. Die Tagebücher 1945 - 1952

Harald Schmidt


Als Proust den "Ulysses" schrieb

Laut Klappentext geht es in Harald Schmidts neuem Buch "Mulatten in gelben Sesseln" vor allem "um das Hollywood der Siebzigerjahre, in dem Schmidt eine zentrale Rolle spielte"; außerdem um dessen "Vaterschaftsprozesse in Kirgisien" sowie den "völligen Zusammenbruch, als Schmidt trotz 180 kg Körpergewicht am Ironman-Triathlon auf Hawaii teilnahm". Tatsächlich sind die knapp vierzig Seiten (der Rest des Buches enthält Schmidts Focus-Kolumnen) für Menschen mit unterdurchschnittlicher literarischer Bildung eine durchaus amüsante, wenngleich reichlich verwirrende Lektüre. Zu heftig prasseln Andeutungen und Zitate auf den Leser ein, als dass er so ohne weiteres mit deren Entzifferung nachkommen würde. Manchmal besteht die Andeutung auch einfach nur in dem Schreibstil, den Schmidt volley von der jeweiligen Vorlage übernommen hat. Insofern wird seine Absicht, durch das Buch zum Lesen der Originale zu animieren, möglicherweise nicht ganz flächendeckend greifen. Denn dazu müsste man das Original erst einmal erkennen.

Für Vielleser und Cineasten ist es allerdings eine Art "Erkennen Sie die Melodie?", kombiniert mit massig Insiderschmäh. Selbstverständlich wurde "La Boum" nicht von Jean-Luc Godard gedreht, hat Marcel Proust nicht den "Ulysses" geschrieben und Rudyard Kipling nicht "Moby Dick". Auch klingt Schmidts Schilderung "seiner" Änderungen am Skript von "Love Story" sehr viel mehr nach "Chinatown" von Roman Polanski.

Doch vielleicht sollte man sich einfach nicht schwindlig schreiben lassen, sondern das Buch großzügig im gesamten Freundeskreis verteilen und nach einiger Zeit zusammentragen, wer was entschlüsseln konnte. Ach ja, Bilder von Schmidts ausgiebigen Reisen in der "Kreativpause" zwischen seinen Engagements bei Pro7 und der ARD gibt es auch, damals noch im wuchernden Gerhard-Roth-Gedächtnis-Styling.

Geschrieben hat Harald Schmidt die Texte diesen Sommer während seines Urlaubs auf der deutschen Nordseeinsel Föhr. Er sei "frei von Ehrgeiz", meint er in Bezug auf den kommerziellen Erfolg. "Für mich ist wichtig: Liegt es gleich vorn am Eingang? Und wie nahe liegt es bei der ,Weißen Massai'?"

Sigrid Neudecker in FALTER 44/2005



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