Ministerium der Schmerzen

Dubravka Ugresic, Barbara Antkowiak, Klaus Wittmann


Hinter der Muttersprache

Im "Ministerium der Schmerzen" sortiert Dubravka Ugrešić die Biografie- und Erinnerungsbruchstücke ihrer ehemaligen Landsleute aus.

Als Spurenleserin im Müllhaufen der Geschichte geht die 1993 im nationalistischen Tudjman-Kroatien zur Emigration gezwungene Literaturwissenschaftlerin und Autorin Dubravka Ugrešić Verletzungen nach, die der jugoslawische Krieg den in der Diaspora lebenden Vertriebenen zugefügt hat. Die Mischung aus Essay und Erzählung, die die Literatur dieser Schriftstellerin auszeichnet, ist den prekären Erfahrungen der Exilwirklichkeit angemessen, über die Ugrešić' Figuren nicht als ein Ganzes verfügen. Schon die Titel von Dubravka Ugrešić' Büchern verweisen auf das Ineinander von Fakten und Fiktionen, darauf, wie die große (Gewalt-)Geschichte und die individuellen Erinnerungen und Empfindungen auseinander driften oder kollidieren: "My American Fictionary" (1994), das "Museum der bedingungslosen Kapitulation" (1998) und nun "Das Ministerium der Schmerzen".
Die Icherzählerin, Tanja LucicŽ, ist selbst Emigrantin und unterrichtet Mitte der 1990er-Jahre "serbokroatische Literatur" an der Universität Amsterdam. Das heißt, sie unterrichtet die verschiedenen Literaturen Exjugoslawiens im Zusammenhang, sie begreift und vermittelt sie als unterschiedliche Ausdrucksformen eines Ganzen, wie immer dieses auch zu definieren sein mag. Dabei hat ihr Fach ein Ablaufdatum, wie es jener gemeinsame Staat Jugoslawien hatte, dessen Phantomgestalt die Exilanten ironisch als "Juga", als "Titoland" oder "Titanic" bezeichnen. In Zukunft sollen, aufgeteilt auf verschiedene Universitäten, die kroatische, serbische, bosnische, montenegrinische und mazedonische Literatur getrennt unterrichtet werden. Das ist ebenso absurd wie die Teilung des Serbokroatischen in drei Sprachen. "Die ‚neuen' Sprachen", sagt Tanja, "interessierten mich nicht sehr, und ich dachte gar nicht daran, sie wegen fünfzig abweichender Vokabeln voneinander zu trennen".
Zu den stärksten Passagen des Buches gehören die Beobachtungen zur "Muttersprache". Tanjas Schüler sind auch in ein sprachliches Niemandsland geraten: "Ihrer ‚problematischen' Muttersprache fügten sie jetzt außer mangelhaftem Englisch auch noch mangelhaftes Holländisch hinzu." "Hinter dem Kroatischen, Serbischen und Bosnischen stehen paramilitärische Banden", erklärt die Dozentin für serbokroatische Literatur ihren Schülern.
Die jungen Leute hat es nach Amsterdam getrieben, weil es hier für einige Zeit relativ leicht war, ein Visum zu bekommen, zumal für Studenten. Sie sind Kriegsflüchtlinge aus den verschiedensten Gründen; was sie verbindet, sind sentimentale Erinnerungen an ein Land, das es nicht mehr gibt, und traumatische Erfahrungen von Krieg und Gewalt. Einer von Tanjas Studenten begeht Selbstmord, weil sein Vater als Kriegsverbrecher vor dem Haager Tribunal steht. Es entsteht eine enge wechselseitige Beziehung zwischen den Schülern und ihrer nur um weniges älteren Lehrerin.
