Der Mathe-Instinkt. Warum Sie ein Genie sind und Ihr Hund und Ihre Katze auch

Keith Devlin, Dietmar Zimmer


Natürlich rechnen

Auch Sie könnten ein Mathegenie sein – behauptet zumindest Keith Devlin.

Viele intelligente und erfolgreiche Menschen haben Schwierigkeiten mit Zahlen. Dabei sieht es so aus, als seien wir alle mit mathematischen Fähigkeiten zur Welt gekommen: So können bereits einige Tage alte Babys zwischen korrekten und inkorrekten Additionen oder Subtraktionen unterscheiden, also 1 + 2 = 3 von 3 – 1 = 1. Dass auch Hunde oder Katzen implizit Mathematik betreiben, ist fast noch erstaunlicher. In seinem Buch "Der Mathe-Instinkt" will Keith Devlin zeigen, dass Mathematik keineswegs eine ungewöhnliche Form des Denkens ist, die wir Menschen entwickelt haben und die nur wenige von uns beherrschen können. Vielmehr seien wir überall von Mathematik umgeben. Manchmal werde sie sogar von Lebewesen betrieben, denen wir viel weniger zutrauen.
Keith Devlin ist Professor für Mathematik im kalifornischen Stanford und schreibt regelmäßig Kolumnen für große englische und US-amerikanische Tageszeitungen. Der "Math-Guy", also der Mathe-Typ, verspricht, dass man nach der Lektüre dieses Buches die Mathematik mit völlig neuen Augen sehen werde. Dies gelingt ihm auf durchaus unterhaltsame Weise. So beschreibt Devlin seine Idee einer "natürlichen" Mathematik, indem er zeigt, wie Hunde auf der Suche nach dem schnellsten Weg unbewusst eine so komplexe mathematische Technik wie die Differenzialrechnung anwenden. Die Aufgabe, die Katzen beim Fallen von einem Baum bewältigen müssen, ist noch anspruchsvoller. Weitere Beispiele – von der Orientierung einer Wüstenameise bis zum Pflanzenwachstum – untermauern Devlins gewagte These.
Dieser Ansatz hat aber einen Haken: Zu behaupten, dass die Natur gleichsam Mathematik betreibe, weil sie durch mathematische Methoden und Modelle beschreibbar oder berechenbar ist, ist nicht unbedingt der plausibelste Umkehrschluss. Und so räumt der Autor auch selbst ein, dass das, was die Natur macht, nichts mit Schulmathematik zu tun hat. Sie bediene sich ihrer Methoden nur in einer impliziten Weise. Nach wie vor sei der Mensch das einzige Lebewesen, das ein Zahlenkonzept entwickelt hat, welches über bloßes Abschätzen hinausgeht.

Die Einblicke, die Devlin in komplexe natürliche Vorgänge bietet, sind beeindruckend. Das wirklich Interessante ist jedoch der vom Autor postulierte Zusammenhang mit Sprache. Sprache und Mathematik werden ja oft als Gegensatz behandelt: Auf der einen Seite steht die Mathematik, das Hantieren mit "bedeutungslosen" Symbolen, auf der anderen Seite die "bedeutsame" Sprache. Dabei sind beides symbolische Systeme, die auf ihre Art die Welt beschreiben.
Schon in seinem ersten Buch, "Das Mathe-Gen", argumentierte Devlin, dass die Fähigkeit zur abstrakten Mathematik aus einer Verbindung der Sprachfähigkeit mit unseren angeborenen mathematischen Fähigkeiten hervorgegangen sei. Dies widerspricht der landläufigen Meinung, dass Menschen entweder mathematisch oder sprachlich begabt seien.
Warum ist Mathematik dennoch so schwierig für uns? Das Problem liegt Devlin zufolge im Abstraktionsvorgang. Viele Menschen verwenden in ihrem Alltag Mathematik, ohne sich dessen bewusst zu sein. Wenn Rechenvorgänge etwas bedeuten und die Motivation hoch ist, gelingt die Anwendung scheinbar mühelos. Der Formalisierungsprozess funktioniert nur auf der Grundlage von Konzepten, die einen Sinn haben.
Wenn Sie sich bis jetzt zu den mathematisch total unbegabten Menschen gezählt haben, kann Ihnen dieses Buch nur wärmstens empfohlen werden: Es gibt Hoffnung – und, als besonderes Plus: konkrete Tipps zur Verbesserung Ihrer mathematischen Fähigkeiten. Denn wie gesagt: Auch Sie könnten ein Mathegenie sein!

Eva Obermüller in FALTER 42/2005



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