Die Englischen Komödianten in Deutschland. Eine Einführung in die Ursprünge des deutschen...

Ralf Haekel


Die Klage, es gäbe zu wenige Marilyn-Monroe-Fotobände auf dieser Welt, erklingt nur höchst selten. Der hier vorgestellte Marilyn-Band aber ist etwas anders geartet als viele seiner Art. Das Buch zeigt nicht nur zahlreiche Bilder der fotogenen Schauspielerin, er erzählt auch die Geschichte einer Arbeitsbeziehung: Die "Magnum"-Fotografin Eve Arnold hat Marilyn Monroe zwischen 1952 und 1961 sechsmal vor der Kamera gehabt; die kürzeste Session dauerte zwei Stunden, die längste zwei Monate, als die Fotografin den Star während der Dreharbeiten zu "Misfits" fast täglich ablichtete. "Sie machte Liebe mit sich selbst", schreibt Eve Arnold. "Und wir Fotografen waren dabei, um es festzuhalten.""Schönheit haut uns um!"

Der Georg-Büchner-Preis geht heuer an die deutsche
Schriftstellerin Brigitte Kronauer. Ein Gespräch über die Asozialität
von Schriftstellern und fragwürdige Ansprüche an die Literatur, über
die Schwierigkeit der Menschenliebe, die Süße der Operette und das
Tier in Marlon Brando.

Als bekannt wurde, dass der Georg-Büchner-Preis 2005 an Brigitte
Kronauer geht, ging ein vernehmliches Aufatmen durch die
literaturinteressierte Öffentlichkeit und das deutsche Feuilleton:
Endlich! Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, die den mit
40.000 Euro dotierten Preis alljährlich vergibt, hatte sich eine
Peinlichkeit erspart. Denn als solche hätte man es wohl langsam
empfunden, wäre Kronauer, Jahrgang 1940, auch heuer wieder leer
ausgegangen. Am 5. November wird ihr die Auszeichnung in Darmstadt
verliehen.

Kronauer gilt als Spätstarterin. Bis 1971 war sie Lehrerin,
danach veröffentlichte sie kurze Prosastücke in Kleinverlagen, ehe
ihr 1980 der Durchbruch gelang: mit dem Roman "Frau Mühlenbeck im
Gehäus", der mit "Rita Münster" (1983) und "Die Frau in den Kissen"
(1990) zur Romantrilogie erweitert wurde. Als weitere Romane folgten
"Das Taschentuch" (1994) sowie "Teufelsbrück" (2000), "Verlangen nach
Musik und Gebirge" (2004), die mit dem Grimmelshausen-Preis
respektive dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet wurden. Daneben
manifestierte sich Kronauers viel gepriesene Beobachtungs- und
Beschreibungskunst, die sich vielfach den ganz unspektakulären Dingen
des Alltags zuwendet, auch in zahlreichen Erzählungen und
Prosasammlungen (u.a. "Die gemusterte Nacht", 1981; "Schnurrer",
1992; "Hin- und herbrausende Züge", 1993; "Die Tricks der Diva",
2004) sowie in Essaysammlungen (u.a. "Natur und schöns Blümelein",
1993; "Die Einöde und ihr Prophet. Über Menschen und Bilder", 1996;
"Zweideutigkeit", 2002).

Brigitte Kronauer wohnt in Hamburg, wo auch das folgende, im
August des Jahres geführte Gespräch stattfand.

Falter: Dass der Büchner-Preis heuer an Sie geht, ist so etwas wie
ein überraschender Favoritensieg. Sie waren ja schon lange im
Gespräch.

Brigitte Kronauer: Ich wusste natürlich, dass ich seit einigen
Jahren von Leuten, die es zu wissen schienen, ins Spiel gebracht
wurde. Ich habe allerdings mein Leben nicht nach Preisen
eingerichtet, und es wäre falsch zu behaupten, ich hätte dem
Büchner-Preis entgegengehofft. Nein, das nun wirklich nicht! Es wird
allerdings vom Verlag aus und von anderen Leuten an einen
herangetragen jetzt krieg doch endlich den Büchner-Preis!

