Spiele

Ulrike Draesner


Fiktives Fürstenfeldbruck

Ulrike Draesners "Spiele", ein Roman über eine Familie und über das Münchner Olympiaattentat von 1972, braucht den Vergleich mit Jonathan Franzens
"Korrekturen" nicht zu scheuen.

Die große und kleine Geschichte kümmern sich nicht umeinander, sie durchdringen sich bloß" lautet das "Familienmantra" der Berewskis – und die müssen es schließlich wissen, sind sie doch allesamt Weltkriegsflüchtlinge aus dem Osten, die es dank Vater Edgars Anwaltskanzlei mittlerweile zu einem typisch Münchner Mittelstandsleben gebracht haben. Nur der frühe Tod der Mutter liegt wie ein Schatten auf der Familie.
Wir schreiben den Spätsommer 1972, die Olympischen Spiele – in der Erwartung "fröhlicher, gigantischer, friedlicher, gelungener denn je" – haben gerade begonnen. Doch in Ulrike Draesners drittem Roman "Spiele" kommt nichts so wie vorhergesehen. Mit dem "Tag, der die Welt verändern sollte", jenem 5. September, an dem neun israelische Sportler durch die palästinensische Terrorgruppe Schwarzer September entführt werden, dreht sich auch die Spirale des Schicksals der Berewskis ein gutes Stück weiter.
Vater Edgar lernt eine neue Frau kennen, und die 13-jährige Tochter Katja, die spröde, verschlossene Protagonistin des Romans, spürt, dass ihre Kindheit zu Ende geht. Das hat auch etwas mit Max zu tun, dem 18-jährigen Schachpartner ihres Großvaters Jozef, Katjas erster, unglücklicher Liebe, der soeben die Schule geschmissen hat und in einem seiner ersten Einsätze als Polizist direkt in die Hölle der misslungenen Geiselbefreiung von Fürstenfeldbruck verfrachtet wird.
Auf 489 Seiten legt Draesner mit "Spiele" einen Entwicklungsroman im besten Sinne vor: intelligent, vielschichtig, spannend, humorvoll – wenn man so will, als eine deutsche Antwort auf Jonathan Franzens vielgelobten Bestseller "Korrekturen" zu lesen. Denn "Spiele" bietet – nach der etwas großen Detailverliebtheit des Beginns, die das Einlesen erschwert – alles, was sich die hiesige Kritik so lange von einem deutschsprachigen Roman in amerikanischer Erzähltradition gewünscht hat: einen "relevanten" historischen Hintergrund, ausreichend Familie, wechselnde Perspektiven, ein gesellschaftliches Panorama und eine, nein zwei, nein drei Liebesgeschichten. Bleibt nur noch zu konstatieren, dass Franzen sprachlich mit Draesner, die als Lyrikerin bekannt geworden ist und in diesem Roman souverän alle Stilregister zieht, nicht Schritt halten kann.
Gemäß der Erkenntnis, dass bei der Durchdringung von privater und öffentlicher Geschichte die kleinen Leute die blauen Flecken davontragen, konzentriert sich Draesners Rekonstruktion der Ereignisse von München 1972 auf die Randfiguren des Geschehens: den Busfahrer, der die Geiseln und Terroristen zum Flugzeug chauffierte; die Raumzuteilerin im Olympischen Dorf, die, ohne es zu wollen, über Tod und Leben entschied; Max, der den chaotischen Schusswechsel in Fürstenfeldbruck nicht unversehrt überstanden hat – und Katja, die sich seitdem schuldig fühlt.
Erzähltechnisch entspricht diesem überzeugend durchgeführten Konzept die liebevolle Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge des Lebens, die dem großen, dreißig Jahre umspannenden Erzählbogen erst Farbe verleihen. Darunter befinden sich literarische Glanzstücke: etwa wenn Katja und ihr Onkel für ein Hörspiel das Geräusch eines Drachens oder den Klang der Freude produzieren oder die Beschreibung der "Max-Razzia", die auf Katjas Gewissen lastet – eine gefährlich-schöne Melange aus pubertärer Gemeinheit, Erotik, Scham und verletzten Gefühlen.
Erst im zweiten Teil des Romans, der im Sommer 2002 spielt, richtet sich Draesners Fokus auf den Anschlag selbst und die auf diesen folgende ungeklärte Flugzeugentführung, die zur Freilassung der überlebenden Attentäter von München führte. Erzählt wird das aus der Perspektive der Recherchen Katjas, die mittlerweile eine erfolgreiche, auf religiöse Massenveranstaltungen und den neuen Spiritualismus spezialisierte Fotojournalistin ist und nun – initiiert von einem wehen Iliosakralgelenk und der Diagnose eines jungen indischen Arztes – die Ereignisse von damals zu rekapitulieren beginnt.
"Es ist alles geschehen worden", versprach der eloquente Innenminister Merk sich einst vor laufender Kamera – und brachte damit die verworrene Situation auf den Punkt. "Nicht Lügen fingen so an, sondern Unerklärlichkeiten." Die "Wahrheit" hinter den Münchner Ereignissen findet Katja nicht, sehr wohl aber erkennt sie in ihnen die Geburtsstunde des auf der Aufmerksamkeit der Medien basierenden globalen Terrorismus. Das Beste, was man bekommen könne, heißt es an einer Stelle, sei ohnehin eine "Phantasie nach wahren Ereignissen". Die Lücken und Verzerrungen jener Ereignisse hat Draesner in "Spiele" mit einer Fiktion ausgefüllt, die diese an keiner Stelle wegzuerklären versucht – und gerade deswegen so überzeugend ist.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 42/2005



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