Verfluchte Tage. Ein Revolutionstagebuch

Iwan Bunin, Thomas Grob


Rot oder tot

Eine monumentale Stalinbiografie sowie die Tagebücher des Schriftstellers Iwan Bunin und von Nina Lugowskaja erinnern an die blutige Frühzeit der Sowjetunion.

Der Schriftsteller Iwan Bunin (1870–1953) erlebt die Oktoberrevolution des Jahres 1917 in Moskau. Sein am 1. Januar 1918 einsetzendes Tagebuch ist nicht nur aufgrund der präzisen Detailbeschreibungen von Interesse. Bunin wird die weltgeschichtliche Tragweite der Ereignisse rasch klar. "Dieses verwünschte Jahr ist zu Ende. Doch was weiter? Vielleicht kommt etwas noch Schrecklicheres. Wahrscheinlich sogar."
Das in Chaos und Hunger versinkende Moskau wird von marodierenden Soldatenhorden beherrscht, Bunin mischt sich in die Menge und schnappt Gesprächsfetzen und Gerüchte auf. Tatsächlich quartieren sich die Bolschewiki gerade im Kreml ein. Als der Schriftsteller eines Tages nach Hause kommt, erklärt ihm selbst sein langjähriger Diener düster: "Die Bourgeoisie wird abgeschlachtet."
Bunin schaut dem Volk aufs Maul und beginnt dabei selbst mitunter wild zu fluchen. Lenins Reden hält er für pure "Schaumschlägerei", die Führung der orthodoxen Kirche, die sich den neuen Machthabern anbiedert, für opportunistisch.
Als sich die immer wieder gehegte Hoffnung, Europa würde durch eine militärische Intervention Russland nicht seinem Schicksal überlassen, als Illusion erweist, flieht Bunin mit seiner Familie nach Odessa, um das Land schließlich ganz zu verlassen. Das andere, liberale Russland, für das Iwan Bunin wie kaum ein anderer steht, ist von der Bühne der Geschichte abgetreten. 1933 erhält er als erster russischer Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur.

Eine schauerliche Galerie von ehemaligen Zuchthäuslern" nannte Iwan Bunin die Bolschewiki, kein ganz abwegiges Urteil über die sowjetische Führung von Lenin bis Stalin und Beria. Jedenfalls könnte sie auch als Motto über der voluminösen Stalinmonografie des in Cambridge ausgebildeten Historikers Simon Sebag Montefiore stehen. "Stalin. Am Hof des roten Zaren" ist nicht nur eines der besten Bücher über den Diktator. Ob der anschaulichen Drastik bei der Schilderung der Verbrechen des Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, kurz Stalin (1879–1963), mag der Leser mitunter von Übelkeit befallen werden.
Es ist ein alle Maße überschreitendes Blutbad, das Stalin – vor dessen Gefährlichkeit der 1924 verstorbene Lenin noch in seinem (von Stalin unterdrückten) Testament gewarnt hatte – auf dem Weg zur absoluten Macht anrichtet. Dasselbe gilt auch für die bolschewistischen Mitkämpfer und seine Entourage, von Bucharin über Sinowjew bis Trotzki. Auch sie sind allesamt verrückte und skrupellose Massenmörder, die bis Ende der 1930er-Jahre Stalins Machiavellismus zum Opfer fallen.
Am Höhepunkt des Stalin'schen Terrors 1937/38 werden fünf von fünfzehn Mitgliedern des Politbüros, 98 der 139 Angehörigen des ZK und 1108 der 1966 Delegierten des 17. Parteitages verhaftet. Allein am 12. November 1938 – ein fast beliebig gewählter Tag – geben Stalin und sein Mitstreiter Molotow ihre Zustimmung zu 3176 Exekutionen. Der üblichen Spielart sowjetischer Sippenhaftung entsprechend, werden in einer weiteren Terrorwelle 18.000 Frauen und 25.000 Kinder kommunistischer Funktionäre mitverhaftet.
Nikita Chruschtschow, Parteichef der Ukraine, "ein wahrhaft fanatischer Terrorist", ordnet 1938 die Erschießung von 55.741 Verdächtigen an und hat damit das Plansoll an Säuberung, das im Kreml mittlerweile per Quote festgelegt wird, gleich übererfüllt. Montefiore, der die Verantwortung für den Massenmord gleichermaßen bei Stalin wie bei seinen karrierebestrebten jungen Mitarbeitern sieht, kompensiert den Mangel an politischer Geschichte seines Stalinbuches durch eine eindringliche Darstellung der schier unüberschaubaren Verflechtungen der Kremlherrschaft in gleichermaßen familiärer wie strategischer Hinsicht.
Tür an Tür wohnend, können jederzeit die absurdesten Vorwürfe und Anklagepunkte gegen den politischen Gegner in Anschlag gebracht werden. Die Frau des amtierenden Staatspräsidenten Kalinin in den Gulag deportieren zu lassen, fällt Stalin ebenso leicht, wie per Kreuzchen am Rand einer Deportationsliste ganze Völker in den sicheren Tod zu schicken. Der Massenmord am eigenen Volk findet auch nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion, der Stalin beinahe um seine Macht gebracht hätte, kein Ende: Eine Million Rotarmisten wird im Zweiten Weltkrieg von Feldgerichten verhaftet, 157.000 Soldaten werden hingerichtet.
Am Höhepunkt von Stalins Ruhm, der durch den Sieg über Nazideutschland zum Generalissimus avanciert, befinden sich in den Lagern des Gulag mehr Gefangene als je zuvor. Die Schreckensherrschaft findet erst durch Stalins Tod 1963 ein abruptes Ende.

