Blink!. Die Macht des Moments

Malcolm Gladwell


Das Hirn im Bauch

Nach seinem Bestseller "Tipping Point" beschwört Malcolm Gladwell nun in "Blink!" die Macht der Intuition.

Sobald Sie diese Zeilen gelesen haben, haben Sie auch schon ein Urteil über dieses Buch gefällt. Das behauptet zumindest Malcolm Gladwell in seinem neuen Bestseller "Blink! Die Macht des Moments", in dem er vom enormen Einfluss der Intuition der ersten zwei Sekunden – dem sogenannten Blink-Moment – auf unsere Entscheidungen und unser Leben erzählt. Und dieses adaptive Unbewusste – laut Malcolm Gladwell "eine Art Supercomputer, der schnell und leise eine Unmenge von Daten verarbeitet, die auf uns einströmen und die wir zum Überleben benötigen" – sollten wir uns zunutze machen, ist es doch angeblich erfolgreicher als unser bewusstes Denken.
Das Buch selbst besteht aus einer Ansammlung von Anekdoten und Beispielen, in denen auf durchaus unterhaltsame Art und Weise demonstriert wird, wie unser unbewusstes Bauchgefühl uns erstaunliche Urteilskraft verleiht. Gladwell erzählt vom Psychologen, der nach 15-minütiger Beobachtung eines Paares in der Lage ist, nahezu hundertprozentig zutreffende Prognosen über den Zustand ihrer Beziehung abzugeben. Er berichtet über den erfahrenen Armyveteranen, der mittels Bauchgefühl bessere Schlachtstrategien entwirft als die Milliarden Dollar schwere Hightechmaschinerie des US-Militärs – und dem sein Bauchgefühl wohl lästige Bauchschmerzen aufgrund der Verantwortung für Tausende Menschenleben ersparte. Oder von professionellen Lebensmitteltestern, deren Geschmacksknospen-Blink so zuverlässig ist, dass sie im ersten Moment bestimmen können, was Millionen Nordamerikanern schmeckt. Oder eben nicht.
Schon im erfolgreichen Erstling "The Tipping Point" beschwor Malcolm Gladwell die Macht des magischen Moments – allerdings ging es damals eher aus parasoziologischer Perspektive darum, wie Quantität in Qualität umschlägt oder plötzlich neue Trends entstehen. Das Buch war nach seinem Erscheinen im Jahr 2000 wochenlang in aller Munde und wurde immerhin von so mächtigen Männern wie Donald Rumsfeld benutzt, um den Irakkrieg zu erklären. Der Starbucks-Manager Howard Schultz wiederum verwendete das Argument des überraschenden Umschlagens in eine völlig neue Qualität, um den Erfolg seiner Kaffeekette zu erklären.

Tipping Point" wurde als neue Businessbibel gefeiert und der Autor als neuer Businessguru. Malcolm Gladwell, Jahrgang 1963, der seit 1996 als Kolumnist für das US-Magazin New Yorker arbeitet, wundert sich laut eigener Aussage selbst über diesen überwältigenden Erfolg – und man kann es ihm nicht verdenken. Zweifellos ist er ein recht amüsanter Erzähler. Aber zumindest die vollmundig angekündigten Ratschläge und Anleitungen, wie man die Macht der Intuition erfolgreich einzusetzen lernt, bleibt er in "Blink!" schuldig.
Für ein seriöses Sachbuch wiederum ist das Buch zu seicht – neurologische oder psychologische Hintergrundinformationen sucht man vergebens. Aber sollten Sie sich trotzdem schon nach Lesen der Überschrift unwiderstehlich zur Lektüre dieses Buches hingezogen fühlen, nur zu. Oder wie es Malcolm Gladwell ausdrückt: "Don't think, Blink!"

Claudia Fenzl in FALTER 42/2005



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