Alfred Polgar. Eine Biographie

Ulrich Weinzierl


Der Schwierige

Ulrich Weinzierl durchleuchtet das geheime Privatleben Hugo von Hofmannsthals:
Nahaufnahmen eines zerrissenen Charakters.

Als Hugo von Hofmannsthal der Schlag traf, hatte er Zylinder und Handschuhe in der Hand. Der Dichter war auf dem Weg zum Begräbnis seines älteren Sohnes Franz, der sich zwei Tage zuvor erschossen hatte. "Das passt doch gar nicht zu uns", soll Hofmannsthals Tochter Christiane gesagt haben. "Das ist doch wie ein Atridenschicksal!"
Tatsächlich stellt man sich das Leben Hugo von Hofmannsthals (1874–1929), das so tragisch endete, eher als feinsinniges Gesellschaftsstück im Stil seiner Komödie "Der Schwierige" (1918) vor. Aber war es so? In den Aufzeichnungen des Schriftstellers findet sich die programmatische Notiz "Verbirg dein Leben", in seinen Werken bleibt er weitgehend unsichtbar. Wie war Hofmannsthal? Der Wiener Germanist Ulrich Weinzierl hat die mühevolle Arbeit auf sich genommen, das Geheimnis zu lüften. In Hofmannsthals umfänglicher Korrespondenz (über 10.000 Briefe sind bekannt!) und zeitgenössischen Dokumenten fahndete er nach "Skizzen zu seinem Bild" (so der Untertitel).
Das Ergebnis fällt, bei allem Respekt, nicht nur schmeichelhaft aus. Hässliche Worte wie "Kriegsgewinnlertum", "Verlogenheit", "Taktlosigkeit" oder "Sadismus" hätte man in Zusammenhang mit dem noblen "Grafen von Rodaun" nicht unbedingt erwartet. Weinzierl zeichnet das Bild eines von inneren Widersprüchen zerrissenen Menschen. Hofmannsthals jüdische Wurzeln etwa – sein Großvater väterlicherseits war als Jude geboren – waren einerseits Anlass für antisemitische Ressentiments gegen den "reichen Juden"; gleichzeitig haben sie Hofmannsthal nicht daran gehindert, selbst gegen "ein gewisses intellectuelles Wiener Judenmilieu", "diese Mollusken- und Parasitenwelt" zu hetzen. Anderes Beispiel: Hofmannsthal, der selbst nicht frei von homoerotischen Anfechtungen war, wettert gegen "Herren von der Oscar-Wilde-Veranlagung".
Wenig ruhmreich gestaltete sich auch Hofmannsthals militärische Karriere. Er hatte es bei der Kavallerie bis zum Leutnant der Reserve gebracht, 1912 aber unklugerweise den Dienst quittiert, weshalb ihm bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs der Einsatz als "Kanonenfutter" drohte. Kaum eingezogen, schrieb Hofmannsthal verzweifelte Briefe nach Hause und wurde dank Protektion alsbald vom Truppendienst befreit. Peinlich daran war vor allem, dass er danach dennoch den Helden spielte. "Für mich war es schon zeitweise eine wahre Marter, nicht mit in der Front zu sein", klagte Hofmannsthal in einem Schreiben an eine Freundin scheinheilig.
Karl Kraus verhöhnte ihn in der Fackel als "eines der hervorragendsten Beispiele aus der Armee von Literaten, die zur Verherrlichung von Ereignissen ausgesendet werden, welche sie um keinen Preis erleben möchten". Auch auf seine Schriften, in denen er damals etwa von der "Poesie der Bauernsöhne" schwärmte, hatte das schlechte Gewissen katastrophale Auswirkungen. "Verstörend wirkt, neben den Ausflügen ins Aberwitzige, Hofmannsthals damalige Neigung, Brokatprosa zu produzieren", konstatiert Weinzierl trocken.
Allerdings hat Hofmannsthal in den Kriegsjahren auch an seinem meisterlichen Stück "Der Schwierige" geschrieben. "Vielleicht hätte ich die Gesellschaft, die es darstellt, die österreichische aristokratische Gesellschaft, nie mit so viel Liebe in ihrem Charme und ihrer Qualität darstellen können als in dem historischen Augenblick, wo sie sich leise und geisterhaft ins Nichts auflöst, wie ein übriggebliebenes Nebelwölkchen am Morgen", schrieb er an Arthur Schnitzler.
Hugo von Hofmannsthal war, daran besteht kein Zweifel, ein altösterreichischer Gentleman vom Scheitel bis zu Sohle. "Hofmannsthal war der letzte und große Repräsentant des jungen Herrn, wie Franz Josef der letzte wirkliche Kaiser war", befand Felix Salten. "Er war der vornehmste Mensch, dem ich begegnet bin", erinnerte sich Jakob Wassermann. "Er war vornehm geboren." Beim Abendessen in Rodaun bei Wien (heute Teil des 23. Bezirks), wo die Hofmannsthals seit 1901 einen Trakt des barocken "Fuchsschlössels" bewohnten, herrschte Frackzwang; ein nach der Uraufführung von "Ariadne auf Naxos" 1912 in Stuttgart angesetztes Premierenbankett ließ den Librettisten erbleichen. "Ich meinerseits weigere mich schon heute, einen Abend, an den die Erinnerung mir kostbar sein soll, in der Intimität von Zeitungsschmierern und Stuttgarter Spießbürgern zuzubringen, die Ihnen und mir beim Champagner das Du antragen", schrieb er an Richard Strauss. "Ich bin ein sehr freidenkender Mensch, aber beim Sozialen hört bei mir der Spaß auf."

