Pink Moon

Frank Goosen


Endlich traurig!

Die Kabarettisten Horst Evers und Frank Goosen können auch anders – lustig ist es trotzdem.

Horst Evers und Frank Goosen haben viel gemeinsam. Beide wurden Mitte der 1960er-Jahre in recht flache nord-(west-) deutsche Landschaften geboren, der eine in Niedersachsen, der andere in Bochum. Beide sind schreibende, vielfach preisgekrönte Kabarettisten. Goosen trat einst im Duo "Tresenlesen" republikweit auf und geht auch heute noch auf Tournee, überwiegend alleine. Horst Evers ist ein Urgestein der Berliner Vorlesebühnen – bekannt vor allem durch den legendären "Frühschoppen" und das "Mittwochsfazit" – und beehrt seit 2001 mit Soloprogrammen auch den Rest der Republik.
Diese Programme heißen zum Beispiel "Evers erklärt die Welt", wobei der Titelheld aus seiner bescheiden möblierten Wohnung oder deren näherer Umgebung erzählerisch oft nicht hinaus kommt. Das macht aber nichts. Denn Evers hat die seltene Gabe, am Küchentisch die große Welt zu finden. Das heißt: Er schreibt von seinen (unseren) Wehwehchen, den täglichen kleinen Niederlagen und schüchternen Triumphen. Und darin spiegeln sich hin und wieder die wirklich existenziellen Probleme: "Im letzten Jahr war ich auch ständig kaputt, bin am liebsten einfach nur so rumgelegen. Weiß auch nicht, war halt so. Gibt so Jahre. Obwohl, manchmal war ich auch nicht kaputt, aber meistens hab ich mich dann einfach trotzdem hingelegt, weil ich dachte: ‚Ach, wennde erst mal liegst, kommt das Kaputtsein schon von ganz allein.'"
Wenn er so etwas auf der Bühne mit treudoofem Blick und prägnant fliehender Stirn vorträgt, ist es noch witziger. Vielen seiner rhythmischen, immer wieder gekonnt ins Umgangssprachliche abdriftenden Texte merkt man an, dass sie bühnenerprobt sind.

Wenn Horst Evers so etwas ist wie die schnoddrige Ausgabe von Max Goldt, dann wirkt Frank Goosen wie der deutschsprachige Nick Hornby – und das nicht nur optisch. "Pink Moon" ist seine vierte Veröffentlichung und seine am wenigsten witzige. Was aber kein Vorwuf sein soll. Im Gegenteil. Seine frühen Texte hangelten sich mit pubertärem Augenaufschlag durch diverse Alltagsprobleme, spielten häufig im problematischen Jungmannesalter und konnten manchmal durchaus etwas albern werden. Je älter Goosens Protagonisten werden, desto ernsthafter wird dessen Tonfall, umso ruhiger der Gestus und tiefgründiger die erzählten Geschichten.
Der neueste Held heißt Felix, ist um die vierzig und stiller Teilhaber an einem gut gehenden Lokal namens Pink Moon. Ihm geht es gut, arbeiten muss er nicht viel, die Probleme haben eigentlich immer nur die anderen: sein seltsamer Nachbar (Leben), sein Freund (Ehe), seine Ex (Geld). Doch halt – eine Sache beunruhigt ihn: Er glaubt, seinen Vater gesehen zu haben, von dem er seit Jahren angenommen hat, dass der tot sei. Zumindest hatte ihm das seine Mutter erzählt. Kennen gelernt hat er seinen Vater nie. Wie überhaupt die Menschen durch Felix' Leben gehen, ohne dabei Spuren zu hinterlassen.
"Pink Moon" ist – trotz einiger urkomischer Szenen, die freilich immer auch einen tragischen Unterton haben – ein eher leiser Roman, voller melancholischer, minimalistischer Dialoge ("Wie warst du als Kind?" "Klein.") und zwischenmenschlicher Katastrophen – Goosens traurigstes und vielleicht deshalb bestes Buch.

Thomas Askan Vierich in FALTER 42/2005



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