Die Zugereisten. Roman / Die Zugereisten 2....

Lojze Kovacic


Ein Odeur von Orang

Im zweiten Teil seines Jahrhundertbuches "Die Zugereisten" erzählt Lojze Kovacˇicˇ vom Zweiten Weltkriegs.

Was bisher geschah: Der Vater von Lojze Kovacˇicˇ, ein ebenso fleißiger wie in Lebensfragen unbeholfener, mit einer Deutschen verheirateter Kürschner aus Jugoslawien hat es zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Fremdarbeiter in Basel zu Wohlstand gebracht. Aus falschem (National-)Stolz lehnt er aber die Schweizer Staatsbürgerschaft ab. Das bereut er 1938, als die Familie "ausgeschafft" und zur Rückkehr nach Slowenien verdammt wird. Anstelle mit einem Schweizer Pass in Händen den Zweiten Weltkrieg von einem sicheren Logenplatz aus zu betrachten, beginnt für seine Familie ein karges Leben in der fremden "Heimat", wo sie unter Entwurzelung, materieller Not, unter dem Krieg und der Besatzung leiden.
Slowenien wird von deutschen und italienischen Truppen besetzt, das Territorium zerstückelt: Oberkrain und die Kärntner und steirischen Gebiete fallen ans Deutsche Reich, Prekmurje an Ungarn, die Unterkrain und Ljubjljana an Italien. Nach dem Sturz Mussolinis wird die Region 1943 deutschen Kommando unterstellt. Unter der Führung der Kommunisten kämpfen Partisanen gegen die Besatzer. Im Leben von Bubi, wie der kleine Lojze genannt wird, bilden Terrorakte, Kämpfe zwischen Italienern und den "Banditen im Wald" oder "Roten" und "Weißen", Erschießungen, Stiefelgetrampel marschierender Deutscher sowie die stete Propaganda der einen wie der anderen Seite die dröhnende Kulisse für eine ausklingende Kindheit und die Jahre der Pubertät.
Dabei geht es in Ljubljana 1941 – und hier setzt der zweite Band der Trilogie "Die Zugereisten" ein – noch recht fidel zu. Die italienischen Soldaten haben bei der jüngeren Weiblichkeit keinen schlechten Stand und beglücken diese in Durchhäusern, in Baubaracken und in den Logen des "Sloga-Kinos", wo sie neben "feuchten weißen Olagummis" ein Odeur nach "Orang-Utans, Heringen und Affen" hinterlassen. Auch kochen die Mussolini-Soldaten Spaghetti, die sie an die Kinder verteilen.
So weit, so schön. Doch die (etwas) besseren Zeiten gehen vorüber und die Geschäfte des tuberkulösen Vaters den Bach runter. Irgendwann ist seine Lebenskraft gebrochen. Bubi und Schwester Clairi kaufen ihm mit dem letzten Geld einen einfach gezimmerten Sarg. Zuvor hat der Vater noch einmal die entscheidende Wende beschworen, indem er die Familie vor einem deutschen Ambulanzzug aufmarschieren lässt, wo sie sich vor der geplanten Übersiedlung in das Mutterland einem medizinischen Eignungstest unterzieht. Menschenmaterial wird dort selektiert, vermessen und je nach Tauglichkeit als neuer Bürger des Deutschen Reichs akzeptiert oder aussortiert. Obwohl alle Familienmitglieder die Prüfung bestehen, ist es ausgerechnet die Mutter, die wegen der demütigenden Prüfungsprozedur nicht mehr heim ins Reich will.

So bleibt Lojze in Slowenien, wo er seine Talente entdeckt. Er malt Bilder für ein Kinderheim und bekommt dafür etwas zu essen. Er vertieft sich in die Literatur und entwickelt die Gabe zu schreiben, selbst wenn ihm das Slowenische noch im Weg steht. Dennoch taucht er ein in die Literaturzirkel betuchter Bohemiens, die es in Ljubljana trotz aller Not noch gibt. Für seine erste Veröffentlichung bekommt er 360 Lire. Damit kann er die ausstehende Miete von drei Monaten, den Strom und ein paar Grammeln bezahlen.
In einer stakkatoartigen Sprache reiht Kovacˇicˇ Alltagsskizzen eines Heranwachsenden aneinander, deren Detailreichtum vor dem Hintergrund der Vierzigerjahre zu einem makrosozialen Ganzen und einem historischen Gemälde verschmelzen. Slowenische Literaturkritiker wählten die Trilogie zum "Roman des 20. Jahrhunderts". Das scheint bis zur letzten Konsequenz stimmig. Auf Slowenisch erschien sie bereits vor mehr als zwanzig Jahren, als die Welt noch klar in Ost und West getrennt war und niemand an eine Übersetzung dachte. Nun ist das Interesse erwacht. Zu spät, denn Lojze Kovacˇicˇ ist am 1. Mai 2004 verstorben. Dabei hätte er wohl noch viel zu erzählen gehabt.

Edgar Schütz in FALTER 42/2005



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