Gestern unterwegs. Aufzeichnungen November 1987 - Juli 1990

Handke, Peter


Peter in der Mädchenwelt

"Gestern unterwegs" lädt zu lohnenden Spaziergängen im Kopf von Peter Handke.

Es gibt Autoren, die bleiben aus Prinzip zu Hause und misstrauen allem, was ihnen nicht in der sicheren Umgebung des eigenen Schreibtischs einfällt. Und dann gibt es solche wie Peter Handke, für die Schreiben fast unabdingbar mit Reisen und ständiger Bewegung zusammenhängt.
Rastlos zog Handke in den Achtzigerjahren, in denen er einige Zeit ohne festen Wohnsitz lebte, allein und wie ein fast allem entsagender Pilger durch Europa, Ägypten und Japan. In dem voluminösen Band "Gestern unterwegs" finden sich nun ungekürzt – sozusagen im author's cut – seine Notizen vom November 1987 bis Juli 1990, "die letzte Phase meines Mit-Schreibens mit den täglichen und nächtlichen Geschehnissen". Damit ist eine lose Folge von Aufzeichnungsbänden wie "Am Felsfenster, morgens" abgeschlossen.
Die ausklingenden Achtziger waren für den Dichter, der einst den Ruf der weiten Welt aus einer Jukebox in einem Kärntner Wirtshaus vernahm, eine Zeit des intuitiven Umherstreifens. Selten befand sich Handke auf dem Weg zu bestimmten Orten – wiewohl er sich doch unmerklich langsam einem Wieder-Sesshaftwerden annäherte –, meist ließ er sich ähnlich wie die Beat-Autoren von einem Kaff zum nächsten treiben, schaute den Menschen auf Busbahnhöfen und Dorfplätzen beim Leben zu und machte sich beobachtend so seine Gedanken: "Die Kinder als Dichter: Sie stehen da, halten die Hand in den Regen, und das ist ihr Gedicht."
Der Dichter als Reisender nahm seine Umgebung durchaus mit wohlwollendem Interesse wahr ("den jungen Mädchen gehört die Welt"). Dennoch ist "Gestern unterwegs" weniger ein Reise- als ein Arbeitstagebuch. Die vielen Orte und kurzen Begegnungen erfüllten letztlich auch einen bestimmten Zweck: Sie dienten Handke als Motor für sein Denken, für Reflexionen über sich selbst und das Schreiben. So erweist sich das Buch als eine reichhaltige Fundgrube poetologischer Selbstauskünfte ("Mein einziges Talent ist von jeher die Sehnsucht gewesen; zum Beispiel habe ich nie schreiben können, als Können") wie auch als Skizzenbuch eines Wanderers, der geduldig darauf harrt, dass ihn unterwegs die Muse küsst ("das schönste Warten: das auf die Verwandlung").

Gewiss, Handkes Mitschriften sind aufgrund ihrer kursorischen, teils fragmentarischen Natur und der nicht immer ganz problemlosen Entschlüsselbarkeit keine leichte Lektüre. Die vielen kurzen Einträge entfalten auch keine Sogwirkung und sind wohl eher für Handke-Heads geeignet als für die gemütliche Lektüre im Ohrensessel.
Dennoch stellt dieses grotesk hochpreisige Taschenbuch eine durchaus lohnende Anschaffung dar. Man kann es immer wieder aufschlagen und dabei über grandiose Handke-Sager stolpern: "Der Augenblickdenker: nur das bin ich". Vor allem aber lässt sich aus diesem bedächtigen Gedankenstrip mehr über den Ursprung von Literatur und den Blick des Dichters auf die Welt erfahren als aus etlichen Theoriewälzern.

Sebastian Fasthuber in FALTER 42/2005



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