Die schwangere Madonna

Peter Henisch


Ist da jemand?

Melancholie am Telefon: In den neuen Büchern von Peter Henisch und Michael Köhlmeier wird viel gesprochen, aber nicht immer kommuniziert.

Eine folgenreiche Verwechslung steht am Beginn von Peter Henischs Roman "Die schwangere Madonna". Die Hauptfigur des Buches, ein gewisser Josef Urban, der sich selbst als einen "frei schwebenden" Mitarbeiter des ORF bezeichnet, hat sich schlicht und einfach im Wochenende geirrt: Als er seinen Sohn Max von der Schule abholen will, kommt ihm dieser vor dem Schultor schon mit seiner Mutter entgegen.
Zu einer wirklichen "Szene" wächst sich die Begegnung nicht aus: Eher zart gehaltener Hohn ergießt sich im Vorbeigehen über Urban, einen Menschen, von dem offenbar die ganze Welt – inklusive seiner selbst – annimmt, dass er beruflich und privat seine besten Zeiten lange hinter sich hat. Stehen gelassen von Kind und Exfrau, stößt ihm dann aber doch noch etwas Seltsames zu: Wie von Geisterhand gelenkt setzt er sich hinter das Steuer eines grünen VW-Golf, der vor der Schule parkt und an dem außen der Schlüssel steckt. Zweimal in seinem Leben, so erfahren wir, hat Urban versucht, den Führerschein zu machen, und zweimal ist er dabei gescheitert – weniger aus Unvermögen als aus einem prinzipiellen Widerwillen gegen das Automobil.
Jetzt aber ist es so weit: Urban tritt die Kupplung der eher müden Schüssel, dreht den Zündschlüssel herum, setzt den Blinker, fährt los und legt damit einen reichlich trägen Start für ein literarisches Roadmovie hin, von dem sich auch nach mehreren Tausend gefahrenen Kilometern sagen lässt: Es gehört mit Sicherheit zu den melancholischsten Exemplaren seiner Gattung.
Dabei hat Josef Urban seine "Lolita", jene Triebfeder aller rasanteren Fahrten, von Beginn an mit an Bord. Schon nach wenigen Kurven regt sich unter einem Mantel am Rücksitz ein junges Mädchens mit dem in mehrfacher Hinsicht passenden Namen Maria. Sie wurde vom Religionslehrer der Schule geschwängert und war, als sie in dessen Auto auf ihn wartete, kurz eingenickt. Gegen eine Fortführung der Fahrt mit dem fremden Herrn spricht aus ihrer Sicht nichts: Der Vater ihres Kindes, Wolfgang geheißen, hat sich ihr gegenüber ohnehin wie ein Arsch benommen, und so gönnt sie es ihm, dass er jetzt nach ihr suchen muss.
Die lange Fahrt des ungleichen Paares dauert mehrere Wochen und führt über Venedig, Florenz, Bari, Palermo, Neapel und Rom praktisch durch ganz Italien. Wie sich in vielen stimmungsvollen Details zeigt, kennt sich Peter Henisch dort unten sehr genau aus. Auch das ein oder andere touristische und kulinarische Highlight hat die Reise zu bieten, ehe sich an ihrem Ende Josef Urban allein vor jenem berühmten Gemälde befindet, das der Titel zitiert. "Die schwangere Madonna" des Piero della Francesca ist auch auf dem Cover des Buches abgebildet, in der einen Hand hält die Dame ein Handy, was sich daraus erklärt, dass Maria während der Fahrt eigentlich ständig telefoniert bzw. SMS verschickt und empfängt.
Zwei Männer sind es, mit denen die junge Frau in Dauerkontakt steht. Wolfgang Barlach, der Religionslehrer, nimmt – wie prognostiziert – die Verfolgung auf und wird von Maria immer wieder mit knappen Hinweisen auf ihre Spur gelockt, dabei aber letztlich doch in sicherer Distanz gehalten. Nicht sehr viel besser ergeht es einem jungen Autostopper namens Francesco, den man mitgenommen hat und der – eingehüllt von zahlreichen Short Messages – Maria in ähnlicher Weise umschwirrt. Josef Urban wirkt in dieser Welt heutiger Kommunikationstechnik wie ein Überbleibsel aus den Zeiten des Drahtfunks. Als Maria eine CD von Madonna (!) einlegt, fällt ihm dazu Folgendes ein: "Durch die Nummer ,Like a Virgin' fühlte ich mich sehr ambivalent berührt."
Je länger die Reise dauert, desto unbeholfener wird der Mann. An einer Stelle erklärt er, wie er das verlockende Weib wahrnimmt: "Mit männlichem Blick. Den hab ich nun einmal, warum soll ich ihn leugnen?" Wenig später kommt Reue über die beinahe systematisch verpasste Gelegenheit auf: "Mein Gott, was war ich doch für ein Idiot! Wir waren drauf und dran, auf die schönste Art umzufallen, aber ich hielt uns aufrecht. Wir wären aufs Bett gefallen, die Geldscheine, die noch immer darauf lagen, hätten uns nicht gehindert. Nutz mich, flüsterte der Augenblick sehr vernehmlich, aber ich ließ ihn vorbeigehen."
Geldscheine am Bett und auf ihnen ein verführerisches Mädchen, wechselnde Quartiere und eine ziellose Fahrt, dazu das plötzliche Verschwinden des Wolfgang Barlach und ein Commissario, dem Josef Urban seine Geschichte in der Art einer Verteidigungsrede erzählt, obwohl nicht so recht klar ist, was sich der Mann eigentlich zu Schulden kommen lassen hat. Peter Henisch hat aus all diesen spannenden Elementen einen Roman gemacht, der sich an den Haarnadelkurven seines Themas oft selbst ausbremst und von dem, was er erzählt, stets das freundlichste aller möglichen Bilder zeichnet. Am Ende bleibt dem Autor ein Dank: An die Schülerinnen und Schüler der 7C des BORG 3 für ihre freundliche Beratung in SMS-Fragen.

