Authentischer Sport – inszenierte.... Zum Verhältnis von Mediensport, symbolischer Politik und...

Georg Spitaler


Brot und Spiele

Georg Spitaler geht den Beziehungen von Sportlern und Politikern nach, ein von ihm mitherausgegebener Sammelband beschäftigt sich mit Stadien aller Art.

Spindoktoren müssen es wissen. "Es ist keine Kunst für einen Politiker, auf den Politikseiten der Zeitungen vorzukommen. Auf die Sportseiten musst du es schaffen", verriet Andreas Rudas vor Jahren seinem Schützling das ultimative Erfolgsgeheimnis. Der solcherart beratene Viktor Klima lebt heute in Argentinien, und Rudas hat es zum Konzernsprecher von Magna Österreich gebracht. Das Diktum von Rudas bleibt dennoch von zeitloser Gültigkeit. Sport und Politik passen seit jeher gut zusammen, auch wenn sich der Sport gerne als "neutral" (selbst-)versteht. Und er fordert umgekehrt seine Aufmerksamkeit von der Politik. Schon der römische Autor Sueton berichtete davon, dass Julius Cäsar getadelt wurde, weil er sich während der Spiele "die Zeit nahm, Briefe und Bittschriften zu lesen und zu beantworten", statt die Geschehnisse im Stadion zu verfolgen.
Den vielschichtigen Beziehungen von Sport und Politik gehen zwei jüngst erschienene Bücher nach, aus denen auch die Zitate zu Cäsar und Klima stammen. Während sich "Authentischer Sport – inszenierte Politik" des Wiener Politologen Georg Spitaler den Akteuren dieser Beziehung widmet, stehen beim Sammelband "Das Stadion" die Austragungsstätten sportlicher Wettkämpfe im Mittelpunkt. Beiden Büchern gelingt es, Überschneidungen des politischen und sportlichen Feldes jenseits von Oberflächenphänomenen aufzuspüren.
Spitaler hat dazu einerseits mit einer Reihe von Akteuren Interviews geführt. So geben die Antworten von Ex-FPÖ-Klubobmann und Exbundesligavorstand Peter Westenthaler sowie ORF-Sportchef Elmar Oberhauser Hinweise darauf, wie Sport zu nationaler und politischer Identität beiträgt. Andererseits hat der Politikwissenschaftler die heimische Innenpolitik der jüngeren Vergangenheit einer Diskursanalyse unterzogen und eine lange Reihe von Sportmetaphern gefunden, in denen sich gewandelte Politikverständnisse spiegeln. Etwa das Plakat zur österreichischen EU-Präsidentschaft Mitte 1998, das den Titel "Europa fit machen" trug und den Fitnessbegriff auf einen "europäischen Staatenkörper" bezog, der durch die Maastricht-Kriterien vermeintlich ökonomisch gesunden sollte. Oder die ÖVP-Kampagne "Österreich erfolgreich" aus dem Vorjahr: Die Überzeugung, im internationalen Wettbewerb der Standorte ganz vorne zu sein, wurde durch einen Schwimmer illustriert – "zufällig" einige Wochen nachdem Markus Rogan bei den Olympischen Spielen in Athen zwei Silbermedaillen gewinnen konnte.
Die Hauptthese von Spitaler ist aber eine Art natürliches Naheverhältnis von Sport und populistischer Politik. Während Politiker immer unter Inszenierungsverdacht stehen, werden Sportler als besonders authentisch wahrgenommen – weshalb sie etwa als Testimonials in der Werbung so beliebt sind. Populistischer Politik und ihren Repräsentanten des "kleinen Mannes", so Spitaler, gelingt es am ehesten, den Glaubwürdigkeitsgrad von Sportlern zu erreichen. Was bis vor kurzem in der Person Jörg Haiders noch sehr anschaulich zusammenfiel, scheint mittlerweile allerdings aus einer Vielzahl von Gründen überholt.

Von sportiven Politikern und politischen Sportlern zumindest in den Arenen der Antike kann man auch im Sammelband "Das Stadion" lesen. Außerdem aber auch noch über die architektonischen Besonderheiten dieser "politischen Geltungsbauten" (Jan Tabor) oder die radikale Ausnutzung als "Überwachungsraum". Anstatt als Bühne von Wettkämpfen werden Stadien immer wieder als Gefängnisse verwendet: Die Nazis hatten im Wiener Praterstadion tausend Juden inhaftiert, die Taliban das Stadion in Kabul für Hinrichtungen verwendet. Üblicherweise werden jedoch nicht Menschen interniert, sondern kurzfristig durch Spektakel angelockt, um Geld zu verdienen.
Die oft kolportierten positiven Auswirkungen von Stadionneubauten auf die Finanzlage von Kommunen beurteilt der US-amerikanische Ökonom Mike Leeds anhand von Beispielen aus seiner Heimat sehr kritisch. Kein Grund freilich, um nicht reihenweise neue zu bauen. Ihre Namen wie Allianz- oder AOL-Arena in Deutschland verweisen nicht nur auf die Sponsoren, sondern drücken auch eine grundlegende Tendenz aus: weg von den Mythen, mit denen sowohl Sport als auch Politik hantieren, hin zum Primat der Ökonomie.
Genau dieses mindert nach Ansicht von Michael Zinganel und Christian Zillner aber zunehmend die Bedeutung der Stein gewordenen Kristallisationspunkte von Sport und Politik. Durch das Anwachsen der Eventkultur und ihrer medialen Bedingungen treten zunehmend "ephemere Bauten" an ihre Stelle: Stadien, die nur für eine befristete Zeit und als optimale Kulisse für TV-Übertragungen errichtet werden – wie etwa beim Beachvolleyball in Klagenfurt oder beim Snowboarden am Kreischberg.

Lukas Wieselberg in FALTER 42/2005



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