Wir sind anders als die anderen Frauen

Lucía Etxebarria, Catalina Rojas Hauser


Anders als die andern

Beziehung oder doch nicht? Lucía Etxebarria und Christa Wolf lassen sich auf ganz
unterschiedliche Weise auf die alte Mann-Frau-Sache ein.

Spätestens seit Simone de Beauvoirs Buch "Le deuxième sexe" von 1949, das auf Deutsch symptomatischerweise unter dem Titel "Das andere Geschlecht" erschienen ist, gilt die Frau als das Andere. Dies freilich aus einer Perspektive, die das Männliche als das Eigentliche postuliert. In Zeiten poststrukturalistischen Denkens wurde das Andere jedoch zum eigentlich Eigentlichen erhoben, zeigt sich doch in ihm in exemplarischer Weise das Differente und Oppositionelle, in dem weit mehr Subversiv- und Produktivkraft vermutet wird als im Eigentlichen.
Die junge Spanierin Lucía Etxebarria hat sich schon im Titel ihres Romans "Wir sind anders als die anderen Frauen" auf ein produktives Spiel mit diesen Differenzen eingelassen. Die Autorin, unlängst mit dem mit 601.000 Euro dotierten Premio Planeta ausgezeichnet, hatte bereits durch eine Biografie über Courtney Love und zwei Romane, "Beatriz und die himmlischen Körper" (Frankfurter Verlagsanstalt 2000) und "Von allem Sichtbaren und Unsichtbaren" (Frankfurter Verlagsanstalt 2003), nachdrücklich auf sich aufmerksam gemacht.
In ihrem jüngsten Roman, der unglaublich rasant geschrieben ist, schickt sie vier Frauen zwischen 25 und 31 Jahren ins Rennen und schildert ihren verzweifelten Kampf um Liebe und (Selbst-)Achtung. Da ist Susi, eine Juristin und gute Schwimmerin, die sich in einer unauflöslichen inzestuösen Verstrickung mit ihrem Bruder befindet und nach dessen Tod durch Ertrinken in eine existenzielle Krise schlittert. Da ist Maria, eine Betriebswirtin, die nach einer weiteren ernüchternden Paarbeziehung nach Schottland flieht, wo sie sich in eine Dreierbeziehung verstrickt, aus der sie nur mühsam wieder den Weg heraus und zurück in ihre spanische Lebenswelt findet. Da ist Elsa, Anglistin, Journalistin und Romanautorin, die sich in einen Schriftsteller und Kritiker verliebt, aber die Liebe als eine fatale Angelegenheit erlebt, der es gilt, durch die Wiedergewinnung der Rationalität gewissermaßen den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Und zuletzt ist da noch Raquel, ein Fotomodell mit abgeschlossenem Kunststudium, das sich durch eine Beziehung mit einem verheirateten Mann psychisch und körperlich ruiniert und sich Lustgewinn und Aufmerksamkeit durch Kleptomanie zu beschaffen sucht.
Diesen vier Frauenfiguren sind mindestens ebenso viele Männertypen gegenübergestellt. Alle vier Fallbeispiele dienen der Autorin dazu, philosophische Betrachtungen über die Liebe in Zeiten des Neoliberalismus anzustellen, was das eigentliche Thema des Buches zu sein scheint. Dass die Ergebnisse dieser Untersuchung nicht gerade erbaulich wirken, kann aus dem bisher Gesagten unschwer geschlossen werden. Mitunter fühlt man sich an Houellebecq erinnert, vor allem in den wiederkehrenden Sexszenen, welche allesamt unter den melancholischen Insignien einer kruden Bedürftigkeit und eines nachträglichen Schuldgefühls stehen.
Das Finale des Romans führt alle vier Hauptfiguren in einer madrilenischen Disco zusammen, wo sie in scheinbarer weiblicher Selbstbestimmung trinken und abtanzen, über die einen Männer schimpfen und sich von den anderen zu einem Drink einladen lassen. Ein Finale wie aus einem Teeniefilm. Etxebarria schreibt zweifelsohne für die Twens, aber ihr Stil und ihre Fähigkeit, Figuren zu zeichnen und schnelle Dialoge mit reflexiven, theoretischen Passagen zu mixen, könnte sie auch größere Aufgaben bewältigen lassen. Das Buch sei allen ans Herz gelegt, die sich wieder einmal mit der eigenen Libido und den mitunter seltsamen Gebarungen, die diese annimmt, auseinander setzen wollen.

