Wie wir leben werden. Unsere Zukunft beginnt jetzt

Matthias Horx


Blick nach vorne

Matthias Horx weiß, wie wir leben werden und wann China demokratisch wird.

Optimismus ist eine feine Sache. Morgens mit dem festen Wissen aufzustehen, dass es ein guter Tag wird, ist jedem zu gönnen. Matthias Horx ist Optimist. Nur blickt er nicht nur auf den kommenden Tag, sondern versucht, gleich hundert Jahre vorauszudenken. Der in Wien lebende Zukunfts- und Trendforscher, einer der einflussreichsten im deutschen Sprachraum, hat schon unzählige Bücher verfasst, in denen er uns sein 20. und 21. Jahrhundert vorstellte.
Nun liegt sein neuestes Werk vor: "Wie wir leben werden". Darin entwirft er eine detaillierte Ansicht unseres Lebens nach dem Übergang von einer Industrie- in eine Wissensgesellschaft, die durch Globalisierung und technischen Fortschritt geprägt ist. Die Art und Weis dieses Fortschritts wird dabei freilich nur nebenbei erwähnt, denn Horx fragt vielmehr nach dessen Auswirkungen auf das Soziale und das Zwischenmenschliche. Also etwa, wie hohe Mobilität, technisierte Fortpflanzung oder verbesserte Gesundheitsversorgung unsere Vorstellungen von Liebe, Geburt und Tod beeinflussen. Oder: wie unsere Biografien ausschauen werden, wie unsere Karrieren. Aber auch: Warum werden wir Kriege führen?
In zehn Kapiteln, die je einem Thema gewidmet sind, bringt uns der Gründer des Instituts für Zukunftsforschung seine Vision näher: Geburt, Lernen, Liebe, Arbeit, Wohlstand, Krieg und Katastrophen, Politik, Glaube, Das ganze Leben und Tod. All das wird mit viel Hintergrundwissen recht umfassend abgehandelt. Für die Schnellleser fassen sogenannte "Future Briefings" die wesentlichen Fakten noch einmal zusammen. Wenn nötig, holt der Autor auch weiter aus, um seine Leser wirklich mit den nötigen Informationen zu versorgen, die sie brauchen, um folgen zu können.
Horx illustriert seine Thesen mit zwei exemplarischen Lebensläufen: Alya und David. Beide wurden im Jahr 2000 in unterschiedlichen Regionen der Erde geboren, beide wachsen im reichen Westen auf. Von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod rückt der Autor immer wieder kleine Episoden ihres Lebens in den Mittelpunkt. Dabei wird das zuvor sehr theoretisch Diskutierte immer wieder lebendig und fassbar. Das tut gut, gerade weil die technischen, informativen Abschnitte über weite Strecken kalt und abstrakt wirken.

Ein Zukunftsforscher, gerade einer von Horx' Kaliber, muss sich natürlich auch die Frage gefallen lassen, wie realistisch, wie umfassend gültig seine Sicht der Dinge ist. Horx bezieht sich gerne auf die Science-Fiction-Serie "Raumschiff Enterprise", um seine Bilder zu verdeutlichen. Aber inwieweit ist die vom ehemaligen Science-Fiction-Autor Matthias Horx beschriebene Welt realistischer als die Welt von Gene Roddenberry, dem Schöpfer des "Star Trek"-Universums?
Nun, beide sind durch ihren Optimismus geprägt. In beiden Fällen siegt das Gute im Menschen. Bei Horx nicht unbedingt aus moralischen Gründen, sondern aus reinem Pragmatismus. Wenn er schreibt, dass bis 2040 eine Weltarmee realisiert wird, 2050 China vollständig demokratisiert ist, macht das in jedem Fall Hoffnung. Ob er sich dabei aber nicht zu weit aus dem Fenster lehnt, wird uns – no na – allein die Zukunft verraten.

Fabian Amman in FALTER 42/2005



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