Claire Denis. Trouble Every Day

Michael Omasta, Isabella Reicher, Martine Beugnet, Christine...


Lieben Sie Bresson?

Ein facettenreicher Sammelband porträtiert die französische Regisseurin Claire Denis.

Das Foto auf dem Cover ist das Abbild einer Geste: Ein Lachen ist da zu sehen und eine Hand, die durch die Luft fährt, als wolle sie etwas Unsichtbares greifen. Ähnlich diesem Porträt von Claire Denis funktioniert auch das erste deutschsprachige Buch über die französische Regisseurin: Die Texte am Anfang des Bandes gleichen einmal einem euphorischen Ausruf (Jim Jarmuschs "Tribute to Claire"), sind philosophische Wahrnehmungsstudie (Jean-Luc Nancy über den Kannibalenfilm "Trouble Every Day") oder profunde Analyse (Martine Beugnet vervollständigt ihre eigene, 2004 erschienene Monografie "Claire Denis" mit einer Betrachtung zu deren jüngstem Opus magnum "L'Intrus"). Auf ein statisches Gesamtbild zielen diese Annäherungen, denen jede Labelfindung fern liegt, jedoch nicht ab. Und das ist gut so.
Den Texten folgen transkribierte Gespräche, entstanden zwischen 1995 und 2005, in denen Denis mit Michael Omasta unter anderem über ihre Liebe zu Robert Bresson spricht. Der "Planet Claire" betitelte dritte Teil des Bandes weitet unterdessen den Fokus vom Porträt zum Gruppenbild, auf dem der ständige Drehbuch-Mitautor Jean-Pol Fargeau, Philosoph Jean-Luc Nancy als Inspirationsquelle, Cutterin Nelly Quettier, Kamerafrau Agnès Godard und natürlich Lieblingsdarsteller wie Alex Descas, Grégoire Colin, Béatrice Dalle und Vincent Gallo einer auteurfixierten Monumentbildung vorbeugen.

Genreüblich findet sich am Ende die chronologische Filmografie. Hier ist sie als Mosaik aus Interviewpassagen und Filmbesprechungen organisiert: Einer der schönsten so versammelten Kurztexte – "Gespenster"-Regisseur Christian Petzold hat ihn einmal in einem deutschen Weblog gepostet – spricht davon, warum am Beginn von "Trouble Every Day" eine Plansequenz Index des Unheimlichen ist. Und nicht das ebenfalls sichtbare Blut. Bei Denis geht es weniger darum, was man sieht als wie es sich der Wahrnehmung nähert. Darüber zu schreiben ist allerdings kein Leichtes.

Maya McKechneay in FALTER 42/2005



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