Damit beginnt die "vegetarische" Phase des Kommunismus, die noch bis 1991, also bis zum Ende der Sowjetunion, andauert. Eine wirkliche Auseinandersetzung der russischen Gesellschaft mit den Verbrechen des Stalinismus, wie sie Chruschtschow mit seinem Versuch einer "Entstalinisierung" von oben begann und die mit dem kläglich im Sand verlaufenden Prozess gegen die KPdSU unter Jelzin ein Ende fand, steht in Russland bis heute aus.
Eine der wenigen damit beschäftigten Institutionen ist die Menschenrechtsorganisation "Memorial", aus deren Archiven ein eindringliches Zeugnis aus der Geschichte der Stalinopfer stammt. "Ich will leben. Ein russisches Tagebuch 1932–1937" stammt von der späteren Malerin Nina Lugowskaja (1918–1993). Verfasst hat sie es im Alter von 14 Jahren am Höhepunkt des Stalinterrors. Die Tochter des ehemaligen Sozialrevolutionärs Sergej Rybin, der es in der Zeit der Neuen Ökonomischen Politik zu einigem Wohlstand gebracht hatte, wächst vergleichsweise wohlbehütet auf. Der Unmut über die Jugendorganisation Komsomol und den Ideologieunterricht über Leninismus in der Schule hält sich eine Zeit lang die Waage mit begeistert melancholischen Aufzeichnungen über die Verliebtheit in den Mitschüler Ljwowa.
Als der schon einmal verhaftete Vater als ehemaliger politischer Abweichler von der Generallinie der Partei abermals Verhören unterzogen wird, steigert sich die Verachtung des Kindes für das "Gesindel" der Kommunisten zu purem Hass. Bei einer Hausdurchsuchung wird Ninas Tagebuch beschlagnahmt. Darin finden sich unter anderem folgende Sätze: "Tagelang habe ich mir im Bett vorgestellt, wie ich ihn umbringe. Und dieser Diktator macht noch Versprechungen, dieser Unmensch, dieser Lump, dieser gemeine Georgier, der Russland zugrunde richtet." Der Backfisch träumt romantisch revolutionär vom Tyrannenmord an Stalin und wird zusammen mit der Mutter und den beiden Schwestern verhaftet und zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nina Lugowskaja überlebt Kolyma. Von der Zeit im Lager wird sie bezeichnenderweise bis an ihr Lebensende nie mehr sprechen.
Einziger Wermutstropfen des lange Zeit vergessenen und nunmehr sorgfältig edierten Tagebuchs: Es strotzt vor Antisemitismus. Diese endemische Erkrankung der russischen Seele wegzuerklären gelingt weder dem Vorwort der renommierten Autorin Ljudmila Ulitzkaja noch den beiden umfangreichen Nachworten. Der in gewisser Hinsicht durchaus zutreffende Vergleich mit dem Tagebuch der Anne Frank mag gut gemeint sein – ein Humbug bleibt er trotzdem.

Erich Klein in FALTER 42/2005



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