Neue Leben

Ingo Schulze


How the West Got Lost

Ingo Schulze begibt sich in seinem voluminösen Briefroman "Neue Leben" in die Zeit vor der Wende und zeigt, wie mit dem Osten auch der Westen
verloren ging.

In der kleinen, wenig beachteten Erzählung "Mr. Neitherkorn und das Schicksal" setzte Ingo Schulze sich mit der schwierigen Frage auseinander, ob es so etwas wie ein Schicksal gebe. "Schicksal ist schlicht das Leben, das man ändern müsste. Aber das kommt selten vor", hieß es dort. Jetzt legt er, nach siebenjähriger Arbeit, ein opulentes Werk vor, in dem er die Veränderung des Lebens auf der großen historischen Bühne untersucht. "Neue Leben" heißt dieser gewaltige Roman in Briefen, der in der ersten Hälfte des Jahres 1990 spielt, also in der Epoche, in der die Bewohner eines ganzen Landes aufgefordert waren, ihre Lebensentwürfe zu revidieren.
In "Simple Storys" und "33 Augenblicke des Glücks" erzählte Ingo Schulze Geschichten aus der Nachwendezeit. Jetzt traut er sich erstmals, auch von der Vorzeit zu erzählen, als der Osten noch der Osten war. Rund 800 Seiten braucht er, um den Stoff, den diese biografische und weltpolitische Zäsur bietet, auszuloten. Kein Abschnitt dieser anekdotenreichen und lebensprallen Geschichte ist langweilig. Schulze schafft es, von Brief zu Brief Spannung und einen großen epischen Bogen aufzubauen. Man will wissen, wie es mit diesem Enrico Türmer weitergeht, dessen Name nach Fluchtbereitschaft, Hochstapelei und sakralem Eremitendasein klingt.
Man wird diesen vorsichtigen, aus dem Abseits beobachtenden Helden – eine Art Alter Ego Schulzes, dessen Lebensstationen denen des Autors entsprechen – nicht mehr vergessen. In langen Briefen an drei verschiedene Adressaten gibt er Auskunft über sein Leben und seine Wandlungsfähigkeit. Damals, so sagt Schulze, sei der Drang, sich mitzuteilen, ein verbreitetes Bedürfnis gewesen: "Die ganze Welt erzählt in Richtung Westen, am liebsten würde man sich doch der New York Times erklären."
Türmer erklärt sich der westdeutschen Fotografin Nicoletta Hansen, die er zunächst schwärmerisch umschmeichelt, dann aber bloß noch als Medium benutzt, das ihn zum Sprechen bringt. Diese Briefe reichen von der Kindheit und Schulzeit im gutbürgerlichen Dresden über die Militärzeit bei der NVA in Oranienburg im Jahr 1981 und das Studium in Jena bis zur Arbeit als Theaterdramaturg im thüringischen Altenburg und bis in die Wendezeit hinein. "Eigenartigerweise sind Sie der einzige Mensch, dem gegenüber ich mich frei fühle, von meiner Vergangenheit zu sprechen und zu erklären, warum ich so geworden bin, wie ich bin", schreibt Türmer in altertümlich gewundenem Stil. Er wirkt wie ein Vertreter des frühen 20. Jahrhunderts, eine Nachfahre Musils oder Thomas Manns. "Neue Leben" steht in der Tradition des Künstlerromans und variiert den klassischen Konflikt zwischen Künstler- und Bürgertum im DDR-Ambiente.
Parallel dazu setzt Türmer seinen Jugendfreund Johann von den alltäglichen Ereignissen im Frühjahr 1990 in Kenntnis. Am Theater hat er gekündigt, um sich der Arbeit in der Redaktion einer bürgerbewegten Wochenzeitung zu widmen, die aber rasch zu einem Anzeigenblatt mutiert. Türmer begreift, dass die Ökonomie über das Politische dominiert. Die Bilanzen ersetzen die Ideologie. Hier beginnt das "neue Leben", und so ist es kein Zufall, dass auch die Liebesbeziehung des Protagonisten mit der Schauspielerin Michaela in die Brüche geht. Dazwischen stehen eher kurze Briefe an die Schwester Vera, die von familiären Dingen handeln und damit gewissermaßen von Kontinuität und bleibenden Zusammenhängen.
Doch damit nicht genug. Schulze erfindet einen fiktiven Herausgeber namens "Ingo Schulze", der Türmers Briefe Jahre nach dessen unfreiwilligem Abgang aus Altenburg sammelt und kommentiert. In seinem Vorwort ist zu erfahren, dass Türmer die Stadt Ende 1997 fluchtartig verlassen hat und enorme Schulden zurückließ – ein Fall, der an die spektakuläre Pleite des Immobilienmaklers Jürgen Schneider erinnert. Im Anhang stehen dann ein paar Erzählungen und Novellen des verschwundenen Helden. Schulze konnte damit seine eigenen Annäherungen ans Thema als Schreibversuche Türmers aus DDR-Zeiten ausgeben. Türmer benutzt sie nun als Manuskriptblätter, auf deren Rückseite er seine Briefe schreibt – seine Lebenserzählung und die literarischen Versuche sind also ineinander verschränkt; die Literatur ist die Folie des Lebens – und umgekehrt.
Diese Verknüpfung ist der eigentliche Clou des Brief- und Prosakonvoluts. Enrico Türmer, 1961 geboren und damit ein Jahr älter als sein Autor, hat sich stets als Schriftsteller imaginiert. Die Entdeckung des Lesens und die ersten Schreibversuche – einschließlich FDJ-Poetenseminar – nehmen in seinen Erinnerungen breiten Raum ein. Er träumte davon, mit seinem ersten Roman in der DDR in Ungnade zu fallen und im Westen als Dissident gefeiert zu werden. Diese Erwartung machte ihm das Leben in der DDR erträglich, ja geradezu kostbar. Jede Demütigung verwandelte sich in Material für den zukünftigen Ruhm. Den Dienstantritt bei der Armee kommentiert er mit dem Satz: "Bevor ich meine Fundstücke präsentieren konnte, musste ich hinab in die Unterwelt und mich umsehen."

