Feierabend

Norbert Müller


Das große Haarewaschen

Norbert Müller begegnet sowohl der rechten Wende als auch ihren Kritikern mit Hohn und Häme.

Was war 1999 doch für ein verflixtes Jahr! Monatelang versammelte sich das aufrechte Wien auf den Straßen, um gegen die rechte Wende zu protestieren. Das Ticken der Millenniumsuhr verlieh der Vanitas-Stimmung zusätzlich Gewicht. Mit dem Ergebnis, dass es reihenweise zu emotionalen Kurzschlüssen kam.
Im Fall des Event-Managers Robert Feyerabend, den der 1963 geborene Norbert Müller in seinem neuen Roman bei seinem Teufelsritt über die Schwelle zum neuen Jahrtausend begleitet, hilft das Zuviel an Energie auf den Straßen dem in langen Berufs- und Ehejahren aufgestauten Privatfrust sich endlich eine Bahn zu brechen. Was freilich nur den anderen gut bekommen wird, denn wie schon in seinem feurigen Debüt "Der Sorgengenerator" (2004) erzählt der Wiener Autor erneut über die Midlifecrisis eines sympathisch extrovertierten und viel zu gutmütigen Verlierers, der einem fast nichts anderes übrig lässt, als ihn über den Tisch zu ziehen.
Feyerabend ist mit einer schriftstellernden Frau verheiratet, die ihr Ego dank ständiger Verlegerabsagen auf Diät setzen muss. 1999 gelingt ihr zu seinem Unglück der Durchbruch. Feyerabend selbst hat von seiner Firma einen Auftrag übertragen bekommen, der so groß ist, dass die Chefs in Panik und die Kollegen in Feindschaft verfallen. Um ein neues Antischuppenshampoo ganz groß herauszubringen, organisiert er mitten im ersten Winter der blauen Regierungsbeteiligung ein Mediengroßereignis. Auf dem Stephansplatz, so die Idee, sollen Friseurweltmeister Hunderten Kindern aller Hautfarben die Haare waschen.

Norbert Müller wäre nicht Norbert Müller, würde er aus dieser Überforderung seines Helden nicht eine Lebenskrise entwickeln, die den Mann als biologisch und psychisch degenerierte Spezies vorführt, und würde er auf die politische Aufgeregtheit von 1999 nicht mit einer wohldosierten Portion Slapstick reagieren. Auf halber Höhe seines beruflichen Absturzes wird Feyerabend von der FPÖ engagiert, um ihr zwecks Imageaufbesserung auch so ein schönes Multikulti-Event zu organisieren – wobei sich Haiders Mannen bei dem Chaoskonzert, das Norbert Müller anrichtet, erwartungsgemäß blamieren.
Sieben Jahre hat es gedauert, bis das aufrechte Wien endlich den herzerfrischend bösen und unverschämten Roman bekommen hat, den es verdient. Die Political Correctness von damals hat inzwischen freilich Feierabend gemacht.

Martin Droschke in FALTER 42/2005



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