Das Haus der sterbenden Männer

Elisabeth Reichart


Männer – tot und lebendig

Elisabeth Reichart überantwortet ihrer Protagonistin ein Sterbehospiz
für Männer, Irene Prugger schickt ihre Heldin ins triviale Leben.

Viktorias Haus liegt abgelegen. An den Donau-Auen, die ihr selbst oft wie ein Dschungel vorkommen, betreibt sie ein Sterbehilfeinstitut, in das wohlhabende Männer kommen, um ihre letzten Tage, Wochen oder sogar Monate so angenehm wie möglich zu verbringen. Viktorias Krankenschwestern (nur attraktive Frauen!) betreuen ihre Kunden rund um die Uhr, bis sie ruhig entschlummern, die Hausherrin verfolgt deren Sterben auf einem Monitor. Bis eines Tages eine Krankenschwester einen Patienten umbringt und dann sich selbst aus dem Weg räumt.
So erzählt, hört sich Elisabeth Reicharts Roman mit dem nicht unfetzigen Titel "Das Haus der sterbenden Männer" wie ein Sci-Fi-Krimi an – was er aber nicht ist. Man muss fast ein Drittel des an die 400 Seiten starken Wälzers hinter sich bringen, bevor das Sterbehospiz an der Donau ausführlicher beschrieben wird. Man kann die Geschichte auch anders erzählen, etwa so: Treffen sich zwei völlig unterschiedliche Frauentypen – die Solide und die Flatterhafte, die Wahrheitsliebende und die notorische Lügnerin, der Kontrollfreak und die Geheimnisvolle, die Wortkarge und die Geschichtenerzählerin. Durch ihre Begegnung stellt sich die bedeutende Frage: Worin liegt der Nutzen von Wahrheit, worin der von Lüge? "Seitdem ich erlebt habe, wie Antonia sich selbst widersprach, ohne deshalb an sich zu zweifeln, kann ich mich an viel mehr erinnern als zuvor, da alles zur Bedrohung wurde, was nicht verbürgt war", stellt Viktoria erleichtert fest.
Natürlich ist "Das Haus der sterbenden Männer" auch ein Buch der Erinnerung – an die geliebte Großmutter, die verrückt gewordene Mutter und an vielfach vergessene Geschichten, wie jene der sogenannten "Donausklaven", die im 18. Jahrhundert zum Bau des Kanals eingesetzt wurden und vielfach umgekommen sind. Auch da ist sich Reichart treu geblieben, die mit "Februarschatten" (1984) bekannt wurde – einem Roman über Zwangsarbeiter in Oberösterreich. Das Vergangene tritt nicht als reißender, aber doch wie ein langsam und kontinuierlich schürfender Strom mehr und mehr über die Ufer.
Reicharts Roman, der eine Vielzahl an Motiven und Erzählsträngen bündelt, ist ein ehrgeiziges, man könnte auch sagen: zu ehrgeiziges Unterfangen. Wie die Donau in ihren Auen verirrt er sich in so manchen auch minder interessanten Seitenarmen. Manchmal wird man nämlich den Eindruck nicht los, dass trotz Verwirrspiel und Wildwuchs eine an sich recht altbackene und kitschige Frauenselbstfindungsstory erzählt wird – vor allem, wenn es um die geheimnisvolle Antonia geht, eine Frau, "die mir der Nebel schickte": "Ich hatte sie, wenn ich an sie dachte, in Ägypten vermutet, mit dunkler Haut und fremden Augen, in denen sich nicht länger die Städte spiegelten, sondern die Farbe der Wüste, alter Tempel, Hieroglyphen und Armut, wo es keine Post gibt und kein Telefon, unerreichbar und gerettet."

Leichtfüßiger ist Irene Pruggers Roman "Frauen im Schlafrock". Anna, 27, arbeitet in einer Event-Spaß-Agentur, sie soll Cyberinszenierungen, etwa virtuelle Flirtkurse, arrangieren, schließlich fühlen wir ja sonst nichts mehr. Sie geht eine Affäre mit Paul ein, obwohl "mein Risikoprofil von einer Bank als so konservativ eingestuft wurde, dass der Bankbeamte mir seufzend zu einem Sparbuch mit zweijähriger Bindung geraten hatte". Aber auch Paul ist nicht sonderlich originell, wenn er meint: "Wir sollten etwas völlig Verrücktes tun!" Dazu fällt ihm gerade mal "ein paar Tage irgendwohin fahren" ein.
Ein bisschen übertrieben selbstreflexiv allerdings geraten Annas Treffen mit einem erfolglosen Schriftsteller, der dem Klischee dermaßen genau entspricht, dass man froh ist, nichts von ihm lesen zu müssen. Solche Passagen lesen sich, als ob man den poetologischen Anspruch der Autorin auf Trivialromanniveau serviert bekäme: "Gefühle entstehen zwischen den Zeilen." Eben. Obwohl Prugger sich dann auch wieder überzeugend über gängige Klischees lustig macht: ",Hinschauen, auch wenn es weh tut', hat der Schriftsteller außerdem gesagt. ,Erst wenn es weh tut, kommt man der Wahrheit nahe.' Die Frage war nur: Tat es weh? Ich fürchtete: nein."
Pruggers Buch kann aber auch witzig sein, genau und überraschend in den Figurenporträts (etwa des liebenswert-nervigen, traurigen Schramm, der gekündigt wurde und im Schrebergarten abtaucht). Gleichzeitig sind die Geschichten und der Plauderton, in dem sie erzählt werden, oft langweilig nah an Frauenratgeberliteratur, die augenzwinkernd abhandelt, was angeblich jede Frau rasend beschäftigt: Schwangerschaft, ja oder nein? Männer, wenn ja, dann wie?
Die Antwort auf die Frage, ob das wirklich so spannend ist, gibt schon wieder Anna selbst: ",Na und?', sagte ich. ,Ist es nicht auch ein triviales Leben, das es zu beschreiben gilt?'". Okay, so gesehen: Eins zu null für Marketinggenie Anna.

Karin Cerny in FALTER 42/2005



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