Die DDR war eine dichotomische Welt. Die kommunistische Ideologie versprach eine rosarote Zukunft, die es wert sei, die Mängel der Gegenwart zu erdulden. In den realen Hoffnungen der Menschen aber rückte der Westen an die Stelle dieses religiösen Jenseits. Dort drüben war Erlösung zu erhoffen, wenn es im eigenen Land nicht mehr weiterging. Massenhaft rannte die DDR-Bevölkerung im Herbst 1989 diesem Glauben hinterher. Doch paradoxerweise war damit nach der Öffnung der Grenzen Schluss: Mit dem Osten verschwand der zugehörige Westen. Auch Enrico Türmers Ost-West-Karrieremodell zerplatzt. Ein erster, in filigraner Beobachtungsgenauigkeit notierter Westberlinbesuch trägt maßgeblich dazu bei. "Es ist ungewohnt, ohne Zukunft zu leben", meint Türmer jetzt.
Erst nachdem er sich von seinen Künstlerträumen verabschiedet hat, kann er sich auf die neue Zeit einlassen und entdeckt eine Gegenwart, die so aufregend ist wie nichts zuvor. Es ist ein glücklicher Einfall Ingo Schulzes, eine Zeitungsredaktion zum Mittelpunkt der Handlung zu machen. Nirgendwo sonst wäre einer besser aufgehoben, der einmal Schriftsteller sein wollte und sich nun als Geschäftsmann entpuppt. Nirgendwo ließe sich der Kosmos der Altenburger Provinzwelt besser entfalten, ließe sich in alle Geschäfts- und Gesellschaftsbereiche hineinblicken. Altenburg, schon in "Simple Storys" Ort des Geschehens, ist mit "Neue Leben" endgültig zu einer Hauptstadt der deutschen Literatur geworden.

Jörg Magenau in FALTER 42/2005



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