Ja, sozusagen. Man wird fixiert, ob man ein enttäuschtes Gesicht
macht. Ich muss aber ganz aufrichtig sagen, dass ich mich erstens
nicht beklagen kann, was Preise anbelangt, und dass die eigene Arbeit
dann doch wichtiger ist als ein Preis.

Und was bringt der Büchner-Preis - außer 40.000 Euro?

Für die Leser ein bisschen Orientierung in dem großen Angebot, und
für mich die Chance, eventuell etwas von der bedrückenden Aura "Die
ist ja so schwierig" loszuwerden.

Wem hätten Sie denn den Büchner-Preis verliehen?

Ich hätte nach wie vor nichts dagegen, wenn den Ror Wolf und
Eckhard Henscheid bekämen.

Wer hat die besseren Chancen?

Bei Henscheid weiß man ja wirklich nicht, ob er ihn annehmen
würde, und bei Ror Wolf wundert es mich, dass er ihn noch nicht hat.
Seine Sachen sind immer noch um vieles funkelnder als das, was halb
so alte Schriftsteller schreiben, die zwar zeitgenössische Themen
haben, aber sprachlich nicht annähernd so innovativ sind.

Was natürlich auch immer schwieriger wird - wenn man davon
ausgeht, dass es nur eine endliche Anzahl von Möglichkeiten zur
Innovation gibt.

Das stimmt einerseits; andererseits kommt es ja auf die Verbindung
von Inhalt und Sprache an. Jeder wirkliche Literat muss eine Distanz
zur Konvention haben, und dafür muss er seine Mittel finden. Die
dürfen aber nicht so beschaffen sein, dass das Ergebnis sich wie die
Übersetzung eines amerikanischen Romans liest.

Sie mussten sich dafür Vorwürfe wegen "mangelnder Welthaltigkeit"
oder eines vorgeblich "trivialen Sujets" machen lassen.

Das ist natürlich Kappes! Ich bin nach wie vor der Auffassung,
dass Schriftsteller eigentlich keine vollgültigen Mitglieder der
Gesellschaft sind und ihre Kraft aus einer gewissen Asozialität
beziehen. Ein Autor hat keinen Anspruch auf Preise, aber die
Gesellschaft hat auch keinen Anspruch darauf, dass die Literatur
"welthaltige" oder "gesellschaftsrelevante" Themen aufgreift.

Es gibt aber die populäre Vorstellung, dass Literatur irgendetwas
zu retten hätte und in einer gesamtmedial veränderten Situation neue
Funktionen übernimmt. Oder muss sie eh nur immer das Gleiche tun und
braucht sich um so was nicht zu kümmern?

Es klingt sehr uncharmant, wenn man behauptet, die Literatur müsse
sturheil bei ihrer Sache bleiben. Ich verfahre aber so - mit der
Einschränkung, dass ich schon auch mitkriege, was um mich herum
passiert. Ich bin ja über das ganz normale Nachrichtensystem mit dem
verbunden, was an die Leute herangetragen wird, und verändere mich
dementsprechend auch ununterbrochen - wie so ein Berg in
Dauererosion. Dadurch wird sich auch meine Literatur verändern -
unmerklich, vielleicht sogar für mich. Es ist allerdings völlig
undenkbar, dass ich mir jetzt überlege: Welches Plätzchen lässt die
Gesellschaft der Literatur? Ich halte Zeitströmungen und Zeitgeist
und das, was man soll und muss, für blöd. Man erklärt dann zum
Beispiel, dass die Literatur etwas über Börsenspekulationen wissen
müsste. Wer sich wirklich vernünftig dazu artikulieren kann und
fachlich so souverän ist, das in Literatur zu verwandeln - wunderbar!
Wenn er's nicht kann, lese ich lieber Leute wie Crichton, Grisham und
wie sie alle heißen. Das ist literarisch nicht ambitioniert, aber ich
lerne was. Jedoch ein zeitgenössisches Thema mit ein paar
Literaturschnörkeln zu versehen und das für diskutable Literatur zu
halten - da erübrigt es sich, darüber auch nur zu sprechen.

Sie haben einmal im Rahmen einer Lesung in Wien gemeint, dass die
Zeit eine Blase bildet, in der die anachronistischen Existenzen auch
noch Platz haben, ohne einfach aus ihrer Zeit zu fallen.

