Kochen mit Fernet-Branca

James Hamilton-Paterson, Hans-Ulrich Möhring


Geräucherte Katze

James Hamilton-Paterson lässt seltsame Gerichte kochen und den Fernet-Branca strömen.

Gerald und Marta sind Nachbarn. Beide ließen sich in den toskanischen Bergen nieder mit der Absicht, in Ruhe und Abgeschiedenheit zu arbeiten. Doch daraus wird nichts. Er ist Ghostwriter für junge, aber außerordentlich uninteressante Stars. Nach einem Skifahrer und einem Formel-1-Piloten ist es nun der Leader einer Boygroup, der an UFOs glaubt und nicht nur von Teenagern ernst genommen werden will. "Lass mich raten: Er wird ein Requiem für die Menschheit schreiben, das in Rom im Petersdom uraufgeführt wird. Es wird Aufnahmen von Walgesängen enthalten. Oder er arbeitet an einer Sammlung von Rock-Sonetten mit dem Titel ‚Roll over, Shakespeare'. Oder könnte demnächst eine Ausstellung von Kunstwerken aus seinen Körpersäften eröffnet werden?"
Geralds Verachtung speist sich nicht zuletzt aus einem eitlen Snobismus, der selbst die Übersiedlung nach Italien zur Emigration aus dem "unernsten" Großbritannien unter New Labour hochstilisieren muss. Die gern zelebrierte Feinsinnigkeit äußert sich im lautstarken Singen italienischer Arien, vor allem aber im Erfinden höchst eigenwilliger Gerichte, deren Zubereitung minutiös dokumentiert wird. Kulinarischer Höhepunkt ist wohl der "Alien Pie", für den neben einer jungen Karettschildkröte und einem einzigen Tropfen Haushaltspetroleum noch eine weitere, nicht leicht zu beschaffende Zutat vonnöten ist: "Die beste im Handel erhältliche geräucherte Katze kommt vom äußersten Rand Italiens, nahe Solda (oder Sulden, wenn Sie germanisch aufgelegt sind) an der Schweizer Grenze. Sie wird verkauft von der Familie Ammering in dem Dörfchen Migg, die einen gut organisierten Versandhandel betreibt."
So ließe es sich im Feinschmeckeridyll trefflich und ungestört leben, wenn da eben nicht Marta wäre. Aus einer obskuren Region Osteuropas kommend, konfrontiert sie Gerald mit einer deftigen Rustikalität, die er zunächst sehr abstoßend findet. Daraus ergeben sich eine Reihe komischer Begegnungen, die in aller Regel mit dem exzessiven Genuss von Fernet-Branca oder anderen Alkoholika enden. Trotz der Skepsis Geralds gegenüber Marta und deren Kunst, ist diese eine durchaus seriöse Komponistin von Filmmusik, die an einem Score für den berühmtesten italienischen Regisseur arbeitet. Dessen jüngstes Werk entpuppt sich freilich als gesellschaftskritisch überwölbte Pornografie – falls der Film jemals zu Ende gedreht werden sollte ...

Einen "albernen Roman" nennt James Hamilton-Paterson "Kochen mit Fernet-Branca". Das stimmt leider nur zum Teil. Natürlich finden sich in dem Buch reichlich farcenhafte Elemente, die Gourmetdünkel, das Film- und Unterhaltungsgeschäft, nationale Eigenheiten und vieles mehr aufs Korn nehmen. Es fehlt dem Buch aber jene Leichtigkeit, die britische Satire so oft auszeichnet. Ähnlich selbstverliebt wie seine männliche Hauptfigur lässt der Autor keine rhetorische Figur und keine Anspielung aus. Gerade durch das Ziehen aller literarischen Register entsteht ein krasses Missverhältnis zur vergleichsweise dünnen satirischen Erkenntnis: dass die Toskana-Fraktion eingebildet und genusssüchtig ist oder dass der mediterrane Kunstfilm zu abstrusen Plots mit reichlich explizitem Sex neigt. Hamilton-Paterson ist ein exzellenter Erzähler, das hat er vor allem mit seinem vorzüglichen Roman "Gerontius" über den Komponisten Edward Elgar bewiesen (1989). Auch als Wissenschaftsjournalist und Sachbuchautor machte er sich einen guten Namen. Die leichte Muse hingegen ist seine Sache nicht.

Karl A. Duffek in FALTER 42/2005



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