Die Schönheitslinie

Alan Hollinghurst, Thomas Stegers


Ein schlimmer Junge

Alan Hollinghursts Roman "Die Schönheitslinie" will ein Sittenbild der englischen Oberklasse sein.

Ja ... putz mir den Arsch durch ...', stieß Leo zwischen gestöhnten Lauten hervor, und Nick wurde schneller und mutiger, ,... damit er noch glatter wird ... juckt höllisch ... auf dem Fahrrad ...' Nick küsste Leos Nacken. Armer Leo! Mit seinem rasierten Arsch und den eingewachsenen Barthaaren war er ein Opfer seiner Behaarung geworden. ,Ja, genau, gut so', sagte er im aufreizenden Ton der Offenbarung. Er beugte sich noch weiter vor, stützte sich mit einem Arm ab und masturbierte rasend schnell. Nick war jetzt ganz und gar versunken in sein Tun, doch dann, kurz bevor er kam, sah er sich selbst, als hätten sich alle Bäume und Sträucher hinweggewälzt, und alle Lichter Londons waren auf ihn gerichtet: den kleinen Nick Guest aus Barwick, Don und Dot Guests Junge, der nachts in Notting Hill einen Fremden im Park fickte. Leo hatte Recht, er war ein schlimmer Junge, und das hier war bei weitem das Beste, was er je gemacht hatte."
Schön! Als den angenehmen, sinnenfreudigen Dingen des Lebens aufrecht zugetaner Leser freut man sich klarerweise, wenn es dem romanauf, romanab gern schicksalszerknautschten fiktionalen Personal mal so richtig gut geht. Aber man weiß natürlich auch: Auf Sonne folgt Regen, auf die Klimax folgt die Niederfahrt. Und so wundert man sich nicht groß, dass am Ende der großen Sause des kleinen Nick der Sensenmann seine Runde macht: Leo, Nicks hingebungsvoller erster Liebesdiener, ist an Aids gestorben; Wani, Nicks kokain- und pornosüchtiger langjähriger Lebensgefährte, steht, ebenfalls an Aids erkrankt, kurz vor seinem Tod.
"Booker Won by Gay Sex", schlagzeilte der britische Boulevard, als Adam Hollinghurst im letzten Jahr den Booker-Preis für seinen Roman "Die Schönheitslinie" zugesprochen bekam. Das muss es denn auch gewesen sein, denn sehr viel andere Gründe sprechen nicht dafür, dass gerade Hollinghursts Werk zum besten Roman englischer Sprache des Jahres 2004 ausgerufen wurde. Denn die Geschichte um den mäßig bemittelten Vorstadtjungen Nick Guest, der sich – nomen est omen – über Jahre bei der reichen Familie seines Studienfreundes Toby einquartiert und am Ende ungewollt die politische Karriere von Tobys Vater, eines Unterhausabgeordneten der konservativen Partei, torpediert, hat zwar sichtlich Hohes im Sinn, dümpelt aber in Wirklichkeit zumeist im Brackwasser lauwarmem Klatschismos dahin.

Ein groß angelegtes Sittenbild der englischen Oberklasse zur Hochzeit des Thatcher-Regnums wollte Alan Hollinghurst in seinem vierten Roman zeichnen; Henry James wird immer wieder als Vorbild genannt. Doch gelingt es dem 1954 geborenen Romancier lediglich, eine Art Potemkin'schen James-Roman aufzubauen: Die großen Gesellschaften, Diners, Partys der Oberklasse bleiben Fassade, das interessante Leben dahinter bleibt uns der Brite schuldig.
So bleibt die Sache denn im Mittelmäßigen stecken: Ein bisschen "Talentierter Mr. Ripley", ein bisschen Aids- und ein bisschen Politdrama reichen noch nicht aus für einen lesenswerten Roman; für einen preisgekrönten offenbar schon.

Stefan Ender in FALTER 42/2005



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