Ja, davon bin ich absolut überzeugt! Viele Leute sind ja in sehr
vielen Belangen um einiges anachronistischer, als sie zuzugeben
wagen. Die querulantischen Aspekte an sich verbergen sie meistens
sehr lange. Und wenn Literatur eine Aufgabe hat, dann ist es
vielleicht die, die Leser zu ermutigen und ihnen zu sagen, dass es
gar nicht so schlimm ist, etwas überspannt, verstiegen oder
verschroben zu sein.

Ich finde es sehr in Ordnung, wenn Literatur ein bisschen Trost
spendet.

Ja, es gibt Bücher, wenn man die aus der Hand legt, hat man das
Gefühl, wieder ein bisschen schlechter, unzufriedener und
verdrossener geworden zu sein. Und es gibt solche, nach deren Lektüre
man sich ein bisschen besser oder irgendwie bestärkt fühlt. Und
eigentlich sollte man Bücher der ersten Kategorie in die Ecke
schmeißen. Ich sage ja nicht "betrübter", sondern "schlechter" und
"verdrossener" - und das ist etwas Schreckliches.

Jane Austen hat einmal geschrieben, sie wolle eine Figur erfinden,
die außer ihr niemand ausstehen könne. Müssen Sie Ihre Figuren mögen?

Ich muss sie mindestens genauso hassen. Meine Beziehung zu den
Figuren ist unterschiedlich bedeutsam. Alle Figuren, die in den
inneren Kreis der Wichtigkeit geraten, müssen auch die nötigen
Anteile von mir haben, und das sind oft solche, die mir selber nicht
gefallen.

Wie geht man denn mit unangenehmen Eigenschaften um, die man an
Bekannten oder gar Freunden beobachtet? Ich würde ja möglichst viel
unternehmen, um die Herkunft dieser Beobachtung zu verschleiern.

Völlig richtig. Das würde ich auch immer tun. Ich muss allerdings
zugeben, dass ich mich bei der Lektüre von Thomas Bernhards
"Holzfällen" unglaublich amüsiert und Tränen gelacht habe, weil ich
mit einem gruseligen Gefühl Leute wiedererkannt habe. Es war die
reine Schadenfreude! Ich fände es lustig, einmal zu recherchieren,
wie viel literarische Figuren nur aus persönlicher Rücksichtnahme
entstanden sind. Die Leute sind allerdings auch außerordentlich
bereitwillig, sich mit Freude oder Empörung zu erkennen und das von
sich zu weisen - obwohl man sie womöglich gar nicht gemeint hat! Wenn
mir dann unterstellt wird, dass es schon gefährlich sei, mir
gegenüber zu sitzen, weil ich so scharf beobachte, ist das natürlich
Unsinn. Es beobachtet in mir - aber das ist bei jedem Schriftsteller
so. Offenbar stellt man Muster her, in denen sich die Leute
wiederfinden können. Es gibt diese schrecklichen Schemata, in die man
die Leute dann am Bahnhof einteilt - ich bin dann immer ganz fertig,
weil ich das scheußlich finde Es macht aber auch Spaß Es macht Spaß, ich bin aber nach wie vor der Überzeugung, dass die
Leute in Wirklichkeit viel individueller sind, und dass es an den
Betrachtungsschablonen liegt, wenn man das nicht erkennt. Man geht
nicht nahe oder aufmerksam genug an sie heran. Wenn man also der
Literatur Aufgaben zuschustern wollte, sollte sie diese Schablonen
überspringen. Es ist wie der Mittelgrund, der Fotografien oder Bilder
langweilig und postkartenhaft machen kann. Fehlt dieser Mittelgrund,
wird es auf einmal interessant. Das muss man auch in der Literatur
versuchen.

Der Literaturkritiker Reinhard Baumgart hat bei Ihnen, allerdings
schon vor langer Zeit, einen nietzscheanischen Affekt gegen die
"Allzu-Vielen" und die herumwurlenden Massenmenschen ausgemacht.

