Kunst und Revolution. Künstlerischer Aktivismus im langen 20. Jahrhundert

Gerald Raunig


Widerstand in Österreich

Äußerlich sieht das Buch aus wie einer der vielen, leicht drögen Politologiesammelbände, in denen meist viel Wahres und selten etwas Überraschendes zu lesen ist. Wie angenehm hebt sich der Sammelband "Politische Kultur in Österreich 2000–2005" von solchen Vorlagen aber ab, wenn man in die Essays und Aufsätze hineinliest. Akademische Rücksichtnahme ist die Sache der Autoren fürwahr nicht – allen voran nicht von Herausgeber Nikolaus Dimmel, Professor an der Universität Salzburg, und Josef Schmee, Mitarbeiter der Arbeiterkammer. Ihr Urteil über fünf Jahre Wende fällt entsprechend pointiert aus: Neoliberalismus gepaart mit autoritärer, postfaschistischer Vulgarität. Neben Konrad Paul Liessmanns schon bekanntem Traktat "Der Reformgeist" finden sich Essays und Studien – darunter wahre Preziosen – über die Strafrechtsreform, den Club Jörg, über die "Marke Ich" (i.e. KHG) bis hin zur immer erwünschten, meist vermissten "Zivilcourage".

Erschienen im leicht zu übersehenden Eigenverlag der linken Zeitschrift Grundrisse, findet Robert Foltins Buch über die Geschichte aller österreichischen rebellischen Bewegungen und Zirkel seit der Halbstarkenära der Fünfzigerjahre leider erst nach und nach seine Leser. Es wären ihm mehr zu wünschen. Der Autor ist in der autonomen Szene der Achtzigerjahre aufgewachsen, was ihm weder nicht den Blick verstellte und ihm die Ironie nahm. Auch der in der hiesigen Protestkultur bewanderte Leser erfährt in "Und wir bewegen uns doch", was er vielleicht irgendwie wusste, aber bisher nicht so klar sah: Wie sich auch hierzulande Generationen und Kulturen konstituierten, die heute noch wirksam sind. Schließlich ist das Buch, das einen Bogen von 68ern über die Arena- und Anti-AKW-Bewegung bis zur Pop-Linken und den No Globals spannt, auch ein theoriesattes Traktat über die Transformation der Linken in den vergangenen fünfzig Jahren – und damit eine Art von Geschichtsschreibung, die sich von Erbsenzählerei angenehm abhebt und nicht im österreichischen Saft brät.

Gerade in Österreich lagen Rebellion und Kunst seit jeher nahe beieinander. Kein großes J'accuse in den vergangenen Jahrzehnten, bei dem nicht "die Intellektuellen" (worunter man hierzulande zunächst meist Literaten versteht) besonders vernehmbar waren. Und für die letzte Revolution sorgten hierzulande die Wiener Aktionisten. Kaum ein Satz, der den Begriff Kunst enthält, in dem diesem nicht das Wort "kritisch" vorangestellt wird. Nur, solche Sätze sagen sich mit feuilletonistischer Lässigkeit leicht, aber was bleibt davon, wenn man sie etwas strenger durchdenkt? Dieser Frage geht Gerald Raunig, bekannt kritischer Kopf im Umfeld von IG-Kultur, Depot und Netbase, in seinem neuen Buch "Kunst und Revolution" nach. Kritisch, versteht sich.

Robert Misik in FALTER 42/2005



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