Hans Albert / Karl R. Popper. Briefwechsel

Martin Morgenstern, Robert Zimmer


Aus Alberts Archiven

Hans Albert hat mit seinem Lehrer Karl Popper einen unterhaltsamen Briefwechsel geführt.

Von wegen trocken: Philosophie kann ziemlich amüsant sein. Man muss nur die richtigen Bücher lesen. Zum Beispiel den Briefwechsel zwischen Hans Albert und Karl R. Popper, der soeben von Martin Morgenstern und Robert Zimmer herausgegeben wurde. Die Korrespondenz zwischen Popper, dem Begründer des kritischen Rationalismus, und Albert, dem wichtigsten Exponenten dieser Lehre im deutschsprachigen Raum, deckt die Zeitspanne von 1958 bis zu Poppers Tod im Jahr 1994 ab und verdankt ihre Existenz der akribischen Sammelarbeit von Albert, der nicht nur die Briefe seines Gegenübers archiviert hat, sondern auch Abschriften seiner eigenen.
Worum geht es? In erster Linie um andere Philosophen, um Bücher und Aufsätze. Andere Themen tauchen im Schriftwechsel so gut wie nicht auf, und wenn, dann nur als kurze Bemerkung im Postskriptum. Trotz dieser engen Themenwahl treten die beiden Charaktere durchaus deutlich hervor: Popper als der bienenfleißiger Schreiber, letztlich ein klassischer Workaholic, nur mit dem ungewöhnlichen Zusatz, dass er unter der Arbeitslast schwer zu leiden schien. Außerdem lag Popper ständig im Clinch mit – aus seiner Sicht – unseriösen Verlagen, unfähigen Übersetzern und nicht zuletzt aufsässigen (Ex-)Schülern.
Das führt dazu, dass der schriftliche Dialog zumeist einem Pingpong ähnelt: Zuerst kommt das Lamento (Popper), dann diplomatische Schlichtungsbemühungen (Albert), und wieder zurück. Was philosophiehistorisch durchaus interessant ist: Popper war es nämlich, der zeitlebens die kritische Überprüfung selbst bewährter Theorien als das zentrale Element der wissenschaftlichen Methode herausgestellt hat. Nur war der Begründer des kritischen Rationalismus anscheinend kein großer Freund von Kritiken, wenn sie ihm gegenüber geäußert wurden. Oder, wie es sein ehemaliger Mitarbeiter Imre Lakatos ausdrückte: "Popper (the philosopher of criticism) does not like criticism, i.e. does not like to be criticized."
Auf Sätze wie diese reagierte Popper einigermaßen indigniert: "Ich bin in einer schweren Depression, an der das Verhalten von verschiedenen meiner Schüler schuld ist, für die ich immer alles getan habe." Und an anderer Stelle: "Es gibt zwei Arten von Menschen: die einen vergessen es nie, wenn man etwas für sie getan hat, und die anderen vergeben es nie." Gemeint waren damit – neben Lakatos – Joseph Agassi, William Warren Bartley und Paul Feyerabend, die alle ihre Karriere als Popperianer begannen und später stark abweichende Auffassungen entwickelten. Albert hingegen blieb seinem Lehrer treu und wurde 1961 dafür mit dem Angebot des Du-Worts belohnt. Albert, damals junger Dozent, reagiert darauf eher förmlich: "Natürlich habe ich mich sehr über deinen Vorschlag gefreut, dich in Zukunft mit dem Vornamen anzureden, und ich willige gern darin ein, obwohl es mir andererseits gar nicht so leicht fällt, die ehrerbietige Anrede von früher fallen zu lassen, die ja in diesem Fall doch ihre Berechtigung hatte."
Sieben Jahre später war aus dem ursprünglichen Lehrer-Schüler-Verhältnis eine echte Freundschaft geworden. Nach der Lektüre von Alberts Hauptwerk, dem "Traktat über kritische Vernunft", schrieb Popper: "Ich habe gerade dein Buch ausgelesen. Ich bin wirklich begeistert. Ich habe kein Wort gefunden, das mir nicht aus der Seele gesprochen ist. (...) Für mich ist dieses Buch das größte Geschenk, das ich je bekam."

Lieblingsschüler Albert war es immer wieder, der bei Konflikten mit abtrünnigen Popper-Jüngern als Vermittler auftrat. Und in Auseinandersetzungen mit Vertretern völlig fremden Denkschulen – etwa Heidegger-Anhängern oder Theologen – nahm er die Rolle der Bulldogge ein und antwortete den Gegnern mit gepfefferten Traktaten. Das war auch im Anschluss an den Soziologentag in Tübingen im Jahr 1961 der Fall, als Albert auf den von Jürgen Habermas artikulierten Positivismusvorwurf scharf reagierte, während sich Popper eher im Hintergrund hielt. In seinen Briefen machte er aus seinem Ärger allerdings keinen Hehl: "Ich kann diese Leute einfach nicht ernst nehmen", schrieb Popper an Albert, kurz nachdem das Buch zur Tagung erschienen war: "Und Jürgen Habermas ist ja ein Flachkopf. Was der noch alles anrichten wird, ist einfach nicht abzusehen."

Robert Czepel in FALTER 42/2005



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