Da hat er im Prinzip etwas erkannt, was ich an mir verurteile und
zu bekämpfen versuche. Das Wort "Elite" hasse ich immer noch,
obgleich es wieder in Mode kommt - da bin ich doch
sozialdemokratischer gestimmt. Die Hilflosigkeit gegenüber diesen
riesigen Menschenmassen spielt in meinen Romanen allerdings eine
wichtige Rolle: Warum so viel davon? Diese Touristen in ihren
Appartementburgen, die wie eine Schafherde herumziehen Wobei ich
Tieren gegenüber normalerweise freundlich gesonnen bin. Menschen en
masse gegenüber fällt mir das gelegentlich schwer. Ich bin aber
speziell während der Arbeit an "Verlangen nach Musik und Gebirge"
draufgekommen, dass man gleichzeitig Menschenfreund und Misanthrop
sein kann und sich das auch erlauben sollte - solange es nicht extrem
wird.

Es beginnen bei mir auch sämtliche Alarmglocken zu läuten, wenn
jemand erklärt, "die Menschen" zu lieben Das kann man doch gar nicht! Man kann sie hassen, das ist leicht,
aber man kann sich nur bemühen, sie zu lieben. Und das muss man wohl:
sich bemühen.

Bleiben wir noch kurz bei Reinhard Baumgart. Dem verdanken wir
auch einen der seltsameren Vergleiche, die mit Ihnen angestellt
wurden: Er meinte, Sie seien die "hellere Schwester von Elfriede
Jelinek".

Die Ähnlichkeiten sind wirklich sehr gering. Ich halte viel von
Baumgart, der ein großer Kritiker war, aber was meine Literatur
betrifft, hat er sich einer gewissen Täuschung hingegeben: Seine
Formulierung "Licht, das keine Schatten wirft" ist schon deswegen
problematisch, weil es Licht ohne Schatten gar nicht gibt - da
stünden ja keine Gegenstände in der Landschaft.

"Jelineks hellere Schwester" ist auch ein bisschen perfide: Hätte
Baumgart "lichtere Schwester" geschrieben, wäre die Assoziation
vermieden worden, dass die andere Schwester vielleicht doch nicht die
hellste ist.

Ach so! Da bin ich noch gar nicht draufgekommen.

Ich glaube, Elfriede Jelinek hat eine Antenne für solch subtile
Gemeinheiten.

Die österreichische Literatur ist in Deutschland ja eine Zeit lang
vergöttlicht worden - es brauchte jemand nur österreichisch zu
sprechen, schon lag ein Adel auf seiner Literatur, der alle besoffen
gemacht hat. Das hat der österreichischen Literatur sicher nicht nur
gut getan und sich in der Zwischenzeit auch geändert. In der
deutschen, der jungen deutschen Literatur wird im Moment sicherlich
viel Schamott mitgeschleppt, aber so viel schlechter sind wir nicht.

Dafür fangen die Deutschen jetzt an, Österreich in
wirtschaftlichen Belangen zu bewundern.

Auf dem etwas luftigeren Sektor hat diese Ehrfurcht allerdings
abgenommen. Man kann nun auch im Fernsehen beobachten, dass es nicht
von vornherein als unglaublich charmant aufgefasst wird, wenn jemand
bloß österreichisch oder wienerisch spricht.

Einen kleinen Bonus gibt's noch immer.

Das soll auch bitte so bleiben! Da dürfen sie aber nicht
vergessen, dass Deutschland generell dieses Verhältnis gegenüber
kleinen Ländern - Dänemark, Belgien, Niederlande, Schweiz - hat.

Die Deutschen haben ein schlechtes Gewissen Und haben allen Grund dazu. Trotzdem sind die genannten Länder
nicht so unschuldig, wie sie sich das lange erträumt haben - und
langsam dämmert das allen auch. Das ist gut so und mindert in keiner
Weise die Verbrechen der deutschen Nazivergangenheit.

Sie befassen sich in Ihren Büchern weniger mit Schuld, dafür viel
mit Schönheit. In Ihrem Essay "Literatur und schöns Blümelein"
schreiben Sie, es sei "halbwegs ein Mysterium", dass die Hässlichkeit
in der Kunst mittlerweile als "wirklicher und wichtiger" gelte. Im
gleichen Aufsatz heißt es auch noch: "absoluter Härtetest: Schönheit
in der Realität in Schönheit in der Kunst zu verwandeln". Warum hat
es die Schönheit so schwer?