Ulrich Weinzierl, 51, ist Feuilletonkorrespondent der Welt und schreibt alle zehn Jahre ein Standardwerk über einen Wiener Autor der klassischen Moderne (bisher erschienen: Alfred Polgar, 1985; Arthur Schnitzler, 1994). Als Verfasser einer Hofmannsthal-Studie scheint Weinzierl auch deshalb prädestiniert, weil er der letzte Sir unter den Wiener Kritikern ist; neumodischen Autorenpflichten wie Interviews verweigert er sich aus Prinzip. Gerne würde man ihn etwa fragen, warum auch er die große Hofmannsthal-Biografie, die es merkwürdigerweise noch nicht gibt, nicht geschrieben hat. Je besser man seinen Hofmannsthal zu kennen meint, desto mehr wird man Weinzierls gestochen scharfe Nahaufnahmen zu schätzen wissen. Sein Buch hat weder Chronologie noch Vollständigkeit im Sinn; Hofmannsthals Werke spielen darin nur insofern eine Rolle, als sie biografisch von Belang sind – also kaum. Andererseits erscheint der skizzenhafte Charakter des Buchs einem Autor angemessen, der auch als Meister des fein ziselierten Fragments bekannt ist.
Der umfangreichste Teil des Buches ist dem "Genie der Freundschaft" gewidmet. Wie viel Zeit und Gefühl der Autor in seine Freundschaften investiert hat, ist beeindruckend; die umfangreiche Korrespondenz spricht hier im wahrsten Sinn des Wortes Bände.
Mit Hofmannsthal befreundet zu sein, war allerdings nicht immer ein Honiglecken. "Er neigte mit beunruhigender Regelmäßigkeit dazu, mehr oder minder Nahestehende zu brüskieren", fasst Weinzierl zusammen. Auf einer Griechenlandreise mit seinem Freund Harry Graf Kessler (1868–1937) stierlte Hofmannsthal in dessen Reisetasche, in der sich offenbar homoerotische Schriften befanden; in einer "peinlichen und grotesken Szene" (Kessler) entschuldigte er sich unter Tränen für den Fehlgriff. Einen irreparablen Riss erlitt die Freundschaft, als Hofmannsthal sich an die gemeinsame Arbeit am "Rosenkavalier" nicht mehr erinnern wollte und Kessler mit einer Widmung in der Buchausgabe abspeiste. "Ich glaubte, er war mein Freund", sinnierte Hofmannsthal später über die erkaltete Beziehung. "Etwas trat dazwischen." Kommentar Weinzierl: "Könnte es sein, dass Hofmannsthals Charakter dazwischentrat?"
Ein schwieriger Charakter, den Arthur Schnitzler in einer Tagebuchnotiz von 1910 so zusammenfasste: "Hugo war sehr amusant, boshaft, liebenswürdig, falsch – wie meist."

Wolfgang Kralicek in FALTER 42/2005



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