Anstelle eines konventionellen Literaturgeschichtskurses legt Tanja ihren Unterricht als psychopolitisches Experiment an. Sie funktioniert ihre Stunden zu "jugonostalgischen" Veranstaltungen um, zu einer Art jugoslawischem "Wickie, Slime und Paiper" mit ernstem therapeutischem Hintergrund: Die Studenten sind aufgefordert, ein Requisit oder eine Erinnerung zu beschreiben, das den gemeinsamen jugoslawischen Alltag prägte. Wer sein Land, seine Heimat, seinen Staat unfreiwillig verlassen musste, für den spielen Medien der Erinnerung eine ganz andere Rolle als für die Daheimgebliebenen. Fotos, Notizbücher und Tagebuchaufzeichnungen oder sentimentale Souvenirs gewinnen existenzielle Bedeutung.
Eine der Studentinnen beschreibt jene rot-weiß-blau gestreifte Plastiktasche, in der die im Westen gestrandeten Emigranten aus Osteuropa ihre Flohmarktutensilien, ihre billige Schmugglerware oder auch die geretteten Habseligkeiten durch die Welt schleppen. Diese Tasche gerät zur Metapher für den emotionalen Ballast und den emotionalen Proviant, den sie immer mit sich führen. In einem Kapitel wechselt der Roman zum kollektiven "Wir"; der Abschnitt ist eine präzise und zugleich poetische Beschreibung der heruntergekommenen Vorstädte, in denen die "Menschen unseres Stammes" leben, ihrer Zeichen und Verhaltensweisen, die sie von den "anderen" unterscheiden: "Wir sind Barbaren (...). Wir reisen in den Westen und kommen immer im Osten an."
Aufgrund einer Denunziation ändert sich Tanjas Unterricht. Sie paukt nun Literaturgeschichte, die Gruppe verliert sich. Neben einigen wenigen anderen bleibt nur Igor übrig. In der Auseinandersetzung mit diesem Zyniker, der trotzdem auf ein erlösendes Zeichen von seiner Lehrerin wartet, profiliert sich nicht nur die Geschichte der Erzählerin. Das Verhältnis der beiden wird zum sadomasochistischen Albtraum, in dem das Trauma Exjugoslawien und Balkankrieg in den intimsten Innenräumen gezeigt wird. Die "Wahrheit" ist weder auf Tanjas noch auf Igors Seite, sie ist buchstäblich nur schmerzhaft. Die Pointe des Titels besteht darin, dass das "Ministerium der Schmerzen" ein ironisches Zitat von Studenten ist, die für einen holländischen "S&M"-Versand in einer Pornoschneiderei Utensilien zusammennähen. Dieser Versand beliefert auch einen Klub, der "Ministry of Pain" heißt. "Schönere" und treffendere Titel gibt es selten.

Man kann vergessen, verdrängen oder versuchen, das Erlittene zu bearbeiten, spielerisch, diskursiv, in der Auseinandersetzung mit den anderen "Unsrigen", wie sich die Leute aus Exjugoslawien nennen. Man kann das aber auch alles für hoffnungslosen Sentimentalismus halten wie der kroatische Architekt, den Tanja auf dem Flug von Zagreb nach Amsterdam kennen lernt. "Die Menschen sind nicht fürs Unglück geschaffen", meint dieser, deswegen erfinden sie sich Surrogate. In der Ökonomie des Unglücks wiegt dann der Tod von Elvis Presley schwerer als "die Zerstörung der Bibliothek in Sarajevo oder die Ermordung der Moslems in Srebrenica". Die Erzählerin sieht eine neue Generation von Migranten heranwachsen, "transitorische Mutanten", ein starkes künftiges Heer von ehrgeizigen "Fachleuten für Kulturmanagement, für Katastrophenmanagement (...), für das Management des Lebens". Davon sind Tanjas Schüler noch meilenweit entfernt. Ob das ein Glück oder Unglück ist, bleibt unentschieden und steht vielleicht in einem der nächsten Bücher von Dubravka Ugrešić.

Bernhard Fetz in FALTER 42/2005



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