Sie hat es ja nicht immer schwer gehabt. Es gab Phasen, in der
gerade die Dichter verpflichtet waren, Schönheit herzustellen. Seit
der Antike sind Heldenepen und Lobpreisungen bestellt worden; es gibt
die gar nicht immer schlechte Schäferdichtung, die Barockdichtung Das liegt alles schon ein bisschen zurück.

Es liegt zurück; etwas später hat dann der häufig missverstandene
Adalbert Stifter sich auch an der Wiedergabe realer Schönheit, oder
besser: ihrer literarischen Evokation versucht. Man muss also
tatsächlich fragen: Warum hat es die Schönheit heute so schwer?

Ja, warum denn?

Weil es dieses Diktum der Moderne gibt - und zwar nicht erst seit
dem Ende des Zweiten Weltkriegs -, dass Schönheit Sentimentalität und
Kitsch ist; dass das Herz der Dinge finster ist; und derjenige, der
das nicht erkennt, ein Schwätzer, Biedermann und Idylliker. Pfui!

Vom Existenzialismus abwärts hat diese Auffassung auch einen Wust
von schwarzem Kitsch produziert.

Wir sagen hier "saurer Kitsch". Ich empfinde es zum Beispiel als
eine große Leistung, wenn in den meist als schönfärberisch
missverstandenen Operetten, die in Wirklichkeit hoch ironisch sind,
eine große, ich sage jetzt einmal: "Süße" enthalten ist, die vielen
Menschen Trost gibt. Dass es da auch kitschige Aspekte gibt, ist
etwas anderes, und man müsste sich überhaupt einmal darüber
unterhalten, wann eine Sache zum Kitsch wird. Die Vereinbarung, dass
etwas schon mal ganz gut ist, wenn's schlecht ausgeht, ist mit
Sicherheit Kitsch. Die Leute machen es sich da furchtbar leicht, und
das Allerschlimmste daran ist: Sie lügen sich in die Tasche. Die
fahren doch auch an die Strände, wo der Sand weiß und das Meer blau
ist! Und wenn Sie es sich leisten können, gehen sie ins
Nobelrestaurant und lassen die paar Bröckchen auf dem Teller
hochleben, als wär's das Sakrament.

Es gibt in Hinblick auf Schönheit so etwas wie einen heimlichen
Konsens: Ich glaube, es gibt niemanden, der Sonnenuntergänge nicht
gut findet.

Irrtum, leider. Es gibt genügend Leute, die, deformiert vom
kulturellen Zeitgeist und seinen Verdikten, zumindest offiziell und
verbal der Meinung sind, Sonnenuntergänge seien kitschig. Gerade das
sogenannte "Lieschen Müller"! Hier hat die Literatur, die Kunst
anzusetzen. Nicht, um ausgerechnet den Sonnenuntergang zu
rehabilitieren, sondern um die Nebelschwaden der Klischees
wegzuräumen. Viel simpler gesagt: Ich verlange nur etwas mehr
Redlichkeit in der Beschreibung dessen, wie Schönheit, egal welcher
Art, auf uns alle wirkt: Sie haut uns nämlich um, Gott sei Dank. Das
gefällt uns sehr, aber intellektuell schämen wir uns.

Welche Aufgaben stellen Sie sich selbst? Es muss ja nicht gerade
ein Sonnenaufgang sein, aber irgendetwas in die Richtung. Ich denke
mir bei landschaftlichen Eindrücken oder meteorologischen Ereignissen
oft: Wow - das müsste man jetzt niederschreiben.

Ja! Da stimme ich Ihnen völlig zu. Ich beneide gebirgsnäher
lebende Menschen darum, dass sich da mehr abspielt und das Wetter
schneller umschlägt. Wenn ich einen anderen Beruf ergreifen müsste,
wäre es Meteorologin. Das ist ein verbal unglaublich fruchtbares
Gebiet.

