Guten Abend ihr Dinge hier unten

António Lobo Antunes


Out of Africa

António Lobo Antunes zeigt Afrika – wenn überhaupt – als verlorenen Kontinent.

Der zweite, 1979 erschienene Roman von António Lobo Antunes ("Der Judaskuss", deutsch 1987) erzählt von Afrika, von Angola, vom Krieg der Portugiesen gegen ein Land, das um seine Unabhängigkeit kämpfte. Die Kriegserfahrung des ehemaligen Soldaten und Militärarztes hat dieses außergewöhnliche Buch entscheidend geprägt, nicht nur, was die darin enthaltenen Episoden, sondern auch, was die Sprache, die Metaphorik, die Intensität der Bilder betrifft. Von dieser Erfahrung und der mit ihr verbundenen literarischen Kraft zehren die nachfolgenden Bücher des Autors, der seinen Ehrgeiz ganz auf die technischen Aspekte des Erzählens zu richten begann.
Mit "Guten Abend ihr Dinge hier unten" scheint Lobo Antunes endgültig nach Afrika zurückgekehrt zu sein. Scheint, denn ein Großteil des umfangreichen Romans "spielt" zwar in Angola, doch bringen die Figuren ihre Zeit damit zu, mehr oder minder sehnsüchtig an Portugal, an ihre Kindheit, ihre Angehörigen, an bestimmte Orte zu denken. Angola selbst ist ein terrain vague, ein Gebiet größter Unsicherheit, wo man nicht einmal sagen kann, ob die Erde rot ist oder gelb. Offenbar ist dem Autor während der eifrigen Entfaltung seiner Virtuosität der angepeilte Kontinent immer mehr abhanden gekommen.
Denn was hat uns António Lobo Antunes über Afrika zu sagen, außer dass man es mit Worten nicht fassen kann? Vielleicht ein paar Einschätzungen allgemeiner Art, wie wir sie häufig in Leitartikeln westlicher Organe finden, nämlich dass es eine Geopolitik, die gern von Menschenrechten redet, in Wirklichkeit aufs Erdöl abgesehen hat. Und so zeichnet sich hin und wieder eine Erdölplattform am Horizont von Lobo Antunes' Roman ab, und wenn es gerade passt, tauchen "die Amerikaner" auf: "Das waren nicht einmal die Amerikaner, die mit mir gesprochen haben, ich persönlich habe sie nie gesehen und frage mich, ob sie überhaupt jemand gesehen hat, alle erzählten immer wieder, dass sie in Angola unterwegs waren, aber das waren wahrscheinlich nur Gerüchte, oder Angola ist zu groß, es hieß, anfangs hätten sie Ölplattformen in Cabinda gebaut und sich dann für andere Dinge interessiert, als sie begriffen hatten, dass die anderen Dinge ihnen auch Geld brachten, das Kupfer, die Baumwolle, der Kaffee, die Waffen, mit denen die Neger sich gegenseitig umbrachten, und über die Waffen kamen sie zu den Diamanten ..."
Klar, Geschäfte wollen sie machen, die Kapitalisten, ob sie nun ein Gerücht sind oder nicht. Die postkolonialen Verhältnisse sind desolat, nicht nur wegen der neuen Art von ausländischem Zugriff auf das "unabhängige" Land, sondern auch wegen der hausgemachten Konflikte und der Unfähigkeit der Bewohner, etwas Neues aufzubauen. "Als im Anschluss an das, was sie Unabhängigkeit nannten, will heißen, als die Neger bei ihnen zur Tür herein kamen und uns bestahlen, will heißen, als die Neger sich gegenseitig töteten, will heißen, als die Neger, ohne sich zu entschuldigen, sich gegenseitig beschimpfend, sich prügelnd, die Möbel, die Herde, die Kleider wegtrugen (...)" – natürlich sagt das Lobo Antunes nicht selbst, sondern eine seiner zahlreichen Figuren, aber unter dem Strich fasst man die Behauptung aussichtsloser Desolation doch als Botschaft des Autors auf, und wir beginnen uns zu fragen, worauf sich die fallweise emphatisch geäußerte Afrikabewunderung denn gründe. Schönheit der Vegetation, ja – im "Judaskuss" vibrierten noch die Beschreibungen. Im neuen Roman ist davon nicht viel zu spüren; was vorherrscht, ist das Gefühl, dass dieses Land und womöglich der ganze Kontinent verdammt und verloren seien.

Guten Abend ihr Dinge hier unten" hat so etwas wie einen Plot, der schnell nacherzählt ist und den man nicht erzählen kann. Portugiesische Geheimdienstleute werden ins postkoloniale Angola geschickt, um irgendetwas zu checken, das mit Diamanten zu tun hat. Warum sind Diamanten für den Geheimdienst so wichtig? Keine Ahnung. Jedenfalls sind solche Edelsteinchen schon durch frühere Romane von Lobo Antunes gekullert. Der erste Agent bleibt offenbar in Angola, obwohl er nach Lissabon zurückkehren sollte. Also wird ein weiterer Agent losgeschickt, der nach dem ersten suchen soll, und dann noch einer und so weiter. Gegen Ende des Buchs sind fünf "Zielpersonen" tot.
Lobo Antunes hat immer wieder beteuert, es gehe ihm nicht um den Plot, sondern um das Sprachkunstwerk und die Konstruktion eines lyrischen Epos. Doch gerade die Vagheit der angedeuteten Geschichte führt dazu, dass die Aufmerksamkeit des Lesers sich dieser zuwendet, schließlich möchte er wissen, was es mit den Diamanten und den Zielpersonen auf sich hat. Es steht zu befürchten, dass er keine befriedigende Aufklärung erhält, auch wenn er sich noch so sehr bemüht. Seine Aufmerksamkeit wird unterdessen von den eventuellen Schönheiten des Sprachkunstwerks abgezogen.

Leopold Federmair in FALTER 42/2005



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