Michael Köhlmeier hatte eine solche Beratung nicht nötig. In seinen kurzen Prosaskizzen "Nachts um eins am Telefon" erzählt er von Gesprächen mit Fremden und/oder Unbekannten, die sich um diese Zeit nicht lange missverstehen zu brauchen, sondern sich über eines einig sind: die Einsamkeit, aus der heraus sie sprechen. Eine zufällig gewählte Nummer verbindet den Erzähler mit einer Frau in Marburg an der Lahn, wo er selbst einmal gelebt hat. Meist jedoch sind es alte Bekannte, mit denen er spricht. Alte Schulfreunde, darunter die schöne Jetti, die gleich ums Eck wohnt und mit der trotz wechselseitiger Liebesbezeugungen niemals etwas lief. Den Trost bieten in "Nachts um eins am Telefon" eben nicht die Geschichten, die man miteinander hatte, sondern jene, die man sich gegenseitig erzählt.
Für einen so guten Erzähler wie Michael Köhlmeier könnten die Voraussetzungen nicht besser sein, und so präsentiert er sich in diesem Band vielfach auf dem Höhepunkt seiner Kunst. Lyrisch, auf ihr Wesentliches verdichtet, wirken die Geschichten wie eine Flaschenpost aus dem Dunkel der Nacht. Mit wenigen Strichen entsteht eine ganze Familie: "Mein Vater erklärte die Weltlage. Mitten hinein sagte meine Mutter: ‚Erklär mir nicht die Weltlage.'"
Nicht eben schlecht auch jene Story, in der ein alter Freund namens Richard, der Caligula genannt wird und mit seinem dicken Bauch schon lange keinen Bass mehr halten kann, von einem der Highlights seiner amateurhaften Musikerkarriere erzählt. Als Vorgruppe der Spencer Davis Group sei er mit seinen Kollegen dereinst in Berlin aufgetreten, und gedankenverloren habe er nach dem Gig einfach solo weitergespielt. Plötzlich stand hinter ihm die leibhaftige Spencer Davis Group auf der Bühne und begleitet sein "I'm a man" – "ich will umfallen, wenn es nicht wahr ist." Am anderen Ende der Leitung bleibt daraufhin nicht mehr viel zu tun: ",Eine schöne Geschichte', sagte ich und klappte mein Handy zu."

Klaus Kastberger in FALTER 42/2005



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