Eine anderer Zugang wäre es, neue Schönheit zu entdecken und zu
erfinden - etwa im Elbeeinkaufszentrum, das man auch ganz anders
sehen kann: exotisch, spannend Da müsste man sich allerdings fragen, welchen Sinn es hat, da noch
von Schönheit zu sprechen, wenn man in Wirklichkeit "geheimnisvoll"
oder "gespenstisch" meint. Ich halte das für Schwindelei, jetzt auf
einmal das Elbeeinkaufszentrum für schön zu erklären. Das wird
gemacht - gerade in der bildenden Kunst. Wenn das Elbeeinkaufszentrum
die eigentliche Schönheit darstellt, sollen sie doch dort ihr Bett
aufstellen! Das tun sie aber nicht. Da bin ich nun wieder eine
Verfechterin der Nähe von Kunst und Leben - es sind zwei verschiedene
Dinge, die aber nicht völlig auseinander gehen dürfen: In der Kunst
kann nicht richtig sein, was im Leben falsch ist.

Tiere und Vergleiche mit Tieren spielen in Ihrer Literatur eine
sehr große Rolle. Ich habe mir gedacht, wir könnten zum Abschluss
vielleicht noch Tierezuordnen spielen?

Wie geht das?

Ich nenne Ihnen Menschen und Sie müssen sagen, welches Tier die
sind.

Gut.

Virginia Woolf.

Etwas in Richtung Flamingo, Reiher.

Marlon Brando.

Da muss ich jedenfalls das eindrucksvollste Tier finden, denn
Brando ist wirklich meine große Fernliebe. Jemand hat einmal gesagt,
dass er etwas von einem gesättigten Tiger habe. Dem würde ich mich
anschließen.

Michael Schumacher.

Ich glaube, es müsste ein Vogel sein. Ich sage einfach mal Tukan.

Susan Sontag?

Eine Eule. Ich bin nur noch nicht dahintergekommen, was für eine.
Keine Schleiereule und auch kein Uhu. So eine mittlere Eule.

Sie selbst? Jetzt dürfen Sie aber nicht schummeln.

Was wäre geschummelt?

Wenn Sie sich das aussuchen, was Sie gerne wären - ws besonders
prachtvolles.

Mein Sternzeichen. Ein Steinbock. Ich bin auf jeden Fall ein
Ziegentier, aber keine Stallziege, sondern was frei Lebendes - eine
kleine Schmeichelei.

Gerhard Schröder.

Ich denke an einen Bären. Ist vielleicht gar nicht richtig, aber
die direkte, schnelle Assoziation ist Bär.

Angela Merkel?

Ein Waschbär? Ja, ein Waschbär!Die leere Utopie

Im Rahmen des Literatursymposions "Havanna virtuell", einer Koproduktion der Minoriten, der Literaturzeitschrift Lichtungen, des steirischen herbstes und der Kulturvermittlung Graz, haben vergangene Woche (exil-)kubanische Schriftsteller über Politik, Kultur und Gesellschaft auf der revolutionären Karibikinsel diskutiert. Zeitgleich mit dem Symposion ist bei Leykam auch der Essayband "Die leere Utopie" erschienen, herausgegeben von Carlos Aguilera, der 2003 und 2004 als überaus umtriebiger "writer in exile" in Graz gewirkt hat. Die Essays untersuchen die vielschichtigen Beziehungen zwischen kubanischem Staat und Intellektuellen in unterschiedlichen Epochen der postrevolutionären kubanischen Geschichte. Die entscheidende Frage sei, so Aguilera im Vorwort, wie es möglich gewesen sei, dass der intellektuelle Raum den totalitären Raum der Insel unterstützt habe. Dass zum Beispiel hundert "Intellektuelle" im Jahr 2003 die Verhaftung von 75 Dissidenten, die Haftstrafen bis zu 28 Jahren erhielten, in einem offenen Brief rechtfertigten. Und damit die Repressionspolitik eines Regimes unterstützten, das Konzentrationslager hervorgebrachte habe - in La Cabana hatte Che Guevara persönlich Erschießungen angeordnet -, oder das für die Stationierung von Atomraketen in den Sechzigern verantwortlich gewesen sei.In der Reihe "Austrian Studies" (vormals "Wiener Beiträge zur Englischen Philologie" - kein Wunder, dass dieser Titel geändert wurde) legt Saskia Kossak mit "Frame My Face to All Occasions" eine ausführliche Untersuchung in englischer Sprache zur filmischen Umsetzung von Shakespeares Königsdrama "Richard III." vor. Obwohl sie einräumt, keine erschöpfende Studie angestrebt zu haben, bezieht sie
doch selbst so kleine Momente wie Richards Cameo-Auftritt in der BBC-Serie "Blackadder" ein. Während vor allem im anglophonen Raum an Arbeiten über Shakespeare und Film wohl kaum Mangel herrscht, füllt eine derart spezielle Untersuchung durchaus eine Lücke in der Filmforschung, begnügt sich die Autorin doch keineswegs mit einer
simplen Zusammenstellung und Kritik, sondern versucht die je eigenen Aspekte von Kinofilm (angefangen beim ersten Richard-Stummfilm von
1908), Fernsehspiel oder Video- bzw. DVD-Produktionen herauszuarbeiten. Einzig die Nützlichkeit mancher Fußnoten gibt bisweilen Rätsel bei der Lektüre einer sonst spannenden Studie auf.

