Was Dunkelheit war

Inka Parei


Der alte Mann und die RAF

Inka Parei liefert den Roman zum Bachmann-Preis 2003 nach und überzeugt zumindest halb.

Als Inka Parei das erste Kapitel dieses Romans beim Bachmann-Wettbewerb 2003 vorlas, waren Begeisterung und Neugier der Jury groß: Wie würde es weitergehen mit diesem alten Mann in diesem alten Haus? Von Anfang an lag etwas Bedrohliches in der Luft; da war ein Fremder, der nächtens schwere Dinge durch die Gegend schleppte, da war ein Traum mit Schneegeruch und Birken und Streifschüssen – Leser deutscher Literatur wissen: Hier dräut der Russlandfeldzug.
Inka Parei hat sich mit der Einlösung ihres Versprechens Zeit gelassen, und sie hat es nur halb eingelöst; nicht, weil es bloß ein schmaler Roman geworden ist, sondern weil die Geschichte dort allzu eindeutig wird, wo Mehrdeutigkeit ästhetischen Profit garantiert hätte. Dass sie andererseits dort mehrdeutig bleibt, wo die Dramaturgie des Suspense Festlegung erfordert hätte, muss man ihr nicht zum Nachteil auslegen: Es ist die Geschichte eines zersplitternden Bewusstseins, einer nachlassenden Geistes- und Erinnerungskraft. Da scheint es legitim, wenn der Plot nicht der Logik des Kriminalromans folgt, sondern das Überfordertsein des alten Mannes im wackligen Erzählgerüst abbildet.
Was sich jedenfalls sagen lässt: Der Held hat das schäbige Haus im Frankfurter Vorort Rödelheim von einem Unbekannten geerbt, einem Kriegskameraden namens Müller, an den er sich beim besten Willen nicht erinnern kann, der Müllers gab es viele. Er hat seine Berliner Wohnung aufgegeben und ist hierher gezogen, um dieses sinnlose Erbe anzutreten, ein Mann ohne Nachfahren und ohne Zukunft: "Der Erhalt des Testaments hatte ein Loch in sein Leben gerissen. Manchmal kam es ihm auch vor wie eine Öffnung, in die er hineinsehen konnte, aber immer nur für einen kurzen Moment. Nur um die Tiefe und Unergründlichkeit zu ahnen, die es für ihn bereithielt."
Der Mann hat also Angst vor seiner Vergangenheit, er wird mit ihr konfrontiert, als der Fremde im Haus auftaucht und sich bald herausstellt, dass dieser nicht die Bedrohung, sondern der Bedrohte ist: Man schreibt die Siebziger, die Entführungen der RAF sind in aller Munde, offenbar haben sich einige Bürger zusammengetan, um Lynchjustiz an mutmaßlichen Terroristen zu üben – ausgerechnet im Haus des Alten. All das wird freilich nur angedeutet, der Protagonist sieht und hört einiges, ohne sich darauf einen Reim machen zu können.
Inka Parei stellt die körperlichen und geistigen Mühen des Alters meisterlich dar, detailliert und so anschaulich, dass man sich nach der Lektüre kaum noch aus dem Sessel zu erheben vermag. Was immer hier geschildert wird, unterliegt einem Sog des Verfalls, beim Spaziergang stößt der Alte auf gestrandete Existenzen, aggressive Jugendliche, einen räudigen Fuchsschwanz, "all die Dinge, die niemand sehen wollte, die er selbst früher übersehen hat". Das (samt Metzgerei!) ererbte Haus erweist sich also tatsächlich als eine Art Sehbehelf, ein unwillkommenes Instrument zur Schärfung des Blicks.

Schade nur, dass die Autorin uns auf Offensichtliches auch noch extra hinweist: Der Mann, der sich für den Tod eines Gefangenen an der Ostfront verantwortlich fühlt und versucht, nun wenigstens diesen einen in seinem Haus zu retten (wenn er ihn sich denn nicht überhaupt nur einbildet), der muss natürlich ständig auf Zeichen der Verdrängung stoßen, es "beunruhigt" ihn, im abgesplitterten Lack "durch die Schichten verschiedener Anstriche hindurchblicken zu können wie durch Jahrzehnte, bis auf den Grund". Denn, noch deutlicher: "Ich will nicht bis auf den Grund sehen." Und die Kälte in einem Kühlhaus wird auch noch erklärt als "die Entsprechung" für "eine andere Kälte, die jahrzehntelang in seinem Innern geherrscht hatte".
Reizvoll ist gleichwohl Pareis Versuch, den Komplex von Terror und Schuld, von der Wehrmacht bis zur RAF, auf der Bühne eines sprunghaften Bewusstseins als Simultanveranstaltung der Geschichte erscheinen zu lassen, sich (wie es Javier Marías in "Schwarzer Rücken der Zeit" vorexerziert hat) in der Zeit als der "vierten Dimension" zu bewegen, in der nichts vergangen und niemand tot ist.

Daniela Strigl in FALTER 42/2005



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