Sex, Lies & Pulp Fiction. Hinter den Kulissen des neuen amerikanischen Films

Peter Biskind, Fritz Schneider, Gunter Blank


Independent goes Mainstream

Die Brüder Weinstein haben das US-Kino der Neunzigerjahre geprägt. Peter Biskind
hat ihnen eine saftige, mehr als 800-seitige Studie gewidmet.

Ursprünglich Schmuddelkinder und mediokre Rucksackverleiher, die als Musikpromoter in Buffalo angefangen hatten, mauserten sich zwei Brüder zu den größten Innovatoren im internationalen Film- und Kinobetrieb der Neunzigerjahre: Harvey und Bob Weinstein. Sie und ihre Firma Miramax waren zwar nicht die Macher des Films, wohl aber die Erfinder des Phänomens "Sex, Lies and Videotape". Sie konfigurierten das System des unabhängigen Films neu. Sie deklarierten Art-Films als Smart-Films, und sie kultivierten einen extrem aggressiven Ansatz beim Aufstöbern und Vermarkten ihrer Filme. In dieser Hinsicht waren sie auch die Paten von "Pulp Fiction", die Herolde von "The Crying Game" und die Oscar-Abräumer von "Shakespeare in Love".
Waren die Siebzigerjahre das Jahrzehnt der Regisseure gewesen, so waren die Neunziger das der Verleiher. Vor Miramax gab es Independentfilme, aber kein Independentkino, und man nannte diese Filme auch Speciality-Films, worin sich perfekt deren Marginalität ausdrückte. Peter Biskinds Buch "Sex, Lies & Pulp Fiction" zeichnet nach, wie das unabhängige Kino, das aus den vielfarbigen Rändern des Filmbetriebs kam, vor allem dank der Chuzpe der Weinstein-Brüder binnen eines halben Jahrzehnts das Zentrum des Mainstream besetzte.
Es wird deutlich, wie unter dem Dach von Miramax Dutzende von Filmemachern aufgebaut und doppelt so viele verschlissen wurden. Harvey Weinstein war schon bald dafür bekannt, dass er sich mit Inbrunst dem tuning von Filmen annahm, die Fälle von "Little Buddha" und "Mr. & Mrs. Bridge" sind dabei nur die bekanntesten. Über den Regisseur Alexander Rockwell ("In the Soup"), der fast daran zerbrach, dass sein Film kaltschnäuzig von einem Rockwell-Film zu einem Produkt Marke Miramax umfrisiert wurde, äußerte sich Weinstein mitleidlos: "Das ist einer von den Typen, denen du die Hand halten musst, wenn du ihnen den Kopf abhackst." Die Story ist verbürgt.
Fakten und Fiktionen sind in "Sex, Lies & Pulp Fiction" dicht ineinander verwoben. Von Oscar Wilde stammt das Diktum: Der Stil macht ein Buch. Biskinds Stil ist so saftig wie bereits in seinem vorangegangenen Werk "Easy Riders, Raging Bulls" und so drastisch, wie ihn seine Hauptdarsteller pflegen. Der Autor ist weniger Chronist als Dramaturg. Er arrangiert Stories zu einem pointierten Epochenporträt des US-amerikanischen Films der Neunzigerjahre.
Peter Biskind spielt auf Risiko, sein Hintergrund: die Kultur einer Kritik, die Subjektivität nicht nur zulässt, sondern fordert. Über weite Strecken liest sich das Buch wie der Plot eines noch zu drehenden Bio-Pics – in der Art von "Aviator" (auch eine Miramax-Produktion). Biskind hat seine Informanten auch befragt, wer ihre Traumbesetzung wäre, wenn sie Harvey Weinstein in einem Film besetzen müssten. Häufig genannt wurden: John Huston, Orson Welles, Marlon Brando. Es lässt sich unschwer ausmalen, dass Miramax mit keinem der Genannten die reine Freude gehabt hätte, geschweige denn diese mit Miramax. Die Tatsache, dass immer wieder Tote genannt wurden, mag auch darauf hindeuten, dass die Weinsteins Vertreter einer ansonsten bereits untergegangenen Spezies sind. Platz eins unter den lebenden Kandidaten nahm übrigens James Gandolfini aus der Fernsehserie "The Sopranos" ein.
1993 hatte Disney Miramax für siebzig Millionen Dollar gekauft. Im März dieses Jahres haben sich die Weinsteins und Disney getrennt. Als Ablösesumme wurden 403 Millionen Dollar genannt, plus künftige Bonuszahlungen für die Brüder. Der Name Miramax verbleibt im Besitz von Disney, die Rechte an den 600 Miramax-Titeln ebenfalls. Da die Originalausgabe von Biskinds Buch bereits im Herbst 2003 abgeschlossen war, ist diese jüngste Entwicklung im Hause Miramax nicht mehr Gegenstand von "Sex, Lies & Pulp Fiction". Als Fazit mag aber gelten, was Ethan Hawke im letzten Kapitel über die Brüder äußert: "Sie waren Segen und Fluch zugleich. Man muss ihnen Anerkennung zollen, weil sie Indiefilmen Sexappeal verliehen haben. Sie haben bewiesen, dass man damit Geld verdienen konnte. Der Fluch ist, dass sie sie zur Ware degradiert haben."

Einer der überraschenden Befunde dieses Buches ist die Tatsache, dass der Independentfilm fast ausschließlich ein Kino von Erstlingswerken ist: "Die Psychologie des amerikanischen Independent-Betriebs hat die Psychologie des Autorenkinos ersetzt", sagt James Schamus, Produzent der Filme von Todd Solondz sowie Ang Lee und damit einer der profiliertesten Konkurrenten von Miramax. Nach vielversprechenden Debütfilmen verschwinden die meisten Regisseure wieder ganz. Nicht mal ein Prozent kann einen Indie-Erfolg als Startrampe für ein luxuriöses Obdach in den Studios nutzen.
"Inzwischen herrscht die gängige Meinung", räsoniert Schamus, "dass man mit 17 oder 18 das Zeug zum Autor hat oder eben nicht. Hätte das für Coppola gegolten, hätte er nie zu dem Coppola werden können, den wir heute kennen. Was hätte er denn mit gerade mal zwanzig Großes schaffen sollen? Und nun wird von einem Jungregisseur verlangt, dass sein Independentdebüt ganz und gar sein Film ist, seinen Stempel trägt. Kaum ist man aus den Windeln heraus, soll man ein großer Künstler sein. Das Ganze hat sich zu einem bösen Witz entwickelt."

Ralph Eue in FALTER 42/2005



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