Ebenfalls eher als Werk für Auskenner denn für Einsteiger kommt Arbeit über "Die Englischen Komödianten in Deutschland" während der Frühen Neuzeit daher. Von der Insel reisten Schauspieltruppen seit spätestens 1592 auf den Kontinent, von Fürstenhöfen eingeladen und zur moralischen Belehrung der Untertanen instrumentalisiert, boten sie dem Publikum, das an religiöse Laienspiele und später Jesuitentheater gewöhnt war, Unerhörtes und Neues: Theater als Beruf. Autor Ralf Haekel sichtet das karge Quellenmaterial minutiös und liefert so tatsächlich neue Erkenntnisse, vor allem in der Bewertung des Repertoires der Thespisjünger - sie hatten's nicht nur mit den Klassikern! Leider hat der Universitätsverlag Winter auf ein Register zu diesem Band verzichtet, dafür ein paar ärgerliche Druckfehler dringelassen. Die Forschung zum frühen Wandertheater im Alten Reich bringt Haekels Beitrag dennoch auf einen neuen Stand, so muss diese Unbill wohl in Kauf genommen werden.Die 2002 verstorbene Hildegard Knef ist ein der wenigen Personen, die Begriffe wie "Ikone" oder "Diva" wirklich rechtfertigen. Bezeichnenderweise meist nur als "die Knef" geführt, war die Künstlerin als unkonventionelle, starke Frau ein Role-Model, das so gar nicht in die muffige Biedermeierwelt der Wirtschaftswunderjahre passen wollte; als international erfolgreiche Schauspielerin und
einzigartige Chansonsängerin avancierte sie zum ersten deutschen Nachkriegspopstar. Der Modefotograf Rico Puhlmann hat Knef von den mittleren Sechzigern bis in die frühen Achtzigerjahre hinein begleitet. Eine sehr schöne Auswahl seiner Arbeiten liegt jetzt in chronologischer Zusammenstellung vor.Holzfällers Freud

Heimliche Obsessionen, gewagte Posen und ein Mann in weißer Feinrippunterhose: Der ehemalige Pressefotograf Christian Skrein sammelt private erotische Fotografien und zeigt diese nun im Westlicht.

Sein allererstes Foto machte Christian Skrein als Baby. Kaum auf der Welt, fotografierte er 1945 den Gründungsparteitag der Österreichischen Volkspartei; sein eigener Vater, der ehemalige Widerstandskämpfer und nunmehrige Unterstaatssekretär Raoul Bumballa, sitzt auf dem Foto zwischen Raab und Figl. Es ist natürlich nur eine hübsche Volte des Schicksals, dass Skrein, der zu seinem eigenen Leidwesen seinen Geburtstag mit Adolf Hitler teilt, immer wieder als Urheber dieser historischen Aufnahme auftaucht: "Foto: Christian Skrein".

Der ehemalige Pressefotograf, der seit 33 Jahren das mittlerweile rund eine Million Exemplare umfassende Bildarchiv "Skrein Photo Collection" leitet, stellte seinerzeit Hugo Portisch für dessen Dokumentation "Österreich I und II" das Parteigründungsfoto zur Verfügung - der veröffentlichte das Bild mit besagtem Nachweis. Seither wird das fotografische Dokument mit den neun honorigen Männern, die sich vor den Ölschinken im Palais Auersperg anno 1945 versammelten, Christian Skrein zugeschrieben. Einerseits wurde Skrein, geboren am 20. April 1945, so zum jüngsten Fotoreporter der Pressegeschichte. Andererseits passt es ausgezeichnet, dass Skrein bereits als Säugling vom Fotofieber infiziert worden sein soll. Nur so ist wohl seine lebenslange Leidenschaft für das Medium erklärbar.