Anders als Etxebarria, programmatisch anders, "Mit anderem Blick" wagt sich Christa Wolf in einer Reihe von Erzählungen an Erlebnisse und Erfahrungen in Europa und Amerika heran. Herausgekommen sind dabei Texte, die in ihrer Vielfalt doch von einem gemeinsamen Grundton getragen werden. Der ist bei Wolf, im Gegensatz zu Etxebarria, nicht der der desillusionierten wilden Jeunesse dorée, sondern ein feiner, multiperspektivischer, selbstreflexiver Ton, der an gute Erzählerinnen vom Schlage einer Gertrude Stein, Friederike Mayröcker oder Katherine Mansfield erinnert.
In der ersten Erzählung, "Nagelprobe", etwa geht die Autorin in sprach- und ideologiekritischer Manier dem beliebten deutschen Volkslied "Guten Abend, gut' Nacht / mit Rosen bedacht / mit Näglein besteckt / schlupf' unter die Deck" auf den Grund, spürt den Bedrohungen nach, die diese Liedzeilen in ihrer Kindheit darstellten, in der sie die "Näglein" nicht als kleine Nelken, sondern wörtlich genommen hatte; ein Motiv, das sich auch in Jenny Erpenbecks "Wörterbuch" (Eichborn, Berlin 2004) findet. In einer Art assoziativer Prosa wird dabei das Thema Nagel und Nägel weitergesponnen. Der Text endet mit einem Gedicht: "Prinzip Hoffnung // Genagelt / ans Kreuz Vergangenheit. / Jede Bewegung treibt die Nägel ins Fleisch", das noch einmal mit dem ganzen Inventar von Bedrohungen, sadistischen und christlich-heilsgeschichtlichen Vorstellungen auffährt, die der Nagel transportiert.
Völlig anders geartet ist der Text "Er und ich" (nach Natalia Ginzburg), ein wunderbarer und vielschichtiger Text über die Schönheiten und Mühsal einer intellektuellen Zweierbeziehung. In einer geradezu akribischen Manier kontrastiert die Autorin darin die männliche und weibliche Hauptfigur, wechselt beständig zwischen dem, was ihn kennzeichnet, und dem, was das "Ich" kennzeichnet. Selten macht ein Text so Lust auf Beziehung wie dieser. Das ist meilenweit von der rasenden Affärenprosa einer Etxebarria entfernt, die freilich auch ihre Qualitäten hat, sich aber doch auf einem gänzlich anderen Reflexions- und Bewusstseinsniveau befindet.
So richtig amerikanische Shortstory-Qualität haben die Texte des zweiten Abschnitts des Buchs: Begegnungen "Third Street, Fototermin L.A.", eine Satire auf die zeitgenössische Interviewkultur, und "Wüstenfahrt". Was Wolf in diesen Texten etwa mit einer Mayröcker verbindet, ist der unbeschwerte und äußerst produktive Umgang mit Autobiografischem; was sie im Besonderen auszeichnet, ist das Einflechten politischer Statements und der eigenen politischen Vergangenheit. Hier erfährt man allerhand über Emigration und Dissidententum, wodurch diesen Texten eine geschichtliche Tiefendimension eignet, die dem Gegenwartsdenken und Gegenwartsschreiben der Jungfrauen- und
-männerliteratur notwendigerweise abgeht.

Nicole Streitler-Kastberger in FALTER 42/2005



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