In der Ausstellung "Secret Snapshots" in der Fotogalerie Westlicht hängen die heimlichen, zumeist für das Geldbörserl kompatiblen Schnappschüsse vergrößert an der Wand: nackte Frauen in gestellten Posen; Landschönheiten in Wald-und-Wiesen-Umgebung; Aufnahmen von der hauseigenen SM-Party; entblößte Körper auf zerwühlten Betten. Die Bilder der anonymen Fotografen sind der Schatz der Sammlung Skrein. Die Ergebnisse der frivolen Knipserfotografie - das älteste Foto der Schau stammt aus dem Jahr 1907 - werden vor der Öffentlichkeit normalerweise verborgen und geheim gehalten: Erst unlängst entdeckte Skrein in einer Verlassenschaft einige Erotika - der Hobbyfotograf verstarb bereits in den 1950er-Jahren, die Nacktaufnahmen der Frau oder Freundin überdauerten in einem Kuvert hinter Meyers Lexikon.

Der Katalog zur Ausstellung umfasst 128 Seiten. Beim Durchblättern verwandelt sich der bedächtige Skrein in einen Mann, der vor Begeisterung schier platzt, der zu seinem Metier ein fast schon erotisches Verhältnis pflegt. Seite 48, eine Nackte in Antike-Statue-Haltung. "Darf das wahr sein?", kommentiert Skrein. "So kann man doch nicht fotografieren. Das ist unbeschreiblich. Das ist Kunst." Seite 47, eine Aufnahme aus Deutschland, 1962, eine Frau steht gebückt an einem Strand. "Das ist allerfeinste Klinge, da sind wir bei den Besten der Besten." Seite 128, ein athletisch gebautes Modell in interessanter Verrenkung: "Das ist Kunstfotografie par excellence." Nicht nur bei Skrein setzt sich beim Betrachten dieser historischen Zeugnisse der Geschichtenmotor in Bewegung: Unter welchen Umständen ist dieses Foto entstanden? Was ist kurz vorher, was unmittelbar nachher passiert? Wie kommt es, dass die meisten dieser Aufnahmen von einer geheimnisvollen Aura umgeben sind? Und zugleich trivial, banal und komisch, alles auf einmal, sind? Und mitunter auch unheimlich? Eine einzige Aktfotografie im Katalog ist beschriftet: "Dieser Tag wird immer meine schönste Erinnerung sein. Goschi und Charly, Raisenmarkt 10. Juli 1937." Auf dem Foto liegt eine Frau in einem Bett, zwei professionelle Porträtbilder, die zwei unbekannte Personen zeigen, hat sie an sich gelehnt.

Es gibt zerrissene (und wieder geflickte) Aufnahmen von barbusigen Schönheiten, schlüpfrige Rückenansichten, Hausfrauenerotik (in Strapsen auf der Kommode!); Damen, die ihre Röcke lüpfen, und eine Frau, der beim Reifenwechsel absichtsvoll das Kleid verrutscht. "Es gibt Fälle", erzählt Skrein, "da hat ein Holzfäller das Aktbild seiner Freundin zwanzig Jahre in seiner Lederhose. Wir entdecken dann per Zufall ein Foto, das Knicke und Einrisse hat und manchmal so weich wie ein Stofffetzerl ist."

Fünfzig mehr oder minder nackte Frauen sind in der Ausstellung zu sehen. Und dazu ein Mann. Irgendwo in Deutschland, 1950er-Jahre, Stillleben mit Mensch und Zimmerpflanze: Ein kleiner Mann mit zeltartiger Feinrippunterhose betrachtet versonnen das häusliche Grün, die Arme hat er hinter dem Rücken verschränkt. Spaziergehhaltung? Inspektionshaltung? Tigerartige Haltung? Man weiß es nicht. Ein großes Geheimnis. Der Geschichtenmotor springt an.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 43/2005



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